Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Aus der Dresdener Gemälde-Galerie.

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historischcn Bildern giebt einer Reihe der hervorragendsten
Berliner Maler eine schöne Gelegenheit, die größten Mo-
mertte der ruhmreichcn preußischen Geschichte in monu-
mentalen Kunstwerken zu behandeln. Dieses noch im
Werden begriffene Waffen- nnd TrophäemMuseum, —
eine der glücklichsten Schöpfungen der modernen Berliner
Kunst, weil sie hier getragcn wird von dem lebendigsten
Znteresse unseres Staates und Volkes, — wird seiner
Zeit noch unsere speziellere Aufmerksamkeil in Anspruch
nehmen. Heute wollte ich von zwei Bildern erzählen,
die es mir zum angenehmen Bewußtsein gebracht haben,
daß einer unserer lüchtigsten Maler, im Dienste zweier
ebler Mäcene, auch im Staffeleibilde den großen
Stil zur vollen Geltung zu bringeu weiß.

Georg Bleibtreu hatte vom König von Sachsen
den schönen Auflrag bekommen, die entscheidendste Waffen-
that der von ihm als Kronprinzen im Jahre 1870
kommandirten sächsischen Armee darzustellen. Der Künstler
wählte ven Angrifs, den das 12. Korps am Abend des
18. August zusammen mit der preußischen Garde auf
St. Privat umernahm. Bekanntlich wurde damit die
Entscheidung des blutigen Tages herbeigeführt. Den
Mittelgrund des Bilbes nimml eine trefflich komponirte
Gruppe beritlener höherer Osfiziere ein: der Komman-
beur des Korps, der damalige Kronprinz Albert als
Schlachtenlenker, dem Prinzen Georg von Sachsen, der
links neben ihm hält, Befehle ertheilend, während von
der rechten ein Adjutant, Hauptmann von der Planitz,
in stürmendem Galopp herbeieilt, um eine Meldung zu
machen; zwischen diesen beiden der Generalstabsosfizier des
Korps, Oberst von Zcschwitz. Die ganze Gruppe wird
vcn der sinkenden Augustsonne beleuchtet, hinter ihr und
zu beiden Seiten eröffnel sich ein weiter Hintergrunb:
St. Privat in Flammen, die erste sächsische Division im
heftigen Sturm auf dcn brcnnenden Ort links von den
Reilern des Mittelgrundes, während von einer Baum-
gruppe ganz rechls ein Jägerregiment zum Sturme vor-
geht. Gauz im Hintergrunde ziehcu sich die Pappeln
hin, welche die Slraße nach Ste. Marie aux Chönes
säumen.

Der Vordergrund, dessen Lichter kalt gehalten sind,
ist in Farben und Formen aufs genaueste ausgeführt.
Sowohl der grasige Fußboden als auch die dort ange-
brachten gefangenen und verwundeten Franzosen zeigen
die eingehendste koloristische und formale Behandlung.
Durch den dazu in trcfslichen Gegensatz gebrachken Mit-
telgrund sowie durch die prachtvolle Luftperspektive des
fernen Hintergrundes mit seiner zwcifachen Beleuchtung
erhält das Bild eine Tiefe, aus ber die Hauptgruppe,
auf wclche die besoudere Aufmerksamkeit des Bcschauers
gelenkr werden soll, doppelt schön hervortritt. Diese
glücklich durchgeführte Atmosphärenmalerei verbindet
sich mit einer sehr harmonischen koloristischen Behandlung

zu einer überaus wohlthuenden Gesammtwirkung. Der ,
Künstler macht uns hier zu Zeugen eines gewaltigen
Vorganges, den er mit aller Treue schildert, ohne uns
durch nebensächliche, gleichgiltige Details zu verwirren;
mil einem Worte, er giebt uns ein Historienbild im
vollen Sinne des Wortes.

Dramatischer noch und stürmischer ist ein Vorgang
desselben Krieges, den der gewissenhafte Meister uns in
einem zweiten Gemälde vorführt, unb dcm er selbst als
Augenzeuge beigewohnt hat. Der erste große Heldentag
des Krieges war zugleich ein Ehrentag der königlich
Württembergischcn Truppen, und so wollte der König
von Württemberg den Sturm seiner Soldaten auf
Fröschweiler am Abend der Schlacht von Wörth von
Bleibtreu gemalt wisscn. Dicses Werk geht seiner Voll-
endung entgegen, während das eben beschriebene vollen-
det, wie es ist, in wenigen Tagcn nach Drcsden übcr-
siedeln wird. Da sie bcide nicht vorher ausgcstellt
werden, beide aber entschieden dcn bisher erreichten Höhe-
punkt in der künstlerischen Thätigkeit Bleibtreu's be-
zeichnen, so scheint dieses speziellerc Eingehen doppelt am
Platze. Jn dem für Stuttgart bestimmten Gemälve
vollzieht sich ein gewaltiges Drama vor unsern Augcn:
im Mittelgrunde ein württcmbergisches Jnfanlerieregimeiik,
geführt von seinem Oberst Trinkler, in hcftigster Attaque
auf das Dorf Fröschweiler. Das Schloß des Grafcn
Dürckheim, die brennende Kirche daneben sind deutlich
sichtbar. Der Stoß der Württemberger war bekanntlich
einer der entscheidendsten Momente des heißen Tages;
rechts von ihnen schließen sich Truppen des elften Armee-
korps an; in der Mitte hinter den Stürmendcn hält
General Starkloff, Kommandeur der 2. württembergischeu
Brigade. Der weitere Hintergrund wird nach links
durch die Kette der Vogesen gebildet, vor denen dic
aufgelöste Schützenkette der Franzoscn sichtbar ist.

Kcinc Frage, Laß es dem Mcister gelingen wirv,
die in dem ersten Bilde gerühmten hohen tcchnische»
Vorzüge, harmonische Farbenwirküng, trcffliche Luft-
perspektive, genaue Unterschciduug zwischen Vordergrund,
Mittelgrund und Hintcrgrunb, auch diescm Gemälde aN-°
zueignen. Alles in Allcm sind sie edle Vertreter der
großcn historischen Kunst und liefern den schönen Beweis,
daß Las Talent Bleibtreu's in noch iinmer vollerer und
reicherer Entwickelnng begriffen ist.

B. Förster.

Aus der Dresdener Gemälde-Galerie.

(Schluß.)

Unter den Münchener Landschafien begegnen nnc
Arbeilen ber drei Brüder Albert, Nichard und Robci'k
Zimmermann, von welchen jedoch der erstgenanntc u»d
seiner Zeit gerühmteste Sproß der begabien Faiuikld'
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