Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

und der Kaiser war so erfreut über das prachtvolle
Schauspiel, daß er den Wunsch außerte, den Zug, jedoch
ohne die immerhin schwer deweglichen Wagen, noch
eimnal vorbei defiliren zu sehen, was denn auch vhne
Verzug angevrdnet wurde. Am Nachmittage fand ein
großes Festmahl auf denr Gürzenich statt, bei welchem
sich der Kaiser jedoch nicht beteiligte, svndern an seiner
Statt der Kronprinz den Ehrensitz einnahm. Abends
wiederholte sich die Jllumination der Straßen unb
die elektrische Beleuchtung des Doms. 8.

Aunstiitteratur.

Dic Baudeukmciler im Regieruugsbczirk Wiesbadc»,

von Prvfessor Or. W. Lotz, herausgegeben von
Friedrich Schneider. Im Auftrage des kvnig-
lichen Ministeriums für geistliche, Unterrichts-
und Medizinal-Angelegenheiten bearbeitet. Berlin,
Ernst L Korn. 1880. Oktav.

Der Verfaffer der vorliegenden Arbeit, dem wir
bereits die Statistik der Baudenkmttler im Regierungs-
bezirke Kassel nnd die Gesamtstatistik der Baudenk-
mäler Deutschlands und der mit ihm zusammenhttngen-
den Lttnder verdanken, hat noch bei Lebzeiten den uni
die Kunstforschung des Mittelalters vielfach verdienten
Herausgeber, Herrn Friedrich Schneider, zu seiner Ar-
beit herangezogen, so daß diese nicht nur in derjenigen
Form erscheinen konnte, welche der Autor selbst ge-
wünscht hatte, sondern auch, dank der rüstigen Arbeits-
kraft des Herausgebers, bereichert mit Notizen und
Nachtrttgen sowie mit einem sehr sorgfttltig gear-
beiteten Jndex, kurze Zeit nach dem Tode des Ver-
fassers. Als Anlagen sind dem Werke zwei Abhand-
lungen des Konservators Obersten von Cohausen in
Wiesbaden beigefügt: über den Pfahlgraben von der
Use bis zur Sahn und über die Wallburgen, Gebücke,
Landwehren und alten Schanzen des Regierungsbezirks
Wiesbaden.

Friedrich Schneider hat seiner Vorrede den Ne-
krolog aus der deutschen Bauzeitung folgen lassen
(1879, Nr. 8, 415 ff.), welchen der Brudcr des Ver-
storbenen, Herr Regierungsrat vr. F. Lotz, verfaßt
hat. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle dem Ge-
fühle des Dankes und der Wertschützung Ausdruck zu
geben, welche ich gegen den mir als Strebensgenossen
befreundet gewesenen Verfasser des Werkes hege; seit
ich ihn Ende der sechziger Jahre in Marburg persvnlich
kenyen gelernt hatte, war stets ein lebhafter Brief-
wechsel zwischen uns unterhalten worden, zu dem
manche meinerseits an ihn gerichtete Frage, manche
von ihm gewünschte Auskunft Veranlassung gab; ge-
legentlich mehrerer Besuche in Düffeldorf wurde dann
vieles ULer gemeinsame Jnteressen besprochen, und war

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mir auf diese Weise der Verkehr mit ihm stets frucht-
bringcnd und förderlich, so konnte ich anderseits auch
ihm über manches Baudenkmal, zu dessen Besichtigung
er mich veranlaßt hatte, Notizen senden. Die Ge-
dicgenheit seines Wesens, wie sie sich in seinen PubU-
kationen ausspricht, die Vorsicht gegenüber allem nicht
positiv feststehenden, seine persönliche Liebenswürdigkell
und Bescheidenheit, seine umsassenden und gründlichen
Kenntniffe machten jeden Besuch bei Lr. Lotz zu einer
anregenden und anziehenden Begegnung; er, der sv
zurückgezogen lcbte, daß ihn selbst seine Kollegcn kau»i
außer dem Bereiche seiner Wirksamkeit trafen, nahm aN
allem den lebhaftesten Anteil, was irgendwie nut
seinen Jnteressen in Berührung stand, und hieß daher'
jeden willkommen, der ihm mit aufrichtiger Teil-
nahme an seinen Bestrebungen entgegenkam und ihm
neuen Stvff zubrachte. Hoffentlich ist der Plan z»
einer zweiten Auflage seiner Kunsttopographie von
Deutschland, über welche er viel mit mir sprach, durch
seinen Tod nur unterbrochen, nicht aufgegeben.

Die Statistik der Baudenkmttler des Regierungs-
bezirks Wiesbaden ist, ebenso wie die frühern Werke
des Verfaffers, mustergiltig in Form und Ausarbeitung,
das Ergebnis enormen Fleißes und unendlicher Geduld,
ein reichhaltiges Nachschlagewerk von mehr als blos
für den Lokalforscher geltender Bedeutung. Lotz be-
wtthrt sich auch in diesem Werke als Meister in der
klaren, wvhlgeordneten, anschaulichen Beschreibung;
nach ihr kann man sich eine richtige Vorstellnng, ja
eine Zeichnung selbst von Werken machen, die nicht
mehr existiren. Dank seiner genauen Nomenklatur, die
er in die mittelalterliche Archüologie eingeführt hat,
ist man nie darüber im Zweifel, von was die Rede
ist. Nur in einem Punkte sei es mir gestattet, den
Wunsch nach einer bestimmteren Ausdrucksweise aus-
zusprechen, welche Lotz bei seiner Kunsttopographie in
Deutschland selbst cingeführt hat, daß man nttmlich
die polygonen Chorschlüsse der gotischen Kirchen nicht
nach der Anzahl der verwendeten, sondern nach ihrem
Verhältnis zur Gesamtzahl der Polygonseiten, be-
zeichnet, also von ^ Chorschlüffen

sprechen möge, anstatt, wie Lotz in der vorliegenden
Schrift gethan, zu sagen „Chor aus dem Achteck ge-
schlossen"; da bleibt es ganz zweifelhaft, ob ^

oder 5/g Chorschluß gcmeint ist. Ein «/z, ^

Chorschluß wttre ein solcher, bei welchem die lichte
Weite des Chores größer als diejenige des Schiffes
wttrc, ein ^ Chorschluß ein solcher, bei welchem die
Breite des ersten Schifffaches größer oder kleiner als
die Chorpolygonseite ist rc.

Aus dem Jnhalte des Werkes etwas herauszu-
greifen, ist hier kaum möglich; wer nur die Schneider-
schen Jnhaltsübersichten vergleicht, muß staunen über
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