Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus Paris.

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herabrasselnden Batterie, verdient ebenfalls erwähnt
Zu werden; desgleichen das von dem Turiner G. Batt.
^luadrone trefflich gezeichnete, in der Farbe gut ge-
Mrnmte „Urteil des Paris", eine glückliche Humoreske.
Der Künstler versetzt uns in das Studio eines Malers,
>vo drei Modelle um den Siegespreis sich bemühen.
Der Bucklige, welcher den Paris abgiebt, mag augen-
scheinlich lange zwischen den beiden hübschen und jungen
Erscheinungen, die in völliger Nacktheit auf einer Truhe,
>»it dem Rücken gegen den Wandgobelin gelehnt, vor
>hm stehen, geschwankt haben — schließlich muß ihn
aber doch die Venns in Fesseln schlagen, und diese er-
scheint in Gestalt des dritten Modelles, einer dicken, un-
schönen Donna kanonischen Alters, welche züchtiger als
>hre Genossinnen, ihr Gewand nur halb herabgelassen
hat. Paris Gobbo indessen, ganz überwältigt von
diesen kaum enthüllten Reizen, avancirt mit unnach-
ahmlicher Grazie nach vorn, um der feisten Venus
den Preis, eine Rose, zu überreichen.

Jn der sranzösischen Abteilung gehören die größten
Stücke wohl dem Staate oder Herrn Edm. Turquet,
dcm Sekretär des Ministeriums der schvnen Künste,
im übrigen sind es meist bekannte Sachen, die noch den
letzten Pariser Salon mitgemacht und daher auch in
diesem Blatte schon ihre Besprechung gefunden haben.

Jn den letzten Räumen bringt Ethofer einige
Erinnerungen an S. Scolastica in Subiaco, von denen
eine „Die Klostersuppe" für die Verloosung angekauft
worden ist; seine „Bibliothek" aus dem gleichen Kon-
vent zählt zu den besten Arbeiten der Ausstellung.
Von Weimaranern, wenn man so sagen darf,
sind Struys und Schennis da, ersterer mit einem
wundcrlich aufgefaßten, aber äußerst fleißig durch-
studirten Bilde „Jugend und Alter": eine alte sitzende
Frau, deren rechter Arm im vollständig rechten Winkel
vom Stuhl herabhängt, ist eingeschlafen, auf ihrem
Schoße sitzt ein ebenfalls mit Morpheus sich balgender
derber Jnnge in ebenso eigentümlichen Spreizungen. —
Das von Sarah Bernhardt angenieldete „Mädchen und
der Tod" war nicht eingetroffen, sie selbst aber durch
eine Büste in Wachs, mit aufgetragcnen Farben, von
Desiderio Ringel vorgeführt.

Ehe wir indessen zur Plastik übergehen, muß noch
>n kurzem der Radirungen und Stiche gedacht werdcn,
denen gleichfalls ein besonderer Raum zugewiesen war.
Hier sinden wir Gaillard wieder und diesmal in
seinem eigensten Element. Sein Porträtkopf Leo's XIII.
>st unübertrefflich, weniger gut der Pio IX.; sonst
flnden sich von ihm meist Arbeiten nach alten Meistern,
so eine Madonna von Botticelli und eine von Giov.
Bellini, ein Porträt Giov. Bellini's (Kapitol), ein Por-
trät von Antonello da Mcssina (Louvre), die Reitcrstatue
Gattamelata's uud anderes mehr. Auch Makarts Ein-

! zug Karls V. in Antwerpen war durch die in „1,'Xrt"
publicirte Radirung von Lalauze vertreten.

(Schluß folgt.)

Aorrespondenz.

Paris, Mitte Januar 1881.

Der 12. Januar 1881 wird vielleicht in der Ge-
schichte der französischen Kunst zum Gedächtnistage
werden. An diesem Tage nämlich hat die Gesamtheit
aller derjenigen Künstler, welchd jemals auf einer Aus-
stellung figurirten, in freier Wahl eine Jury gewählt,
welche den Modus, den Ort und den Zeitpunkt der
zukünftigen Ausstellnng festsetzen soll. Fünfzig Maler,
zwanzig Bildhauer, zehn Architekten und zehn Kupfer-
stecher wurden von.der Masse ihrer Kollegen mit dieser
Aufgabe betraut. Diese neunzig Jurymitglieder werden
ein allgemeines Reglement erlassen und werden sich
dann wahrscheinlich in Sektionen teilen, Kom-
missionen, Specialkommissionen, Vicrtelkvmmissionen
bilden, kurz den ganzen Apparat der Freiheit ins Werk
setzen. Soll man deshalb Viktoria schießen und für
immer: „Es lebe die freie Kunst"! rufen? Ach, ich
fürchte, daß der Siegesruf etwas verfrüht sein dürfte
und daß das Resultat Siegern und Besiegten die gleiche
Enttäuschung bringen wird. Um sich deu Stand der
Sache klar zu machen, muß man etwas zurückgreifen.
Vor einem Monate meldete ich Jhnen, daß der oberste
Aufsichtsrat für die bildenden Künste, welchen unser
Unterstaatssekretär mit eben so viel Zuvorkommen-
heit wie Naivetät zusammenbernsen hatte, diesen mit
Grazie hat sitzen lassen, indem er beschloß, die Aus-
stellungen für alle Zukunst frei zu geben, zugleich aber
für die nächste Ausstellung Herrn du Sommerard zum
Direktor erwählte. Die Optimisten versicherten, alles
werde vortrefflich gehen, umsomehr, als man die alten
Geleise wieder zu benutzen gedachte in Gestalt deS
Verwaltungsapparates der früheren Ausstellungen. Man
spielte damit der Republik und ihrem Unterstaats-
sekretär einen Streich. Jn dieser Welt soll man jedoch
niemals das Spiel für verloren geben! Jrgend jemand
machte plötzlich die Entdeckung, daß der Berein, dessen
Präsident Herr du Sommerard ist, in seinen Statuten
keinen Paragraphen besitzt, der ihm gestattet, Ausstel-
lungen zu leiten, noch weniger, sie zu organisiren.
Solchen Skrupeln gegenüber — was that Herr du
Sommerard? Er zog sich zurück! Man würde das
menschliche Herz im allgemeinen und das der Unter-
staatssekretäre im besonderen schlecht kennen, wenn
man annehmen wollte, daß Herr Turquet sich gefühl-
los zeigen werde gegenüber diesem Rücktritt, den er
cinigen Grund hatte vorauszusehen. Den ersten Er-
folg hat Herr du Sommerard errungcn, den zweiten
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