Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Vom Christmarkt.

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wird, gleich vertraut mit den Helden und Heldinnen des
Luftspringertums, ob es nun zwei- oder vierbeinige sind,
wie mit den armen Schelmen und Packeseln, die ihnen
zur Folie dienen müssen. — Ein drittes aus demselben
Verlage hervorgegangenes Album, ebeufalls in Quart-
format ist mit einer Sammlung von Zeichnungen ver-
schiedener Künstler gesüllt. Deni annmtigen Jnhalt
entspricht der Titel: Guten Morgen Vielliebchen,
Gelegenheitsgeschenk in 25 Originalzeichnungen
dentscher Künstler. Unter denen, die znr Füllnng
der hübsch ausgestatteten Mappe beigetragen, ist zunächst
Rob. Beyschlag zu neunen, dessen vierTuschzeichnungen
mit besonderer Sorgfalt saüber und zart durchgeführt
sind. Drei davon huldigen holder Frauenschönheit und
muten uns an wie tiefempfundene Liebespoesie, die vierte
stellt ein kleines Bauernmadchen auf einer Wiese dar,
das sich mit vollem Behagen an dem Ausblasen der
Samendolde des Löwcnzahns ergvtzt. Einige Vvn frischem
Humor gewürzte nur leicht angelegte Zeichnungen hat
Karl Fröschl beigesteuert, Karl Kögler bringt eine
allerliebste Liebeswerbnng in sechs Sccnen (Rvkokokostüm)
voll neckischer Grazie, und Eduard Unger läßt in eben-
falls sechs Scenen das kleine Vvlk der Gnvmen und
Elfen auftreten, überaus komische Geschöpse in den
drvlligsten Situationcn. Auch die übrigen Beiträge von
Voltz, Braith, Knut Ekwall, Ernst Zimmermauu
u. s. w. erfreuen durch hübsche Erfindung und slvtte
Zeichnung und sind mehr oder minder humoristisch an-
gehaucht.

Bon photvgraphischen Publikationcn erwähnen wir
noch der beiden allegorischen Kompositionen des im
Jahre 1866 verstorbeneu gothaischen Hofmalers E.
Jakobs „Der Tag" und „Die Nacht" (Berlin,
H. W. Kühl), zwei Gemälde (Pendants) Vvn edelster
Linienführung, die an die Schöpfungen eines Carstens
und Cornelius gemahnen. — Ferner bringen wir die statt-
lichen, von uns bereits mehrfach besprochenen Lichtdruck-
püblikationen der Firma Paul Neff in Stuttgart in
Erinnerung, die im Laufe dieses Jahres vollendet wur-
den: Die Kunst für alle, mit Text von F. Weisser
und C. v. Lützow, die „G oldene Bibel" und „Die
französischen Maler des 18. Jahrhundcrts",
welche letztere beiden von Alsr. v. Wurzbach mit
Kommentar versehen sind.

Wir verabschiedeu uns sür dieses Jahr mit einem
Hinweis auf eine neue Sammlung von Kopien E. Hilde-
brandscher Aguarelle (Berlin, G. Stilke). Eine
in japanisirendem Geschmacke mit buntcn Farben aus-
gesührte Mappe bildet das stattliche Gewand der aber-

mals aus der bewährten chromolithographischen Werkstatt
von R. Steinbock hervorgegangenen Farbendrucke. Die
Auswahl der meist ini Besitz des Herzogs von Ratibor
befindlichen Originale ist nach dem Sprnche Vuristus
äslsotnt getroffen: „Der Markt von Kairo", „Die
Pyramiden von Gizeh mit dem Sphinxkolvß", „Der
Hafen von Genua", „Die Villa d'Este zu Tivoli" und
„Söröen in Norwegen bei Mitternachtsonnenlicht" bilden
das farbenprächtige Quinquefolium, das uns von neuem
den frühen Hingang des reichbegabten Meisters beklageu
läßt.

Weni wir mit diesem kurzen Berichte etwa zu wenig
gesagt vder zu leise gesprochen haben sollten, dem em-
pfehlen wir, sein Opfer auf dem Altar der leicht zu
gewinnenden Göttin darzübringen, mit deren Bilde wir
unsere Leser entlassen. Meister Schwind hat sie zwar
für die Muse der modernen Musik ausgegeben, er würde
aber wohl auch nichts gegen eine Umdeutung einzuwenden
haben, die in ihr das Bild einer andern Ton- oder
Lärmgöttin erkennt, von deren Posaunenstößen die Welt
zur Weihnachtszeit regelmäßig erfüllt, aber glllcklicherweise
nicht erschüttert wird.
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