Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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16' Iahrgang

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ü 25 j?f. sür die drei
Mal gespaltene j)etit>
zeile werden von jeder

188s.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende kunst.

Erscheint von September bis Iult jede woche am Donnerstag, von Iuli bis ^eptember alle Tage, sür die Abonnenten der ,,Zeitschrift für
bildende Runst" gratis; sür sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j)oftanstalten.


Beiträge

lmb cin j?rof. Dr. L. von
Tützorv (wien, There-
tianumgasie 25) oder an
die Verlagshandlung in
^k'pzig, Gartenstr. 6,

^3. Ianuar

Nr.

Voii der Weimarer Aunstschule.

Wir erhalten die nachfolgende amtliche Znschrift:
„Der Artikel: „„Die bildende Kunst in Weimar"" (in

4 und 5 des 16. Jahrganges der Kunstchronik)
rnthält vcrschiedene Urtcilc übcr die Lehrthätigkcit nnd
^erhältniffe der Großherzoglichen Kunstschule, die aus
U'rtümlichen Voraussetzuugen beruhen. Es sei uns ver-
gvnnt, dieselbcn hiermit zu berichtigen.

Dcr Verfasser des Artikels nimmt an, daß ein
Klaffensystem, dem anderer Akademien ähnlich, auf
unserer Schule bestünde. Z. 3 unserer Statuten lautet
nun aber: „„Art des Unterrichts. Jeder ordentliche
^ehrer der Malerei zeichnet selbständig und nach eigenem
^rmessen für die Schüler, die ihn erwählt haben oder
ihm provisorisch zugewicseu smd, den Lehrgang vor und
1>estimmt nach dem Grade ihrcs künstlerischen Könnens
Ine Übungen, welche sie vorzunehmeu haben. Eine
^inteilung der Schüler in Klassen findet nicht
st a tt."" Man wird hieraus den großen Unterschied, in
dein wir uns anderen Akademien gegenüber besindcn,
ersehen. Gleich bei der Gründung unserer Schule
tvurde auf dieses persönliche Verhältnis des Schülers
)um Lehrer das Hauptgewicht gelegt. Die als Antiken-
sual, Malklaffe rc. bezeichneteu Räume sind nur als
»ur Aufstellung des erforderlichen und hier in größerer
^ienge, als es in Privatateliers dcr Fall zu sein
Megt, vorhandenen Studienmateriales zu betrachten.
Jeder Profeffor hat seine eigene Malklasse, während
^er Antikensaal zu allgemeinem Gebrauche bestimmt
^ud täglich von früh bis spät geösfnet ist. So zeichnen
biele Schlller, die vormittags in der Malklasse nach

dem lebenden Modell gemalt oder gezeichnet haben,
nachmittags im Antikensaal. Ein fester Kursus besteht
fiir densclben nicht. Bei dem erwähnten Verhältnis
des Meisters zum Schüler läßt es sich dcnken, daß
Landschafter, Tiermaler, selbst Genremaler nicht so lange
im Antikensaale zubringen als die, die sich der Malerei
großer Figuren zuwenden. Die Geschichte der Aka-
demicn bewcist, wie ost in anderer Richtung höchst
begabte Künstler durch die im akademischen Antiken-
saal gestellten Anforderungen in ihrer Entwickelung
aufgehalten worden sind, wenn ihnen nicht gar der
Rat gegeben wurde, wegen mangelnden Talents die
Künstlerlaufbahn zu verlassen.

Wir wollen hiermit durchaus nicht andeuten, daß
wir eine tüchtige Vorübung im Zeichnen für entbehrlich
hielten. Z. 6 unserer Statuten lautet: „„Aufnahme
der Schüler. Als Schüler kann, sofern das Maß der
Vorhandenen Lehrkräfte nicht überschritten wird, jeder
unbescholtene nnd genügend vorgebildete junge Mann
aufgenommen werden, welcher sowohl durch vorzu-
legende Zeichnungen wic durch unter Aufsicht vorge-
nommene Probearbeiten nachweist, daß er im Zeich-
nen nach dem stiunden genügende Fertigkeit
erlangt habe. Jndessen darf der so zur Aufnahme
Bcrechtigte, Fällc besonderer Befähigung ausgcnommeii,
das dreißigste Jahr nicht überschritten haben."" Somit
habcn nnsere Schüler meist schon mehrerc Jahre in den
Gipsklaffen andcrer Zeicheninstitnte (für Weimar, die
von Goethe gegründete freie Zeichenschule und das
Jnstitut des Hcrrn Jäde) zugebracht. das „„kurzeJähr-
chen im Antikensaal"" ist also wohl kein korrekter Aus-
druck für die Vcrhältnisse unserer Anstalt.
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