Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die schweizerische Kunstausstellunff von 188V.

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von dem Bilde nicht trennen, ohne tadelnd hervorge-
hoben zu haben, daß das Detail stellenweise zu sehr
die Aufmerksamkeit des Beschauers in Anspruch nimmt;
der Historienmaler hat sich vor hohler Phrase und
falschem Pathos zu hüten!

Das dem Historienbilde am nächsten stehende Genre
ist das Porträt, es war leider schlecht vertreten. Stückel -
berg, der es mit Vorliebe kultivirt, hatte übcrhaupt
nicht ausgestellt. Seit ihm endgiltig die schöne Auf-
gabe zu teil geworden, die neu errichtete Tellskapelle
am Vierwaldstättersee mit einem Freskencyklus zu
schmücken, sind alle seine Kräfte dieser Aufgabe ge-
widmet. Die zahlreichen und fleißigen Studien, welche
neulich zu Gunsten der Unternehmung an mehrern
Orten der Schweiz öffentlich ausgestellt waren, bürgen
denn auch dafür, daß der Meister bestrebt ist, in diesem
Falle sein Bestes zu leisten. Erwähnenswert sind
dieses Jahr nur drei Porträts: der Kopf eines Kriegers
von Brünner in Basel, eine Wallachin mit langem,
in Flechten auf den Rücken herabfallendem Haar, in
reichgesticktem Samtkleid und mit einem rothen Fez
auf dem Haupte, von Frl. v. Bayer, und ein Mädchen-
profilkopf von Tschann. Besonders letzterer ist tüchtig
modellirt und hebt sich gut von dem grünlichen Hinter-
grunde ab. Das Bildnis eines Greises von Vuiller-
met, welches dem Musse Arlaud in Lausanne gehört,
ist nichts weiter als eine servile Nachahmung Denners.
Wir begreifen, daß es Laien giebt, die sich für diese
Art der Porträtmalerei begeistern können, Kunstver-
ständige werden sich jedoch schwerlich je durch dieselbe
bestechen lassen. Die Natur ist da, um mit den Angen,
und nicht um durch die Lupe angesehen zu werden.

Jm Genre sei Eugen B l aas zuerst genannt, der
dnrch sein Decamerone - Bild und die venezianische
Schneiderbude schon lange in den weitesten Kreisen
rühmlich bekannt ist. Seine „Geistliche Strafpredigt"
reiht sich den eben genannten Gemälden würdig an.
Die Scene spielt in der Sakristei. An einem Tische
links sitzt der Priester, und bei ihm steht eine alte Frau
mit gefalteten Händen. Sie hat ein schwarzes Tuch
um den Kopf geschlagen und trägt soeben dem ehr-
würdigen Herrn eine ernsthafte Geschichte von jener
schönen Sünderin vor, die wir rechts erblicken. Die-
selbe ist im Profil gesehen, hat die Hände übereinander
gelegt und blickt schüchtern vor sich hin. Ein reizendes
Geschöpf, dem das Pfäfflein gewiß bald die Absolution
erteilte, wenn es mit ihm allein gelassen würde. So
sieht er, in der Rechten die Brille, die linke Faust aus
sein Bein gestemmt, empvrt den Kopf zurückgeworfen,
mit strafendem Blick auf die Kleine herab. Das Bild,
1877 entstanden, ist gleich tüchtig in der Komposition,
Zeichnung und Farbengebung; die Stoffe sind meister-
hast gemalt. Bei dem Tische ein Kohlenbecken und

auf demselben ein hübsches Stillleben von Büchern
und Zeitungen nebst Tintenfaß mit Bleistift und Feder-
kielen. (Eine Abbildung im Bazar, 25. Äahrg., Nr. 46-)
Eugbne Burnand hatte ein Bild sehr ernsten
Jnhalts ausgestellt. Es ist diesem strebsamen Künstler
hoch anzurechnen, daß er immer solche Stoffe wählt,
die den edelsten Seiten des socialen Lebens entnommen
sind. Diesmal handelt es sich um eine Spritze, die im
Begriff steht, auf den Brandplatz zu fahren. (Abgebildet
inderZeitschrift: I'IIIustrationvon 1880. Vol. 76.S.96.)
Sie wird von vier prächtigen Pferden gezogen, von
denen diejenigen rechts beritten sind; die Gegend, in
welcher es eingeschlagen hat, ist das Plateau von
Echallens. Es wurde von der Kritik getadelt, — im
Feuilleton des Bund vom 24. Juli, Nr. 203, — daß
das Motiv der Feuersbrunst in der Komposition nicht
deutlich genug hervortritt, doch, wie mir scheint, mit
Unrecht. Zwar sieht man kein Feuer; aber die Richtung
des Brandes kann nicht klarer angedeutet werden, als
dies dnrch den Blick der Männer geschieht, welche die
Spritze bedienen. Hätte der Maler den Brand im
Hintergrunde dargestellt, dann müßte sich der Zug in
entgegengesetzter Richtung bewegen, und wir würden
ihn von hinten sehen. Es war Burnand aber darum
zu thun, uns die charakteristischen Typen seines Landes
vorzuführen, und diese Waadtländer Typen, wie sie
leiben und leben, lassen wir uns allerdings nicht gern
nehmen. Technisch hat das Gemälde alle Vorzüge der
! französischen Schule, die Zeichnung ist korrekt, das
i Kolorit kräftig, die Gewitterstimmung gut wiederge-
geben. Nur in der Perspektive läßt es zu wünschen
llbrig, obschon der Maler das perspektivische Problem sich
dadurch bedeutend erleichtert hat, daß er den Weg, auf dem
die Spritze fährt, eine Kurve bilden läßt. Von Tobler
waren zwei Bilder da. Das eine, ein Traubenver-
käuser, ist eine holländisch fein durchgeführte Klein-
malerei. Eine Frau, in gestickter weißer Schürze und
Haube im Stile der Renaissance, ist mit zwei Kindern,
einem Mädchen und einem Bnben, vor die Hausthüre
in den gewölbten Vorraum getreten und sieht dem
Traubenverkäuser zu, der ihr soeben in einem Korbe
Trauben zuwiegt. Über der spätgotischen Hausthüre
die Jahreszahl 1516. Das zweite Gemälde stellt
eine Marktscene dar. Drei Edelfräulein in elegantcn
deutschen Renaissancekostümen kaufen in einer Bude
feine Stoffe ein; ihnen nähert sich ein' junger Fant
mit sonngebränntem Gesicht und schwarzem Haar, seine
Beziehung zu der ihm zunächststehenden Dame in Grün
geht aus der Handlung nicht deutlich hervor. Rechts
das Volk, bunt durcheinander gewürfelt, Männer,
Frauen und Kinder, darunter ein Appenzeller Senn;
sie führen sich insgesamt die Sehenswürdigkeiten des
Jahrmarktes zu Gemllte. Auf der andern Seite er-
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