Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Das neue Opernhaus m Frankfurt a. M.

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war durch den energischen Hinweis auf den Dichter
begründet. Jetzt steht das Vorhangbild anßer Zu-
sammenhang, und der einzige Grund, welcher die Wahl
einer solchen Darstellung auf dem Borhange überhaupt
rechtfertigen könnte, ist weggefallen. Steht aber dieses
Bild allein, so läßt sich mit Recht fragen, ob ein Bild
an jener Stelle überhaupt angebracht ist, was durch
die in neuerer Zeit herrschende Mode von Vorhang-
bildern, Welche über dekorative Motive allgemeiner Art
hinausgehen und ein individuelles, zeitlich und räum-
lich bestimnites Geschehen zur Darstellung bringen,
weder bewiesen noch gerechtfertigt wird. An einem
solchen Bilde sieht man sich unfehlbar müde, und dazu
diinkt nns das Bild Steinle's zu gut.

War auf solche Weise nach des Künstlers Absicht
dem großen Dichter die Huldigung dargebracht, sv sollte
der allmählich sich umschauende Blick des Zuschauers
an der Decke die doppelte Bestimmung des Gebäudes
und speciell dieses festlichen Saales sich in verklürter
Weise abspiegeln sehen: an der Decke dachte sich der
Meister ein Himmlisches Oktett mit seinem Dirigenten,
die Oper repräsentirend, an dem Prosceniumsbogen gber
den zusammenströmenden Rhein- und Maingau, das
dorther sich zusammensetzende Publikum symbolisirend.
Kommt man auch allenfalls darüber hinweg, daß der
letztere Gedanke bereits an der Außenseite zum Aus'»
druck gekommen ist, zumal da er hier erst in seiner Voll-
ständigkeit und Verständlichkeit sich zeigt, so erhebt sich
doch gegen die Ausführung ein ernstes Bedenken. Die
Auffassung ist hier durchaus romantisch. Die musi-
cirenden Genien erinnern etwas an Fiesole in seinen
berühmten musicirenden Engeln rings um das Bild der
Madonna in den Uffizien, und der Rhein- und Main-
gau sind dargestellt in Personifikationen der Flüsse und
Flüßchen, vvn beiden Seiten zu dem in der Mitte be-
haglich ruhenden Vater Rhein heraneilend, der be-
haglich den Klängen der Lvreleh lauscht und wie jene
von den bezaubernden Tönen der Lieblichen ergrifsen
ist. Die Komposition ist HLchst reizvoll und in ihrem
klaren, strengen Aufbau, dem die Zufälligkeit des Augen-
blicks als höchstes Ziel der Darstetlung erstrebenden
modernen Realismus gegenüber, sehr wohlthuend, die
Charakterisirung der einzelnen Flüsse geist- und be-
ziehungsreich — aber trotzdem ist es eine frenide Sprache,
die in dieser Umgebung nicht so zur Geltung kommt,
wie sie es verdiente. War aber einmal der Romantik
der Zutritt gestattet, und hatte dieser in so schöner
Weise stattgefunden, so hätte es im Jntereste des
Ganzen gelegen die Umgebung so zu stimmen, daß der
Abstand nicht allzu grell erschiene. Das ist aber in
keiner Weise geschehen. Unmittelbar das große Bild
mit seiner lichten Farbe umfassend, ziehen sich zwei
Streifen entlang, abwechselnd aus Feldern mit schwarzem

Grund und gähnenden Masken auf Goldgrund be-
stehend. Auf den höchst störend wirkenden schwarzen
Grund sind aber liegende nackte Gestalten gemalt,
welche einerseits die Tageszeiten, anderseits die Jahres-
zeiten darstellen svllen. Wir haben uns vergeblich
bemüht, den tiefern Sinn dieser Beziehungen, sei es zum
Hauptbild, sei es zum Drama oder zum Theater über-
haupt, zu entdecken. Aber auch schon ihre deko-
rative Wirkung ist unglücklich. Schweift nun der Blick
über den Zuschanerraum, so trifft er überall aus die
Linien, welche die Brüstungen der fünf Ränge machen.
Diese sind weiß und mit möglichst reichen, aber auch
recht schwerfälligen Stukkaturen verziert, welche von
Gvld strotzen und in Verbindung mit dem roten Tone
der Logenwände einen höchst reichen und blendenden
Eindruck machen, zugleich aber auch mit ihren über-
kräftigen Formen, ihren monotonen Motiven wenig zu
den zarten und duftigen Gestalten an der Decke, dem
in gedämpftem Ton gehaltenen Borhangsbilde sowie den
es umgebenden sehr schön gehaltenen, sich trefflich nach
außen zu abstnfendenDekvrationen des Borhangs stimmen
wvllen. Neben das himmlische Orchester tritt aber
noch einmal ein zweites. Die Gurte der Prosceniums-
lvgen werden von den die Logen trennenden Säulen
und ihrem Gebälke getragen. Wo sie sich auf dieses
auflegen, winden sie sich zu einer Volute, der Jdee der
hier erwarteten festen Stütze wenig entsprechend. Auf
diesen Voluten aber sitzen niit frei schwebenden Füßen,
die keine Unterlage finden, antik gehaltene musicirende
Genien. Entweder sind diese Skulpturen überflüssig
oder jene Malerei — beides ist zu viel Musik. So
ist auch hier zur Zusammenstimmung der Einzelheiten
zu einem Ganzen nichts gethan.

Jn dem Foyer sollte die Pflege der Musik und
des Dramas einen andern Ausdruck erhalten. Als
Deckenbilder sind in den großen Saal die vier Ur-
instrumente gekommen: Triton mit Muschel, Pan mit
Flöte, Äungfrau niit Lyra, Hirtenknabe mit Schalmei,
den Anfang der Musik darstellend; in die LUnetten-
bilder der Schmalwände, den Höhepunkt der drama-
tischen Musik andeutend, vier Scenen aus Mozartschen
Opern: einerseits, die Komik repräsentirend, der ziem-
lich nichtssagend unter dem Baum ruhende, die Damen
behütende Osmin — die Komik findet in dieser Si-
tuation nirgends einen Ausdruck, — ferner die Ent-
deckung des Pagen durch den Grafen, aus Figaro, —
eine Scene, in der gleichfalls die Komik wohl kaum
als herrschende Stimmung hervortritt; anderseits der
steinerne Gast bei Don Juan und Tamina vor der
Schlange fliehend, Bilder, die weder in Erfindung noch
Ausführung von hervorragender Bedeutung sind. Mehr
läßt sich auch nicht von den in den Eckräumen befind-
lichen Deckenbildern behaupten. Sie sollen das ernste
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