Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur.

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versteht, in welchem „das mit einem lebhaften Mitthei-
lungstriebe verbnndene Gefühl der Zusammengehörigkeit
der Menschen zu einem Ganzen vorhanden und zu lell-
haftem Bewußtsein gekommen ist", ist zur Ansübung der !
Kunst befähigt (S. 225), welche die hohe Aufgabe hat,
durch die Erregung des Schönheitsgefühls in dem Ge-
uiüthe des Menschen auf das Verhältniß seiner Seele
su Gott und der Mcnschheit hinzuweisen und dadurch
uuch das Bewußtsein seiner Stellung in der Natur und z
seiner Befähigung, die Spuren Gottes in der Natur zu !
krkenncn, in ihm anzuregen und lebcndig zu erhalten
(S. 142). Demgemäß ist die Kunst selbst „das Ver-
lahren, wclches in bcwußter Weise zu dem Zweck an-
getvendet wird, um das Gefühl der Schönheit in Andern
)u erregcn", nicht ctwa, wie der Verfasser sehr richtig
benierkl, um das „Schöne" odcr die „Schönheit" dar-
zustellen, da diese „keine objektiv vorhandene Eigen-
schaft eincs Dinges ist, sondern nur in der subjektiven
defriedigung des Gemüthes besteht" (S. 87), welche
bieses aus dem Gefühl schöpft, daß wir in Folgc des
"uniittelbaren Verhältnisscs, in welchem unser Denkver-
U'vgen zu dem in der Welt zum Ausdruck kommenden
^ciste steht, „im Standc sind, dic Bande der irdischen
^schränktheit durch die Kraft des Gemüthes zu durch-
brechen". Die Erschcinungen aber, welche geeignet sind,
bieses „Gefühl der Schönheit" zu crregen, sind „schön".
^as erstc Erforderniß hierfür ist die „Uebereinstimmung
bkr äußcren Erscheinung mit dem ihr zu Grunde lie-
genden, sie belebenden Geiste". Da nun diese Ueber-
^instiinmung die „Wahrheit" ist, so ist die Schönheit
-Fie (dem Menschen erkennbare) Form (Erscheinung) der
^ahrhcit" (S. 57 und 58).

Von dieser Begründung dnrch dic Annahme eines
ubsolutcn Geistes aus lassen sich auch die metaphysischen
^useinandersetzungen bcgreifen, die mil den beim ersten
^stn philosophisch anmuthendeu Entwickelungen zu An-
^ug des Bnches nicht recht stimmen wollen, jene Dar-
iegungen, nach welchen neben dem Stoff der Geist
^'stirt, dessen Vercinigung mit dcm Stofs eine „un-
^eifelhafle Thatsachc" (S. 21) ist, der sich aber vom
^vsfe lösen und „völlig unabhängig vom Stoffe, allein
"kd ausschließlich Geist sein" wird (S. 23). Man ist
iuiiächst gencigt, gegen solche Sätze von der Erkenmniß
"us, daß wir „von dcm, was außer uns in der Welt
^st und vorgeht, nichts als das, was wir durch unsere
^inne davon wahrnehmen" wisien, Einsprache zu er-
^ben, gjxdt es abcr auf, sobald der dogmatische Cha-
^ukter dcutlich hervortritt, wenn z. B. S. 25 die Scele
"Uuf Grund der ihr angcborenen, nicht von außen her
^Ugenoiiiinencn Jdccn und Ueberzeugungen wirkt und
Ichaffl", solche angeborcnen Zdeen

-'Ukliv unserc Handlungcn und Urtheile" leitende Seele
"ib „Vernunft" erklärt wird. Hier bleibt nichts anderes

übrig, als enlweder die Grundanschauung anzunehmen
oder zu verwerfen. Nur wäre es von Seiten des Ver-
fassers räthlicher gewesen, wenn er, dieser Grundan-
schauung gemäß, alsbald den leitenden Satz an die
Spitze gestellt und dann deducirt hätte. Wir bestreiten
nun durchaus nicht, daß sich auf dieser Grundanschauung
nicht eine sehr edle, reine Auffassung der Kunst und
ihrer Aufgabe gewinnen läßt. Am besten beweist dies
eben das vorliegende Buch, so daß man nur wünschen
kann, unsere hcutige Künstlerwelt und unser Publikum
möchte sich der hier energisch betonten edleren Geschmacks-
richtung zuwenden. Eine andere Frage ist aber die nach der
literarischen Stellung, welche das Buch einnimmt. Jn
dieser Beziehung muß unser Urtheil dahin lautcn, daß
Dogmatik und Wissenschaft einander ausschließen, — daß
aber ein Buch, welches die Nesultate licbevoller Be-
schäfliguug eines denkenden Mannes mit der Kunst
giebt, welches gleichsam eine Generalbeichte, eine Nechen-
schaftsablage dcr durch crnste Bemühung gewonneuen
ästhetischen Anschauungen enthält, auch für solche, die
auf anderem Standpunkie stehcn, cine Fülle von An-
regungen einschließt und vollen Anspruch auf Beachtung
zu erheben bercchtigt ist. V. V.

Im Soulpturs su Luroxs 1878, prssääs ä'uus

oouksrsuss sur 1s Aäuis äs I'urt z)Ig.sticzuö pur

U. Hsnr^ llouin. I'uris, lü. Illou, »L 6io.

1878. 8.

Hcnrh Jouin, der Verfasser des von der franzö-
sischen Akademie preisgekrönten Prachtwerkes „David
d'Angers", hat den sechs seit 1873 erschienenen Bänden
„I-u Loulpturs uu 8ulou äs 1873", 1874, 1875,
1876, 1877 und 1878, ein neucs Werk „Im 8ou1p>-
turs su Luroxs 1878" folgen lassen, welches nach
ihm eine Uebersicht der modcrucn Plastik in ganz Europa
geben soll, während cs in Wirklichkeit nur cine Rund-
schau unter den auf dem Marsfeldc vereinten Kunst-
werken ist und, je nach der Beschickung der Ausstellung
durch die verschiedenen Nationen, knapp oder ausführ-
lich über die Leistungen ihrer Bildhauerschule bcrichtet.
Ueber diesen Kreis greift Jouin nicht hinaus, und der
deutsche Lescr muß, zur Motivirung der Dürftigkeit
des Kapitels über die deutsche Plastik, zu dem Titel
„Die Bildhauerei in Europa 1878" im Geiste den Zu-
satz, „wie sie auf der Pariser Weltausstellung vertreten
war", machen. Woher soll, um nur einige Namen
herauszugreifen, der Franzose Schaper, Donndorf, Knoll
und Diez kennen, da sie dort fehlten? Wenn cr jedcr
seiner früheren Arbciten eine philosophische Studie über
,,1'osuvro soulxtös", „1s mgrdrs", „Is proosäs", „1g
stgtus", „1s xrouxo" und „1o dusts" voransetzte, so
gab er dieser jüngsten einen ursprünglich zum Vortrage
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