Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus Bologna.

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hAt eine möglichst vollständige Ausstellung von Zeich-
nungen von John Flaxman. Dieselbe nmfaßt 184
^ummern. Die genauen Beschreibungen und Citate
Uach Homer, Hesiod und Aeschylus im Katalog sind
bw dankenswerter Beitrag zum Verstcindnis und znr
Würdigung der nur selten ausgeführten Skizzen des
vriginellen englischen Bildhauers.

Jean Paul Richter.

Aorrespondenz.

Bologna, im Januar 1881.

Vvn meinem diesmaligen, leider nur karg zuge-
wessenen Ansenthalt in Bologna kann ich Jhnen die
Thatsache melden, daß die Herstellung der Fayade von
S. Pctronio wieder in Gang gekommcn ist. Schvn
im Jahre 1876 hatte der Architekt Giuseppe Ceri
hierzu ein Projekt entworfen, das in Bologna großen
Beifall fand, aber auch auf einige Einwendungen
stieß, welche den Urheber dcsselben veranlaßtcn, im
2>ahre 1880 einen neuen Entwnrf zu veröffentlichen,
der allgemein gefiel und für den sich auch der Archi-
tekt Emiliv de Fabris, welcher bekanntlich die Fapade
von S. Maria del Fiore in Florenz herstellt, in warmen
Worten ausgesprvchen hat. Beide Prvjekte unterscheiden
sich von einander hauptsächlich dadurch, daß das ältere
den Raum über den beiden Seitenthüren des Domes
durch Basreliess füllt, die sich eng an die bereits vor-
handene herrliche Dekoration durch Basreliefs an-
schließen, wcihrend das neuere die Räume benutzt, um
über den Seitenpvrtalen Fensterrvsetten auszubrechen.
Jch stehe nicht an, mich für das ältere Projekt zu er-
klären, weil die neuen Fenster, welche zur Beleuchtung
der Kirche nur wenig beitragen können, von dem ur-
sprünglichen Baumeister des Domes sicherlich nicht be-
absichtigt gewesen sind »nd zur ganzcn Haltung der
Fayade ungleich weniger passen, als die ursprünglich
in Aussicht genommene bildnerische Dekoration. Übrigens
gebe ich gerne zu, daß der Urheber des neuesten Pro-
jektes zur Herstellung der Fayade von S. Petroniv
die Formensprache des Bauwerkes svwie überhanpt die
der italienischen Gotik genau studirt und alle bereits
ausgeprägten Jntcntivnen des ursprnnglichen Bau-
Meisters, beispielsweise der Jnnendekoration der Seiten-
portale, mit Feingefühl empfunden hat, so daß die
Ausführung der Ceri'schcn Prvjekte, insbesondere des
älteren, dem Bauwerke unter allen Umständen nicht
Z»m Nachteil gereichen wird. An einen vollständigen
Ausbau des Domes ist ja bekanntlich nicht zu denken,
da die Universität, das heutige L.ntioo ^roüiAinnusio,
seit mehr als drei Jahrhunderten einen Teil des
Raumes occupirt, den das projektirte OuerhauS er-
sordern würde.

Die Kosten sind auf 1,l73 675 Lire veranschlagt,
wovon 457 000 Lire auf dic Mauerarbeiten und
297000 Lire auf den bildnerischen Schmuck entfallen;
dic Bauzeit ist auf sieben Jahre berechnet. Die
debattirten Vvranschläge, welche nebst beidcn Projckten
Ceri's gegenwärtig beim Eingange dcr Kirche ausge-
stellt sind, tragen die Unterschrift mehrerer Architekten,
darunter die von de Fabris, und von allen Experten
wird erklärt, daß die große Arbeit mit der sehr
gering erscheinenden Summe von kaum einer Million
Mark vollständig bestritten werden köniic. Die Bvlvg-
neser Lokalblättcr aller Parteirichtnngen machen für
das Unternehmcn eifrigst Propaganda und erklären es
insbesondere für eine Ehrensache der Stadt, daß nur
dercn Einwohncr dic Mittel zur Vollendung dcr
Fci^ade dcr Hauptkirche Bolognas aiisbringen; auch
bildet sich jetzt, unter dem Vorsitze des crsten Bürger-
meisters der Stadt, ein Komito, nni die Sammlnng
von Beiträgen zu organisiren und die eventuelle Aus-
führung der Arbeiten zu überwachen. Bei dem Reich-
tum der gewerbfleißigen Stadt, der seit deren Beitritt
zur Ituliu unu nvch zugenommen hat, und bei dem
starken Lokalpatriotismus, der daselbst herrscht, ist kaum
zu zwcifeln, daß das Unternehmcn des jüngsten „goti-
schen Schneiders von Bologna" einen guten Fortgang
nehmen und daß sein Projekt nicht bloß dazu dienen
werde, die höchst interessante Sammlung von Projekten
zu vermehren, welche in der rosiäonru äolku kudbriou
von S. Petronio verwahrt sind.

Jch erwähne schließlich, daß im Jahre 1879 ein
neuer Katalog dcr Pinakvthek der Kunstakademie in
Bologna gedruckt worden ist, welcher sich an die 1872
veröffentlichte Arbeit des damaligen Jnspektors Gior-
dani anschließt, aber durch die Angabe der Dimen-
sionen der Bilder sowie des Stoffes, auf dem sie ge-
malt sind, und ihrcr Provenienz bereichert wordcn ist
und auch die Bezeichnungen wiedergiebt, freilich nicht
im Facsimilc. Dieser Katalog steht allerdings nicht
auf der Hvhe der wissenschaftlichen Anfvrderungen,
allein er ist immerhin bedeutend besser, als viele andere
Verzcichnisse italienischer Bilversammlnngen, und jeden-
falls der kataloglvsen Existenz der Pinakotheken von
Parma, Modena uud anderer kleiner „Kunstakademien"
Jtaliens vorzuziehen. Der Besucher Modena's in den
nächsten Jahren harrt, ncbenbei bemerkt, die angenehme
Überraschnng, daß sie die dortige bedcutcndc Galcrie
nicht werden sehcn können. Die Räumlichkeiten im
Palazzo Ducale, ivo sie aufgestellt war, sind vvm italie-
nischen Kricgsministerium für einc BUlitärschule occupirt
worden, nnd die Bilder hängcn nnd stehcn in einigen
Sälen der Kunstakademie bunt durcheinander herum,
wo sie nicht gczeigt werdeu. N»r der besonderen Ge-
fcilligkeit eines noch uuter dem alten Regime ernannten
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