Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Jubiläumsfeier der Unabhängigkeit Belgisns.

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Collart und Mlle. Beernaert auf das Klarste der-
folgen. Wenig Neues, aber gar manches schöne
Bild, daö sich, seit Jahren im Privatbesitze ver-
borgen, der Oeffentlichkeit entzog, wirkte hier zur
würdigen Repräsentativn der belgischen Malerschule
mit. Nur die Franzosen habcn in Paris nnd
Miinchen 1878 nnd 1870 Aehnliches gebotcn, wobci
sie freilich diese Riickgriffe in die Vergangenheit gern
bemäntelt hätten nnd keineswegs so unparteiisch zu Werke
gingen, lvie es bei dieser historischen Ausstellung geschah.
Kein bemcrkcnswerther Künstler ward ausgeschlvsscn,
und wenn kein Bild zu erlangen war, wies der Ka-
talog getreulich auf den Ort hin, wv eins zn finden
sei. Emil Wauters zog eine setbständige Aussteklnng
seiner Werke in scincni Atelier vor.

Bci der sehr bedentenden Ac>uarellausstellnng
prägte sich der Charaktcr der belgischen Schule der
vierziger Jahre neben dem iibergreifenden Einflusse der
Franzosen in scharfer Wcise aus. Sie wies vortreff-
liche Blätter Vvn kräftigem Kolorit und svrgfaltiger,
dvch nicht peinlicher Detailausführung aus.

Der dreijährige, am 15. Angust eröffnete Genter
Salvn war znr Fortsetznng nnd Ergänznng dicser
histvrischcn Ausstcllung bestimmt, gestaltete sich abcr
in Folgc der besvnders lebhaften Betheiligung der fran-
zösischen Künstler nnd des sranzösischcn Staates, sv-
wic des Ausbleibens der tüchtigsten, viclfach durch dic
Vvrbercitnngen zn den Festlichkeitcn in Ansprnch ge-
nvmmcnen vder bcreits in Briissel genügend vcrtretencn
Belgier zu einer Art Vvn Pariser Salon anf ncn-
tralem Bvden. Sämmtliche Ehrenplätze hatten mit
Recht die Franzvsen inne, vhne welche der prnnkvvlk
angekündigte Gcnter Salon eine tranrige Niedcrlagc
crlebt hätte. Bvnnat erwies ihm svgar die Ehrc,
anßer seinem „Hivb" sein jüngst vvllcndetes Pvrträt
Levn Cogniet's znm ersten -Malc dort ansznstellen, die
einzige Nvvität nnter den Franzvsen, aber als svlche
dic angenehmste Ueberraschnng, denn es ist einc Mnster-'
leistung im Ivahren Sinne des Wvrtes. Jn nnge-
snchtcr Einfachheit, das Käppchcn ans dcm Haupte,
sitzt dcr greise silbcrhaarige Künstler da und blickt vvll
crnsterMildc in'sWeite. JederZng desBildes istnatür-
lich unv spricht sür sich sclbst; da brancht man nicht,
Ivie bei Vietvr Hngv's Porträt, im Geiste hinzuzu-
dcnlen, es stellc einen berühmtcn inspirirtcn Dichter dar,
vder ivic bei Grevy, es sci ein einsachcr, über Nacht
zn hoher Würdc gekvmmener Mann, der sich noch nicht !
ganz in diesclbe cingelebt habe; hicr bedarf cs keiner ^
Erläutcrnngen, nnd das Knnstwerk ist darnni destv
höher zn schätzcn. Die Franzosen sind überhaupt in
dcn letztcn Jahrcn merkivürdig mvbil gewvrden nnd
crgrcisen jede Gelegenheit, ihrer Knnst dnrch Massen-
theilnahme an fremden Ausstellungen einen hohen

Rang zu sichern. Der Holländer Jvsef Israels sucht
fvrt nnd fvrt seine Jnspirativnen bei Rembrandt, sein
„Tischgebet", wo der lichte Svnnenstrahl im Stübchen
der Wittwe über das blvnde Haupt des Svhnes gleitet,
ist im schönsten Clairvbscur gehalten und vvn bedeu-
tender Wirknng. Das dentsche Gcnrebild lag bei
Rud. Jordan, Schulz-Briesen nnd Bvkelmann
in gutcn Händen, Vvn Landschaftern hatten sich trvtz
der Düsseldvrfcr Knnstausstclluiig eine stattliche An-
zahl zusammcngefnndcn, aber die Franzvsen behiclten
trotzdcm das Ucbergelvicht.

Belgien, Ivelches den Kern hälte liescrn svllen,
verschwand fast nnter der Fülle der fremden Gäste; anch
hattc sich allerlci Mittclgnl ucben den bessercn Arbeitcn
eingeschlichcn. Strnys scheint kein nenes Gemälde
vvrräthig zn haben, nach Düsseldvrf sandtc er dic be-
kannte „Enttäuschnng", zur Brüsseler historischen Ans-
stellnng „Entehrt" nnd hierher das dnnkclgehaltene
Frauenbild „Vergessen". Ovms' prächtiger Charakler-
kopf cines verwitterten Wilddiebes und van Hvve'S
fast zu geleckter „Kunstkenner" nnd „Gvldschmied", sv-
Ivie van den Bvs' bereits durch den Stich bekanntes
Pvrträt der Mme. Grativt nnd endlich van Beers'
dnftnmwobene Franenbiider aus bläulich angehanchlem
Goldgrnnde zählten zur Elite in diesem Kreise. Die nvch
immer blühende Schule vvn Leys fand sich dnrch
Clcynhens' ziemlich .schwach gcrathencn „Markt im
16. Jahrhundcrtc" nnd Hcnri Schasfcls' „Blick in die
Antwerpener Altstadt" rcpräsentirt. Ernest Slingcn-
eyer's „Ueberschwemmung" zeigt einc Vvn lrübcn
Wvgen geschaukclte Wiege, in welchcr Kind nnd Katze
dem Verderbcn cntgegengchen. Es war, als hätte dic
Mchrzahl dcr belgischen Künstlcr erst ganz im letzlcn
Mvmcnte des Genter Salvns gcdachl nnd dann rasch
einige ältcre crrcichbare Bilder hingesandt.

Zum Ereignisse für die Knnstwell ivard anch das
glänzendc Ballfest des b'orvlu nrtintignc! vt littvrnir«:
in Brüssel, wcniger dnrch den Prnnkvvlleii Empsang
der Gäste als dnrch den reichen, eigenS zn diescm Zivecke
geschaffenen Wandschmnck, mit welchem die Künstler
schaft den Saal des Levpvldparts zni» Nativnalmnscnm
nmgcstaltct hattc. Untcr einem ans den Städte-
wappen dcs Landcs gebitdeten heraldischen Fricse ver-
herrlichten acht, aus Gcmälden dcr vcrschicdcnsten Arl,
Geschichtsbildern, Pvrträts, Architeklnrlandschaflcn, Still-
leben nnd Genrcbildern znsammcugesetzte Grnppen kie
pvlitischc, knlturgeschichtliche nnd tnnstlerischc Entivicke-
tnng Belgiens innerhalb der letztcn 50 Jahre. Die
hcrvorragcndsten Meister, Pvrtaels an dcr Spitze,
hattcn ihren Beitrag zn dieser farbenbnntcn Bivsaik
vvn Künstlerhand geliesert, wclche mit dcr Thrvnbe-
stcigung Kvnig Levpvld's I., 1830, begann nnd mit der
Enthüllnng des ihm Vvn seincm dankbarcn Vvlkc znr
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