Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Dis Wintsrausstellung alter Meister in London.

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süglich schenken. Auch was sich Corrcggio und Gior-
gione nennen läßt, geben wir leichten Herzens preis.
Es bleiben dann immer noch genug Werke ersten Ranges
bestehen, welche uns dauernd fesseln können. Ilnter
den frühvenetianischen Bildern ist zunächst die in>po-
sante Madvnnenfigur des B. Vivarini (Nr. 232; Be-
sitzer Sir Frederik Leighton, R. ^.) zu nennen.
Der angebliche Mantegna (Nr. 188) aus der Samm-
lung des Sir W. N. Abdy ist eine Darstellnng des
sitzenden Leichnams Christi mit B. Hieronymus und
eineni anderen Wüstenheiligen zur Seite. Die ausge-
dehnte Landschaft ist an Detailbildungen überreich. Die ^
Ausführnng ist von größter Schärfe und Bestimmtheit ^
Die Jnschrift „Andreas Mantinea" auf dem Cartellino
ist zweifellos eine Fälschung. Das Gemälde gehört
wohl zu dcn hervorragendsten Werken des Marcv
Basaiti. Aus demselben Besitze stammt ein kostbares
Porträt (Nr. 200), vorgeblich des Giovanni Benti-
voglio von Bologna und sehr mit Unrecht dem Fran-
cesco Francia zugeschrieben, in Wahrheit eine der
reissten Leistungen des Andrea Solari. Den einen der
Pseudo-Giorgione's soll ein rührender untergelegter
Text interessant machen (Nr. 206). Die hier vorge-
tragene Novelle zeigt den alltäglichen Geschmack des
Girolamo da Santa Croce. Der zweite Pseudo-
Giorgione (Nr. 156; Besitzer Lord Strafford), ein weib-
liches Porträt, Halbfigur, giebt sich sofort als ein
echter Paris Bordone zu erkennen. Das Gesicht ist
freilich durch Übermalung völlig maskirt. Demselben
Meister gehört auch das kleine Madonnenbild aus
Panshanger (Nr. 14 l), welches mit der später aufge-
setzten vergoldeten Jnschrift „Titianus" versehen ist.
Das bedeutendste Bild unter den Pseudo-Correggio's
ist der Christuskopf (Nr. 141; von ebenda), welcher
mit dem Bilde der vatikanischen Pinakothek überein-
stimmt.

Seit einer Reihe von Jahren sind echte Raffae-
lische Bilder in den Räumen von Burlington House
nicht gesehen worden. Um so reicher werden wir dies-
mal entschädigt. Die sitzende, sn luos gesehene Ma-
donna mit dem im Schoß stehenden Christkind aus
Panshanger (Nr. 148) hat zwar nicht den Ehrenplatz
in der großen italienischen Galerie, ist aber nach meinem
Gesühl der herrlichste Juwel der ganzen Sammlung.
Bekanntlich beschreibt Lermolieff dieses auch durch eine
feine Landschaft ausgezeichnete Bild „als die wunder-
herrlichste aller Madonnen Raffaels". Das zweite
Cowpersche Madonnenbild (Nr. 152) mit dem nach
links im Profil geneigten Kopfe der Mutter und dem
on 1uL6 gesehenen, lachenden Christkinde trägt, ähnlich
wie bei der Belle Jardiniöre im Louvre und bei der
Madonna im Grünen des Belvedere, auf dem Ge-
wande der Maria in leichter Vergoldung die Be-

zeichnung: N . . . VIII. L. V. U. Bei einem Ver-
gleiche mit dem vorhin genannten kann das Bild nicht ge-
winnen. Gewisse Härten in den Formen machen hier
doch die Beihilfe von Schülern wahrscheinlich, wie es
auch schon ausgesprochen worden ist. Den Madonne«
Raffaels kann beinahe ebenbürtig die heil. Familie von
Fra Bartolvmmeo (Nr. 207; Besitzer gleichfalls Earl
Eowper) an die Seite treten. Bilder von so leuch-
tender Färbung und so vorzüglicher Erhaltung würden
freilich bei dauerndem Aufenthalt in London den schä-
digenden Einflüssen der Atmosphäre auch nicht mehr
Widerstand leisten als zahlreiche Bilder der National
Gallery. Dem Frate tritt Andrea del Sarto würdig
an die Seite. Die Ausstellung enthält nicht weniger
denn sechs echte ausgezeichnete Werke des großen Floren-
tiner Koloristen. Es sind dies zunächst die drei pre-
dellenartigen Bilder von ungleichen Dimensioncn
(Nr. 219—221; aus Panshanger), in welchen der
Künstler, ganz wie ein Novellist, in figurenreichcn
Gruppen Scenen aus dem Leben Josephs in Ägypten
schildert. Zu den Seiten der Raffaelschen Madonna
Nicolini hat man gleichsam als Ehrenwächter zwei
lebensgroße Halbfiguren, Porträts von jenem aristo-
kratischen Schlage aufgehängt, der für mehr als ein
Jahrhundert das angeborene Prärogativ der Florentiner
Rasse war (Nr. 150 u. 153; Besitzer Lord Cvwper).
Unter den wenigen Frauenbildnissen der Ausstellung
ist das beste ebenfalls von Andrea. Die regelmäßigen
Züge in dem Bilde Nr. 159 haben etwas Feierliches,
Jmposantes. Vor der etwa dreißigjährigen Patrizierin,
welche ganz in jenes dem Andrea eigentümliche Saphirrot
gekleidet ist, liegt ein Petrarca und ein Musikheft aufge-
schlagen. An Ler Wand steht bedeutungsvoll: Ns-
lioru lutsnt. Zu den besten Werken des Sebastiano
delPiomboin England gehört wohl das Porträt der
Vittoria Colonna (Nr. 214; Besitzerin Prinzeß Sapieha).
Obwohl michelangelesk in der Zeichnung und nach
dieser Seite vielleicht wenig originell, hat doch die
klare emailartige Farbe einen besonderen Reiz.

Die Meister der italienischen Renaissance sind dies-
mal so zahlreich vertreten, daß den Vcrtretern späterer
Schulen die Thore verschlossen bleiben mußten. Unter
den Spaniern ist der Flötenbläser unter Velasguez'
Namen (Nr. 102) wohl nicht ganz des Geschmackes
seiner Besitzerin, einer geistreichen Künstlerin, würdig.
Murillo ist glänzend durch zwei grvße Bilder ver-
treten, durch die mystisch schwärmerische Darstellung
der überlebensgroßen Figur des Joseph, welcher den
Jesusknaben an der Hand führt (Nr. 170; Besitzer
Earl of Strafford), und durch die ungemein heitere und
poetische Hvchzeitstafel von Cana (Nr. 154; Besitzer
Marguis vf Ailesbury).

Die fünfte Galerie von Burlington House ent-
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