Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Zur Erinnerung an Ferdinand von Quast.

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Auf beiden Reisen, auf welchen Qüast fast alle
bedeutenden Kunstdenkmäler des prenßischen Staates
durch eigenen Augenschein kennen gelernt hatte, hat er
niit größtem Fleiße Notizen und Skizzen gesammelt,
auf Grund deren er befähigt war, später sehr häufig
Gutachten abzugeben, ohne vorher noch einmal an Ort
und Stelle sich begeben zu müssen. Doch hat Quast
auch später noch fast in jedem Jahre, zum Teil iu
Gemeinschaft mit Stüler, größere Dienstreisen unter-
nommen, an welche sich dann gewöhnlich auch noch
der Besuch von Versammlungen der Architekten und
der Archäologen anschloß. Er war dort stets ein gern
gesehener Gast, dessen Borträge vielfach belehrend und
nnregend wirkten. Auch machte er noch fast jährlich
weitere Reisen in benachbarte Länder in wissenschaft-
lichem Jnteresse zur Untersuchung bisher nicht genügend
oder noch gar nicht durchforschter Orte.

Jn seiner wichtigsten und einflußreichsten Thätig-
keit, als Beschützer bedrohter Kunstdenkmäler, ging
Quast nicht spstematisch zu Werke, sondern folgte meist
dem Rufe, welcher aus Veranlassung besonderer Not-
stände, wo es sich um die Restauration von Kunst-
denkmälern oder Rettung derselben vor der modernen
Zerstörungssucht handelte, erfolgte. Er hatte in seinem
Amte sehr viel Arbeit, denn er nahm die Sache sehr
ernst. Die Erhaltung der historischen Denkmäler war
ihm eine Herzensangelegenheit.

Aber Quast fand wenig Beifall und Unterstützung
bei seinen Bestrebungen. Die meisten verstanden ihn
nicht; er war eben seiner Zeit voran. Anfangs hatte
er einen Hinterhalt an dem für Kunst und Altertum
begeisterten König Friedrich Wilhelm IV., später, be-
sonders nach dem Tode Stülers, stand er amtlich fast
ganz isolirt, konnte vielfach mit seinen wohlbegründeten
Ansichten und Vorschlägen nicht durchdringen und
mußte oft den Schmerz erleben, die wichtigsten und
wertvollsten Denkmäler verfallen oder gar zerstören zu
sehen.

Er verband mit seiner umfassenden und gründ-
lichen Kenntnis der Kunstdenkmäler eine Anderen kaum
begreifliche Kenntnis der politischen und kirchlichen
Spezialgeschichte der verschiedenen Gegenden und Städte
und beherrschte mit vollkommener Freiheit alle historischen
Hilfswissenschaften. Und weil er eben mehr von den
eiuzelnen Denkmälern wußte als die meisten anderen
Menschen, so hatte er auch ein bei weitem grvßeres
Jnteresse daran als selbst jene, welche mit diesen
Denkmälern in täglichem Umgange standen. Er kannte
die historischen Beziehungen der Denkmäler, die Be-
deutung der einzelnen Teile derselben und wußte selbst
die kleinsten, scheinbar nebensächlichen Dinge in ihrem
wahren Wesen zu erkennen. Daher sein großes Jn-
teresse daran, seine hohe Wertschätzung der historischen

Denkmäler, daher endlich sein eifrigstes Bestreben, sie
in dem überlieferten Zustande zu erhalten, und sein
Widerstreben gegen jede Modernisirung, welche er stets
nur als eine Minderung ihres Wertes ansehen konnte,
oder gar gegen eine Zerstörung derselben.

Seit Beginn seiner amtlichen Thätigkeit arbeitete
Quast an der Herstellung eines vollständigen Jnventars
der Kunstdenkmäler Preußens. Doch konnte er allein
diese große Arbeit natürlich nicht bewältigeu. Zur
Herbeischaffung von Hilfe aber fehlte es der Regierung
stets an „Mitteln". Die betreffenden, von ihm ausge-
arbeiteten Fragebogen wurden zunächst probeweise in
den Regierungsbezirken Königsberg nnd Münster amt-
lich verteilt und von den Organen der Regierung be-
antwortet. Diese Beantwortungen erwiesen sich aber,
weil meist von Laien auf dem Gebiete der Archäologie
herrührend, als wenig brauchbar, blieben im Archive
des Ministeriums liegen und sind erst kürzlich wieder
hervorgeholt worden, da die Landstände der verschie-
denen Provinzen die Jnventarisirung der Kunstdenk-
mäler ihres Bereiches energisch und mit Erfolg in die
Hand genommen haben.

Jn betreff der Restauration der Baudenkmäler
hielt Quast gegenüber der von vielen Seiten beliebten
sogenannten Purifikation, d. h. der Herstellung des
ursprünglichen Zustandes derselben, welche zu großem
Vandalismus führt und ihren Zweck doch niemals er-
reicht, strenge an dem Grundsatze fest, daß das Gebäude
in seiner Gesamterscheinung als historisch gewor-
denes Baudenkmal erhalten und vor weiterem Ver-
falle geschützt werden müsse, daß also Gebäudeteile
und Monumente aller Perioden, wenn sie nur irgend-
wie künstlerisch oder historisch von Wert sind, gleich
zu achten und nebeneinander zu erhalten sind. Wo
ein Konflikt zwischen Älterem und Neuerem eintritt,
d. h. wo z. B. ein jüngerer Bauteil einen älteren ver-
deckt, soll die Kritik entscheiden, welchem von beiden
Teilen als dem wertvolleren der Vorrang gebührt.
Durchaus zu beseitigen ist nur das absolut und in jeder
Beziehung Wertlose oder das Schlechte und Fehler-
hafte. Die Ausbesserungen sollen auf das geringste
Maß, auf das Notwendige, soweit es durch die Sicher-
heit des Gebäudes und die charakteristische Gesamt-
wirkung desselben geboten erscheint, beschränkt werdeu.
Deln ausführenden Architekten ist vor allem Pietät vor
dem Überlieferten und Scheu vor dem sogenannten
Bessermachenwollen notwendig.

(Schluß folgt.)
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