Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Aus der Drssdener Gemälde Galerie.

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waltige Jndividualität! DaS eben Gesagte gilt auch
vvn dem zweiten der in Rede stehenden großen Männer.
Die Nationalgalerie besitzt bereits seit Jahren einen
Lenbach'schen Moltke, bei welchem der Künstler wohl
den Chef des großen Generalstabs in seiner unnach-
ahnilichen Ruhe uud Schlichtheit im Sinne gehabt
hat. Jetzt sehcn wir auf der Staffelci dessclben Künst-
lers den Grafen Moltkc als Schlachtenlenker, den Kopf
znr Seite gewendet, so daß das unbeschreiblich schöne
Prosil dentlich hervortritt; das kühne Ange sprüht
Feuer und Ktarheit: man sieht cs diesem Haupte an,
daß seinen Plänen und Anstrengungen der Sieg ge-
lingen muß.

Es giebt auch ein weibliches Heldenthnm. Welche
Befriedigung mnß es dem Künstler gewähren, daß cr
im Stande ist, eine der größten nnd edelsten Frauen-
naturcn durch die Biittel seiner Knnst der sicherlich
dankbaren Nachwelt zu erhalten. Die Gräsin Maria
von Schleinitz, deren hohe Schönheit durch den Aus-
drnck deS intensivsten Geisteslebens, des aufopfcrndsten
Enthusiasmus nnd unbcschreiblicher Grazic nur noch gc-
N'innt, bietet dem Künstler auf's Neue Gelegenheit, eincn
seiner größten Triuinphe zu feiern. Dcnn sreilich mag
cin Porträtist selten vor einer schwereren Anfgabe gc-
standen haben, als es die ist, eine so inhaltreiche, leben-
dige nnd sprechcnde Physiognomie anf die Leiittvand
als etlvas Dancrndes nnd Festes zu banncn. Jedes ge-
ringere Talent würde hier iu Gcfahr gerathen, bloß
cine Maskc Vvn photographischer Trenc zu liefern, kein
Kunstwerk. Abcr Lenbach kann sich so in das innerste
Wesen eines Mcnschen vertiefen, daß es ilnii gelingt,
alle wesentlichen seelischen Kräfte dnrch die reichen
Bcittel seiner Palette uns vor Augen zu führen. Der
Maler wird hier zuin Psychologen ini hvchsten Siniie
des Wortes, znm Philosophen. Seit den Tagen der
großen Maler haben wnr hicr wicder eincn Pvrträ-
tisten, der es vcrsteht, uns aus den verborgenen, zuin
Theit widersprechcnden seelischen Eigenschaften des
Vienschcn ein sofort begriffcnes Ganzes znsammciizil-
dichten und nns mit einem Schlage die Erkenntniß zn
verschaffen, die wir im gemeinen Leben oft crst nach
langer Uebung, bisweilen gar nicht erwerben.

Ucbrigens beschränkt Lenbach seine Kunst durchaus
nicht anf Mcnschenerschcinungen wie dic oben genann-
ten; von dcm Heldenthum führt cr uns viele Stnfen
hinab bis ins Behaglichc und Unbedcutende, versteht
aber überall unscr Jntcresse für sein Objckt zu cr-
wecken. So hat er eine junge englische Dame mit
herrlichem, röthlich blondem Haar in rothsammtiicm
Gewand im Stil dcr italienischen Renaissance gemalt;
die Weise der Anffassung erinnert an Pnlma vecchiv.
Trefflich ivirkt der ansdrucksvolle, im Profil dargestclltc
Kops eines alten Mannes mit iveißcm Bollbart, den

er ebenfalls kürzlich vvllendet hat. Wie das Gerücht
gcht, gedenkt Lenbach auch eine bekannte Persvnlichkeit
der Berliner lianto llnnnao abzukonterfeien, und es ist
wohl keinem Zweifel unterwvrfen, daß es ihm auch
dabei gelingen wird, Jnteresse für seine Darstellnng
zu errcgen. B. Förstcr.

Aus der Dresdener Gemälde-Galerie.

Des Werthes und der Bedentung vcr Dresdenec
Gemälde-Galerie eingedenk, hat die sächsische Negicrung
von jeher diesen Schatz mit Sorgfalt gepflegt; insbe-
sondere muß man der Gcgcnwart nachrnhmen, daß sie
in regster Weise bemüht ist, die Sainmluiig zu konser-
vircn und weiter zu entwickeln. Scit dcn GründungS-
zeiten der Galerie sind keine so iimfänglicheii Erwcc-
bungen gcmacht worden, wie in dcm letzten Jahrzehnt.
Hand in Hand mit den Erwerbungen gingcn neue Ein-
richtungen, um die Gemälde vor allen nachtheilige»
äußeren Einflüssen zu sichern, wie zngleich um dieselben
der Beschauung näher zu rücken und sie dem Studiuin
und Genuß so nutzbar wie mvglich zu machen. Die
zahlreichen Ankäufe der lctztcn Jahre crheischten eine
räumliche Erweileruiig der Sammlung. Dieselbe wurdc
möglich, lndcm mau die beiden in der Nähe, an dcn
beiden Enden des Museuiiisbaues liegenden Zwingei-
Pavillons mit zur Galerie zog. Die bciden geräumigen
und mit gutem Lichte vcrschencw Pavillons wurden durch
Scherwände zweckenlsprcchend znr Aufuahine von Ge-
mäldcn hergestellt und mit dem Muscuni durch bedecktc
Gänge verbunden. Jn dem nordwestlich gelegcncn Pa-
villon, der ehedcm als Atclicr benutzt wnrde, haben
hauptsächlich untergeorduetere Werke der italienischen
Kunst Platz gefnnden, darunter einige größere Bildcr,
wie von Bat. Pittoni u. A., die mau bisher wegen
Naummangel nicht aufstellen konnte, die aber, wcnn
auch von geringem künstlcrischen Wcrthe, doch immerhin
von kunstgeschichtlichem Jnteresse sind. Ebenso wurden
in dem andercn, nordöstlichen, Pavillon die dentschcn,
uiederländischeii und holländischcn Gemälde untergebracht
bis auf die Elite derselbeu, welche in den Hauptsälcn
des Museums praugt. Auch hier gelaugt so mancher
seltcne Meister zur bcssercn Geltung als iu den Kabi-
netten dcr zweiten Etage, in welchen die Mehrzahl dcr
genannten Bilder bisher gcdrängt aufgchängt war. MaN
hat durch die Einrichtung dieser Pavillons nicht ni>r
die in denselben untergebrachlen Bildcr günstigcr placirt
und überhaupt den sogenanntcn „Borrath" auflöse»,
d. h. alle im Bcsitze dcr Galerie besindlichcu Gemäldc
zur Aufstellung bringen können; man hat dadurch »a-
mentlich auch die Hauptsäle der Galerie entlastet »nv
so nianchem Meisterwerke ersten Ranges zu mchr Lnst
und Lichi und überhanpt zu cinem bessercn Platze ver-
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