Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Der erste türkische „Salon".

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d- Bl„ welche Benedig besuchen, die Besichtigung des
^iuseums aufs angelegentlichste empfohlen. Wenn
^ieselben auch manche Fehler in der Ausstellung des
^orhandenen werden rügen müssen, so werden sie doch
^uch nicht umhin können, dem venezianischen Muni-
eipium für das Geschehene ihre Anerkennung zu zollen.
^Mmerhin freilich wird man es beklagen müssen, daß
uicht schon in frühern Zeiten einsichtsvolle Männer
hier an die Errichtung eines Museums gedacht haben,
und daß die Stadt, welche Gelegenheit und Antrieb
zum Sammeln wie keine zweite bot, sich glücklich
schätzen muß, diesc verhältnismäßig gcringen Überreste
ihrer großen Vergangenheit der Vergessenheit und Ver-
schleuderung entrissen zu haben. Um so mehr Ehre
dem Gründer des Museums, dem 1750 gebornen
venezianischen Patrizier Theodoro Correr! Venedig
und alle Gebildeten der Welt werden ihm zu stetem
Danke verpflichtet sein.

A. Wolf,

/ Der erste türkische „Lalon".

Unter dieser vielversprechenden Merschrift bringt
die „Köln. Zeitg." einen Bericht aus Konstantinopel
über die erste am Bosporus veranstaltete osmanische
Gemälde-Ausstellung, welchem wir einige Absätze ent-
nehmen.

Der Aufsatz gedenkt der bekannten Vorschriften
des Jslam, durch welche den Gläubigen jegliche Nach-
bildung nnd Darstellung von lebenden Wesen verboten
wurde, und ihrer Folgen für die Kunstentwicklnng der
Mohammedaner. Er schildert dann die in den letzten
Jahrzehnten in dieser Hinsicht vor sich gegangene Um-
wälzung, von der wir erst kürzlich auch ein Anzeichen
vermerkt haben. Jn den Konaks der Bornehmen wie
im Empfangszimmer gewöhnlicher türkischer Haushal-
tungen beginnen Bilder in Goldrahmen den Wand-
schmuck auszumachen; in den vornehmen Harems werden
dic jungen Damen im Aguarellmalen unterrrichtet;
und was die Hauptsache ist: irn Palast, namentlich
vom Sultan selbst wird das Jnteresse an der Malerei
durch Ankäufe und Bestellungen gefördert. Der Bericht
fährt dann fort:

„Das steigende Jnteresse für alle künstlerischen
Bestrebungen bewirkte es, daß im Laufe der letzten Jahre
mehrfach der Gedanke rege wurde, einmal in der Haupt-
stadt des Jslam eine Gemälde-Ausstellung osma-
nischer Künstler zu veranstalten. Mancherlei Hinder-
nisse stellten sich der Ausführung entgegen, sie wurden
nacheinander überwunden, und als Frucht der mannig-
sachen Mühen erblicken wir in diesem Jahre den ersten
türkischen „Salon". Jn dem reizenden Villenstädtchen
Therapia am Bosporus, dem Sommeraufenthalte der

englischen und französischen Botschaft, hat man die
Räume der griechischen Mädchenschule zur Aufstellung
der Gemälde hergerichtet. Jn Konstantinopel lebende
Künstler ohne Unterschied der Nationalität und des
Glaubens haben ihre Arbeiten eingesandt, und zahl-
reiche Beschauer aus allen Kreisen der Gesellschast
süllen tagtäglich die Räume und zeigen sich sehr be-
friedigt von dem Gebotenen.

Zwei Mohammedaner haben Arbeiten für die Aus-
stellnng geliefert. Von ihnen nennen wir an crster
Stelle die Prinzessin Nas li Hanum, die mit meh-
rern Blumenstücken an die Öffentlichkeit tritt. Die
Kritik widmet diesen Gemälden eine sehr anerkennende
Beurteilung. Jnteressanter als ihre Werke ist noch die
Person der Malerin. Nas li Hanum ist eine Tochter
des anfgeklärten, geistvollen, verschwenderischen Mustafa
Faspl Pascha, desBrnders des Ex-Khedivs vonÄghpten.
Sie empfing eine vollständig europäische Erziehung,
spricht und schreibt türkisch, arabisch, Persisch, französisch,
englisch und italienisch, spielt Klavier, zeichnct und
malt. Än ihrem fünfzehnten Jahre wurde die Prin-
zessin, der eine ungemeine Güte und Liebenswürdigkeit
nachgerühmt wird, mit dem berüchtigten Khalil Scherif
Bey vermählt, der damals Unterstaatssekretär im Mi-
nisterium des Äußern war und später als Botschafter
der hohen Pforte in Paris ein kolossales Vermögen
mit den tollsten Ausschweisungen verbrachte. An der
Seite dieses unwürdigen Mannes verlebte die unglück-
liche Prinzessin schreckliche Jahre; durch Erziehung und
Bildung völlig Europäerin, mußte die feinfühlende
Frau sich von ihrem Gemahl, der den Wert seiner
Gattin nicht zu würdigen verstand, wie ein gewöhn-
liches türkisches Weib behandeln lassen. Jm Jahre
1878 starb Khalil Scherif an Gehirnerweichung, die
Prinzessin war frei und lebt seither ganz ihren wissen-
schaftlichen und knnstlerischen Neigungen. Sobald sie
sich in der Öffentlichkeit zeigt, trägt Nas li Hanum
natürlich Schleier und Mantel der mohammedanischen
Frauen, im Hause dagegen erscheint sie völlig als Euro-
päerin in den feinsten Pariser Toiletten. Sie ist jetzt 23
oder 24 Jahre alt und von bezaubernder Schönheit.
Ein Gerücht, nach welchem sie eine neue Ehe, und zwar
mit einem im vorigen Jahre zum Jslam übergetretenen
ehemaligen preußischen Ulanenoffizier eingehen sollte,
hat sich nicht bestätigt. Ein von der Kritik sehr ge-
rühmtes Genrebild „Zwei musicirende Haremsdamen"
ist auch von einem Mohammedaner gemalt, von dem
Sohne des frühern GroßveziersEdhem Pascha, Hamdy
Bey. Hamdy ist jetzt vielleicht 40 Jahre alt; er ist
in Paris erzogen und nach seinem Aussehen, nach An-
schauungen und Gesinnung weit mehr Franzose als
Türke. Seine Frau ist eine Pariserin, seine Kinder
werden völlig ullu tranou erzogen. Als sein Vater
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