Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Von der Weimarer Kunstschule.

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Wir möchten dazu noch erwähnen, daß der Akt-
saal unserer Schule nicht nur täglich im Winter, son-
dern ebenso im Sommer benutzt wird, eine Einrichtung,
die unseres Wissens an anderenAkademien nicht existirt*).
Es läßt dieses doch wohl eher auf ein fleißiges Stu-
dium der Natur, speciell des menschlichen Körpers, an
unserer Schule schließen, als daß dadurch das ab-
fällige Urteil in dem betreffenden Artikel motivirt würde.

Das Gebäude unserer Schule ist allerdings ein
Provisorischer Fachwerksbau, jedoch smd die Ateliers in ^
demselben geräumiger, als sie es die anderer Akademien
zu sein Pflegen. Zudem ist durch angrenzende große,
mit Bäumen bestandene Höfe Gelegenheit geboten, die
Modelle unter den verschiedensten Lichtbedingungen im I
Freien zu stellen, und dem gewöhnlichcn Mangel, daß
die Ateliers nur mit einem möglichst reslexlosen Nord-
licht versehen sind, wodurch meist eine rccht einseitige
und reizlose Naturanschauung befördert wird, ist bei
uns dadurch einigermaßen abgeholfen, daß ein mit
allen Lichtvorrichtungen gebautes, größeres Atelier zu
allgemeineni Gebrauche bestimmt ist.

Die Modellfrage anlangend, geben wir zu, daß
hiesigen Orts in weiblichen und männlichen Aktmodellen .
nicht die Auswahl ist, wie in größeren Städten, dafür
aber alle Modelle, die dem gewöhnlichen Leben ent-
nommen werden, besonders solche aus der Landbevölke-
rung leichter zu erlangen sind als dort.

Die Kläge über mangelnde Kostüme und Stoffe
müssen wir als durchaus ungerechtfertigt zurückweisen.
Nicht nur, daß das hiesige Hoftheater eine Menge zeit-
getreuer und malerischer Kostüme besitzt, die der Kunst-
schule in liberalster Weise zur Verfügung gestellt sind,
diese besitzt auch selber eine reiche Sammlung älterer
und neuer Stoffe, während der Besitz anderer Aka-
demien darin auf wenige Draperien für klassischen
Faltenwnrf beschränkt zu sein Pslegt.

Klagen der Schüler von Professor Struys
Uber zu seltene Korrektur sind bei der Direktion
nicht geführt worden. Diese hätte auch, bei dem er-
wähnten persönlichen Verhältnis des Schülers zum
Meister, nur ein beschränktes Recht, letzteren darin zu
beeinflussen. Wir mllssen hier aber konstatiren, daß
Struys nach wie vor der gesuchteste Lehrer unserer
Anstalt ist, nnd daß jener Artikel seinen Schülern Ver-
anlassung zu einer Ovation, durch die sie volles Ver-
trauen und Liebe zu ihm beweisen wollten, gegeben hat.

Von Vorlesungen über Geschichte nnd Ästhetik,
die der Verfasser des betreffenden Artikels an unserer
Schule vermißt, verspricht er sich, nnserer Meinung
nach, zu viel. Wir haben stets bemerkt, daß die Knnst-
richtung und Anschauung ein Angeborenes ist und durch

*) Auch in Wien existirt die Emrichtung. Anm. d. Red.

Studinm wohl eine Läuterung aber keine Umbildung
erfährt. Sehr oft gefallen sich höchst Gebildete nnter
den Künstlern in der Darstellung des Gemeinen, wäh-
rend mancher ungebildete Bauernjunge einen ausge-
sprvchenen Sinn für das Jdeale und Bedeutsame von
vornherein bekundet. Zudem ist es ein mißliches
Ding, dergleichen Vorlesungen vor einem Publikum,
das in seinen Bildnngsgraden so verschieden ist, wie
das junger Künstler, zu halten. Gewöhnlich haben
sich an Kunstschulen nur die Vorträge, die zur Kenntnis
und Geschichte der Formenwelt gehaltcn werden, eines
allgemeinen Verständnisses und regen Besuches zu erfreuen-

Wenn nun noch beklagt wird, daß infolge der
gerügten Mißstände hauptsächlich die Landschast, das
Tierstück und Genrebild in Weimar kultivirt würden,
so ist das ein Vorwnrf, den man dem heutigen ge-
samten Kunstschaffen machen kann. Es ist dieses aber
ein Mangel, der tief in den ganzen Anschauungen
unserer Zeit begründet sein muß und nur dnrch die
Umwandlung dieser Anschauungen eine Änderung er-
fahren wird. Bon den als nicht mehr im Zusammen-
hange mit der Schnle stehenden und lobend erwähnten
Künstlern hätten wir zu bemerken, daß dieselben, mit
Ausnahme von Martersteig, Hummel und Behner, zum
großen Teile noch zum Verbande der Schule gehören
oder doch ihre künstlerische Ausbildung auf derselben
genossen haben.

Schließlich seien uns noch einige Worte über die
Thätigkeit des Grafen Kalkreuth und die Verhältnisse,
unter denen er gewirkt, gestattet. Bei Gründung nnserer
Anstalt wurde Kalkreuth als Direktor berufen. Schon
die ersten Engagements von Ramberg,Böcklin, Len-
bach und R. Begas ließen über die Tendenz der neuen
Schule keinen Zweifel. Man wollte vor allem die
malerische Anschauung und Technik kultiviren. Es schloß
dieses bei dem engen Rahmen, in dem wir uns be-
wegen mußten, leider eine Bereinigung mit Preller und
Ge'nelli, trotz der hohen Achtung, die man ihnen als
KUnstlern zollte, von selber aus. Jn dem Wettstreit
der beiden Richtungen, Prellers und Genelli's einer-
seits, der Kunstschule anderseits, sah jeder Verständige
und Wohlwollende ein gesundes Element des Kunst-
strebens und Lebens, wenn es auch nicht zu verhindern
war, daß minder Wohlmeinende diesen Kampf auf
persönliches Gebiet zu übertragen suchten. Die ein-
zelnen Gründe für den öfteren Wechsel des Professoren-
personals sind teils in vorteilhafteren Berusungen an
andere Akademien, in monumentalen und anderen Auf-
trägen, die eine Ortsveränderung bedingten, teils auch
in Verhältnissen rein privater Natur, die sich der
öffentlichen Besprechung entziehen, zu suchen. Trotz
dieser Schwierigkeiten hinterließ Kalkreuth (nachdem er
> vom Jahre 1860 bis 1876 Direktor gewesen nnd dann
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