Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 559
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0286
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
559

Kunstliteratur. — Nekrologe.

560

demie zu Münster, welche eine außerordentliche Pro-
sessur für Kunstgeschichte besitzt. Daß mauche Uni-
versitäten sich ebenfalls noch immcr für dicses Fach
mit Extraordinarien begnügen müssen, ist ein Uebel-
stand, der dringend der Abhilfe bedarf. Nicht zu rccht-
fertigen ist ferner die hänsige Kombination von Aesthetik
und moderner Knnstgeschichte. Bedeutende Universitätcn,
wie Heidelberg, haben vollcnds gad keine Vertretnng
der modernen Knnstgeschichte nnd weisen auch die
Aesthetik nur in Kombination mit dem philosophischen
Lehrstuhl aus. Der wissenschastliche Lehrapparat ist
an den meisten Universitäten ein sehr mangelhafter.
Daran reihen sich die 8 technischen Hvchschulen, die
7 Kunstakademien, von denen die Berliner Anstalt in
ihrer komplicirten Gliederung von besonderem Jnteresse
ist, die zahlreichen Kunst- und Kunstgewcrbeschulen,
endlich die Vereins-Verbände und einzelnen Kunst-
vereine. Ueberall finden wir die Personalien, die Or-
ganisation, häufig auch die Geschichte der Jnstitute
oder Vereine, endlich ihre materiellen Erfolge sorg-
fältig verzeichnet. Als Anhang sind noch die wich-
tigsten einschlägigen Staatsbehörden beigefügt. Auch
in dieser Hinsicht ist die Organisation keine einheitliche:
in Preußen, Sachsen und Württemberg ressortirt dic
Knnstverwaltung vom Unterrichtsministerium, welches
in Banern mit dem Ministerium des Jnnern vercinigt
ist; in Baden stehen die Lehranstalten nnd die Kunst-
sammlungen des Staates ebensalls unter dem Mini-
sterium des Jnnern. Die ganz anomale österrci-
chische Einrichtung, daß — von der Hofvcrwaltnng
abgesehen — zwei Ministericn (das des IlnterrichtS
nnd das des Handels) sich in die vberstc Leitung der
Knnst- nnd Kunstgewerbeschulen theilen, findet, sich
zum Glück in Deutschland nirgends. Dvch das führt
nns bereits über die Grenze dcs Äahrbnches, in seincr
jetzigen Gestalt, hinans. Denn die Mitberücksichtignng
der österreichischen Kunstanstaltcn ivird nns Vvn den
Herausgebern erst für nächstes Jahr in Aussicht gestellt.
Hoffcntlich nehmen sie dann anch die Schweiz gleich
mit in den Rahmen des Unternehmcns auf und gebcn
demselben dadurch seine natiirliche Abrundnng.

Von der Ansstattnng ist nur das Rühmlichste zn
sagcn. Das Format ist handl«ch; Papier, Druck nnd
Einband sind dem Zwecke geschmackvoll angepaßt. Von
Jnkorrektheiten ist nns nur Ivenig Erhebliches (wie
z. B. S. 170, Z. 15 „ständischer" statt „ständiger")
ausgefallen. Das Buch bedarf kanni der besonderen
Empfehlung; es wird sich bald in allen Kreisen ein-
bnrgeni, wo man an unserem Knnstlebcn ein prak-
tisches und ernstes Jnteresse nimmt.

U. R.

Oskar Guttmann, Die ästhetische Bildung des mensch-
lichen Körpers. Lehrbuch zum Selbstunterrichte für
alle gebildeten Stände, insbesondere für Bühnenkünstler.
2. Äuflage. Leipzig. I. I. Weber 1880. 8. XXXlV
und 312 S.

Wenu Hegel mit dem Satze, welcher als Motto an die
Spitze des Kapitels über „Pädagogische Gymnastik" gestellt
ist, wirklich Recht hat: „Die Griechen machten sich selbst erst
zu schönen Gestaltungen, ehe sie solche objektiv in Marmor
und Gemälden ausdrückten", — so liegt vielleicht der Grund
für den immer noch nicht kommen wollenden Aufschwung der
modernen Kunst darin, daß wir selbst noch nicht schön genug
geworden sind. Da wäre es denn allerdings räthlich,
schleunigst zu obigem Buche zu greifen, um unser Möglichstes
zu dem ersehnten Kunstaufschwunge beizutragen. Jedenfalls
sindet der Benutzer des Buches recht nützliche und verständig
gegebene Regeln und Vorschriften, die man freilich hin-
nehmen muß, ohne eine innere Begründung verlangen zu
dürfen. Auch die erklärenden Zeichnungen erfüllen den
nützlichen Zwsck; hoffentlich aber üben sie auf die ästhe-
tische Bildung der Körper der Lernbegierigen keinen Einfluß
aus — die Wirkung wäre beklagenswerth. V. V.

x. Lübke's Gcschichte dcr Plastik war seit einiger Zeit
vollständig vergriffen und erscheint nunmehr in dritter
Auflage im Verlage von E A. Seemann in Leipzig. Ver-
fasser und Verleger konnten kaum einen günstigeren Zeit-
punkt für dis NemHerausgabe dieses verdienstlichen Hand-
buches finden als den gegenwärtigen, wo die erfolgreichen
Ausgrabungen antiker Bildwerke und die sich drängenden
öffeutlichen Schaustellungen mittelalterlicher und moderner
Erzeuguisse der Stein- und Erzbildnerei das Jnteresse für die
Entwickelung der plastischen Künste lebhaft augeregt haben.
Die bereits vorliegenden ersten beiden Lieferungeii (das Ganze
soll 10 Lieferungen umfassen) kündigen schon in ihrer äußeren
Erscheinung eiiien erheblichen Fortschritt gegen die älteren
Auflagen an, insofern sie eiiie große Menge neuer uud tresf-
licher Abbildungen enthalteni die Abschnitte über die ägpp-
tische, kleinasiätische und altgriechische Plastik haben eine
wesentlich veründerte Gestalt gewonnen und zeugen von des
Verfassers rüstigem Fleiße und emsiger Arbeitslust, auf
deren Ergebnisse wir später ausführlicher zurückkominen
werden.

2. Das Supplenicnt zuScemaiin's kuusthistorischenBildcr-
bogen, die Kunst des 10. Jahrhunderts betresfend, ist neuer-
dings einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen. Die
2. und 3. Lieferung bringen auf 22 Tafeln 112 Abbildungen
zur Geschichte der modernen Malerei in Frankreich (der bereits
die 12 Taseln der ersten Lieferung galtsn), in Belgien, den
Niederlanden, Jtalien, Englaud und Amerika, und endlich in
Deutschland. Die deutsche Mnlerei wird erst iu der vierten
! Lieferung mit 8 weitercn Tafeln ihren Abschluß finden. Die
übrigen 18 Tafeln dcr 4. und 5. Lieferung sind für die
' Architektur und Plastik bestimmt. Auch zu diesem Supple-
ment wird ein „Textbuch" von der Hand desselben sach-
kundigen Autors erschcinen, der zu dem Hauptwerke de»
Kommeiitar geliefert hat.

« Schwind's Frcsken ini Wiener Opernhaiise, welche
bekanntlich zu den schönsteii und edelsten Wcrken des Mei-
sters gehören, werdcn gegenwärtig von Bruckmann in
München iu einer photographischen Nachbildung der Kartons
publicirt. Der Cyklus wird füus Lieferungen zu je 3 Blatt
umfassen und, wie wir hören, von einem erläuteruden Text
aus Ed. Hanslick's Feder begleitet werden. Die vor-
liegende crste Lieferung läßt in Bezug auf technische Aus-
führung nichts zu wünschen übrig.

Nekrologe.

l5>nl Heiiinch Hcrmaini, eiuer dcr ältestcn Schü-
lcr von Coriiclius, ist am 30. April in Berlin gc-
stvrben. Aiu 6. Jauuar 1802 in Dresdcn geborcn,
besuchte Heriuanu aufangs dic dvrtige Akademie, ging
aber schon 1822 nach Diisseldvrf zu Cvrnclius, dcr
ihu auch bald an deu Arbcitcu iu der Münchener
Glyptothek Theil nehiuen ließ. Hermann zeichuete sich
loading ...