Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Museumsfrage in OlMpia.

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fenen nutzlosen Werksteinen des Ausgrabungsplatzes
hinreichendes Baumaterial in nächster Nähe bereit läge,
und die Fundgegenstände würden auf diese Weise ge-
wissermaßen im Zusammenhang bleiben mit dem Boden,
dem sie entstammen. Dem fllr die Erhaltung der
Ruinen erforderlichen Beamtenpersonal kvnnte zu gleiche
Zeit auch die Aufsicht und Verwaltung des neuen
Museums iibertrageu iverden. Die Eristenz eines solchen
Museums am Fundplatze wiirde den spärlichen Fremdcn-
verkehr steigern, und dieser gesteigerte Verkehr nicht
bloß dem materiellen Wohlstande der Gegend zu gute
kommen, sondern auch eine beständige wohlthätige Kon-
trolle bilden, daß fiir die Erhaltnng des Ausgrabungs-
feldes in Zukunft mehr geschehe als sonst in Griechen-
land üblich ist, hin und wieder selbst in Athen, wo
der heutige Zustand des erst vor wenigen Jahren (von
der hochverdicnten archäologischen Gesellschaft zu Athen)
aufgedeckten Dipylon, wie man sagt, nicht befriedigen
soll. Es ist begreiflich, daß dieser letztere Umstand
namentlich den in Olympia beschäftigten Architekten,
welche das Objekt ihrer jahrelangen, harten und un-
verdrossenen Bemühungen nicht verkümmert sehen
wollen, besonders wichtig erscheint, und daß die Be-
wohner von Pyrgos eifrigst für ein solches Projekt
eintreten, auch dem natürlichen Gewinn, den sie dabei
zunächst im Auge haben, eine ideelle Begründung zu
geben suchen, indem sie auf ein historisches Anrecht
hinweisen, das ihnen auf den Besitz elischer Funde
zustehe.

Selbstverständlich wäre ein Museum in Olympia ^
besser als gar keins — und vielleicht bliebe, zumal bei der
gegenwärtigen Lage der politischen Verhältnisse in
Griechenland, ohne einen stark treibenden Anlaß, mit
dieser Möglichkeit immerhin zu rechnen — aber was
sich auch zu seinen Gunsten, oder, sage ich richtiger, zu
seiner Entschuldigung anführen läßt, mehr als einen
traurigen Notbehelf würde es nie bedeuten können. j
Einer vom Weltverkehr abgetrennten, vollkommen !
ländlichen Bevölkerung, einem notorisch von bösen ^
Fiebern heimgesuchten Orte ein großes kunstgeschicht- ^
liches Museum zu schenken: ich meine, man brancht
diesen Gedanken allein auszusprechen, um den Wider- ^
sinn, den er enthält, grell hervortreten zu lassen. Man
kann sich der vielseitigen Kulturfortschritte, welche dem !
entwicklungsfähigen griechischen Volke im Laufe eines!
halben Jahrhunderts gelungen sind, mit vollster Sym- ^
pathie erfreuen, für die Zukunft sogar an ein noch
rascheres Tempo der Entwicklung glauben, und sich
denuoch nicht verhehlen, daß es noch der Arbeit vieler
Jahrzehnte bedarf, ehe sich die wünschenswerten Wunder
verwirklichen und stille Fischerhäfen von Morea in be-
lebte Seeplätze, poetische Saumpfade in praktikable
Straßen, Flußfurten nnd gebrechliche Bachstege in feste

Brücken, und die elenden Herbergen, in denen der
Europäer das Glück einer Reise in das Jnnere von
Griechenland abbüßt, in leidliche Gasthäuser verwan-
deln werden. Und selbst dann, was wäre nnt einer
Freguenz bestenfalls von einigen hundert Fremden im
Jahre, die sich in den allein möglichen Herbst- und
Frühlingsmonaten einfinden könnten, gewonnen? Der
Ort würde nicht aufhören, abseits im Jnnern des Landes
zu liegen und derjenigen Hilfsmittel zu entbehren,
welche für ein Studium unerläßlich würen; auf den
Charakter von Provinzialsammlungen, wie sie jetzt an
vielen Orten Griechenlands in höchst erfreulichem Ent-
stehen begriffen sind, wllrde herabgedrückt, und damit
entwertet, was nach äußerem Umfang und innerer
Bedeutung Anspruch auf die Wirksamkeit und Ehre
einer öffentlichen Centralanstalt besäße.

Das allein Wünschenswerte ist durch die Natur
der Sache und durch Analogien klar vorgezeichnet.
Obwohl im Herzen eines lebendigen, ausgedehnten Ver-
kehrs gelegen, hat Pompeji alle Hauptfunde von jeher
an das Nationalmuseum von Neapel abgegeben. Seit
Jahrhunderten sind die hervorragendsten Antiken aus
dem denkmälerreichen Süden Frankreichs nach Paris
gekommen. Anläßlich des großen Silberschatzes von
Hildesheim, welcher jetzt eine Zierde des Berliner
Museums bildet, hat man nicht dre Errichtung einer
Lokalsammlung in Hannover beschlossen, und mit allem
Recht ist vor kurzem die griechische Regierung selbst
ebenso verfahren, als sie die überaus wertvolle Schlie-
mannsche Ausbeute von Mykenä keineswegs an ihrem
Fundorte beließ. Jst es doch nicht das natürliche Recht
des Stärkern allein, das sich in dieser Anziehungskraft
der großen Städte äußert. Für Kunstwerke von Welt-
ruf, auf deren Mitbesitz alle Kulturländer ein geistiges
Anrecht haben, können nicht streng genug alle Schrankeu
der Wirksamkeit aufgehoben werden. Sie gehören nicht
in märchenhafte Abgeschiedenheit auf das platte Land,
sondern in das geistigeLeben großerStädte, in Griechen-
land also unzweifelhaft an den einzigen europäischen
Platz, den es besitzt, nach Athen. Jn Athen würde eine
geeignete Verwaltung der Sammlungen so leicht zu
gewinnen sein, wie sie in Olympia fchwer und wohl
kaum je auf die Dauer zu erreichen wäre; welcher
tüchtige wissenschaftlich gebildete Grieche möchte sich
auch wohl in die Verlassenheit unv Fiebernot einer
Direktorialstelle von Olympia verbannen lassen? Jn
Athen würde der geistige Verkehr wissenschaftlicher An-
stalten, der Vorrat litterarischer Hilfsmittel in den
Bibliotheken und vor allem die zu beständigen Ver-
gleichen auffordernde Fülle von Kunstwerken zahlreicher
anderer Sammlungen das Studiurn fördern, in mehr
als einem Sinne sogar erst ermöglichen, und das vom
deutschen Reich unterhaltene archäologische Jnstitut in
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