Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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ätorresponvenz.

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des letzten Meißelschlages, des letzten Feilstriches von der
Hand des gewissenhaften, seiner Arbeit mit wahrer Liebe
und Begeisterung sich hingebenden Mcisters, der seit
drei Monatcn hier weilt, um dem Ganzen die voll-
endende Wcihe zu geben. Schwere, durch starke
Querricgel nnd eiserne Zugstangen verspannte Balken-
kisten sind zur Anfnahmc dcr Kunstwerke fertig, um
in kiirzester Frist den langen Weg vom Arnv nach
Elb - Florcnz anzutreten.

Betrachten wir die Figuren etwas näher! Die
mit dem Siegeslorbeer geschmückte Fahne in derRechten
hoch haltend, die Linke auf dcn Adlerschild stiitzend,
steht in majestätischer Haltnng die Hanptsigur der
Germania*) da, einc hoheitsvolle, dnrch nnd durch
mvnnnientale Erscheinnng, den Blick gradaus gerichtet,
aus dem Haupte die Kaiserkrone mit dem Eichen-
kranz, das Haar „langwallenden Falles" den Nacken
hinabfluthend, das Schwert an einem schweren, mit
Diamantsteinen besetzten Metallgehänge, welches zu-
gleich das iiber das Panzerhemd gelegte Obergewand
Zur Linkeu in reichem Faltenwnrf aufschiirzt und die
Vorwärtsbeugung des Beines wirksamer heraustreten
läßt. Sic mißt bis zur Krone 5 m. (bis zur Fahnen-
spitze 7,15 iii.) und ist aus eiuem Stiick carrarischen
Marmors vvn seltencr Größc und Schönheit gehauen;
nur die Fahnenspitzc ist aufgesctzt. Der ganze Block
hatte ursprünglich bei 21 odm. Jnhalt und ein
Gewicht von 70,000 ll^., welches an Ort und Stelle
durch Vorpunktirnng der Figur auf 30,000 herab-
gemindert wurde, aber auch noch in dieser Masse —
abgesehen von dcn vielcnTransportschwierigkeiten, wclche
sich vom Bruch bis zur Station in den Wcg legten
— der Bahnverwaltung nnd dem Rath der Stadt
Flvrenz vicl Kopszerbrcchcns machtc. Nur das ener-
gische Austreten und die umsichtige Tüchtigkeit Cellars
der den gewaltigen Marmvrklotz schließlich von Ochsen
auf Schleifen durch die Stadt ziehen ließ, vermochte
alle Bedenkcn zu heben, nnd nach einer zwcitägigen
Anstrengung rückte dcr Blvck glücklich vom Bahnhofe
bis zum Atelier des Künstlers vor. Jetzt wird immer-
hin nvch dic Hälfte an Gcwicht oder etwas über 250
Centner übrig geblieben sein. Die Ausführung ist Dank
den trefflichen Arbeitern durchweg eine meisterhafte,
der harte, schwer zn bearbeitende Marmor — "Na-
vaccione — von schönster Farbe, von herrlichem Klang
und fleckenlos, ein Grund, weshalb man für größere
statuarische Arbeiten dieser zwciten Oualität carrarischen
Marmvrs denVorzug giebt (wie seinerZeit selbstMichel-
ungelv gethan), wcil die bcsicrc erstc Oualität von

') Das Modell ivurde frühcr <Kunst-Chronik, Bd. VII,
Nr. i) durch einen Holzschnitt den Lesern vorgeführt.

Monte Polvaccio selten so große Stückc in voller Rein-
heit giebt. Jn Florenz ist von alten Arbeiten wohl
nur der Neptun Bartolommeo Ammanati's am großen
Brunnen der Piazza Signoria aus Polvaccio-Marmor
gehauen.

Die sitzenden allegorischen Sockelsigureu reprä-
sentiren Wissenschaft und Wehrkraft, Friede
und Begeisterung. Die erstere, die der letzten in
Conception und einfach edler Wirknng den Preis streitig
macht, stützt das zum Theil iu die Gewandung ge-
hüllte ernste Haupt auf die Rechte, den Blick iu eiu
auf den Knicen ruhendcs aufgeschlagenes Buch senkend
— diese, deren rechter nach vorn gelegter Arm von
den Euden des trefflich drapirten Gewandes um-
schlungen wird, während die Linke sich aufs Herz legt,
hebt den Blick voll Begeisterung nach vben. Der
Friede mit dem Oelzweig hat die Rechte zuin Zeichen,
daß dem Streit und Hader Halt gebvten, hoch gehoben,
und ihni gegenüber legt die gedrungene, mit Schuppen-
panzer und ONantel bekleidete Gestalt der drohend
dreinschaucndenWehrkraft, eincn geflügeltcn, mitEichen-
laub umwundenen Helm auf dem Hauptc, beide Händc
aus das wuchtige Schwcrt. Die Figurcn haben einc
Höhe von 2,25 m.

Die Anerkcnnung, wclche dicse Schöpsungen Henze's
und die Arbeit Ccllai's hier allerseits gefunden, ist
wohlverdient und wird nach der Enthüllung, dic das
Ganze ja erst zu voller Geltung komnien läßt, auch
in Dresdcu nicht ausbleiben, das sich zum Empfang des
Denkmals rüstet. Die Fundamente sind dort bereits
gelcgt und mit der Aufstellung des Postamentes resp.
dem Unterbau für dasselbe ist begonnen. Auf zwei im
Achteck gebrochenc Granitstnfen setzt sich ein runder Sty-
lobat von dunkelgrünem Syenit, dem die Bascn für
die allcgorischen Figurcn im Kreuz vorgestellt sind.
Den Zwischenraum zwischen den Sitzen werdcn Tafeln
mit den Namen dcr 99 gefallenen Söhne Dresdens
ausfüllen, während weiter nach vben die Schlachten-
namen S. Privat, Sedan, Metz, Paris eingegraben
sind. Ein in Bronze ausgeführter Eichenkranz mit
Wappenschildern belebt das eigcntlichc Postament dcr
Hauptfigur (aus rothem Granit) unmittelbar darüber.
Der ganze Postament-Ausban hat cine Höhe von
7,14 m. und verräth die bei so vielen ähnlichen Ar-
bciten bewährte Hand Prvf. Nicolai's.

Auf eine kleine reizende Gruppe, die Henze hier
nebenher modellirt hat, cine sitzende Venus, an der
der neckische Amor hinauskrabbelt, während zu ihren
Füßen sich Tauben schnäbeln, sci hier gelegentlich
ausmerksam gemacht und dabci der Wunsch ausge-
sprochen, daß ihr bald cine Ausführung im Großen
beschieden sein möchte. Das Gleiche gilt von einer
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