Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

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goldete Kassette (0. 89) mit ungehener reicher Ans-
stattnng in Lapislaznli und edeln Steinen ist ein spätes
Produkt barvcker Überladung. Besonders geschmacklos
aber ist die prachtvolle Stockuhr mit Schlagwerk
lk. 87), deren Gliederung ein schon sehr entartetes
Formgefühl verrät. Jn anderen Fällen zeigt sich die
traditionelle Schwäche der deutschen Kunst in der Aus-
bildung des Figürlichen, das ohne Schwung der Be-
wegung und ohne feineres Formverständnis sich oft
nngeschickt genug darstellt. So die prachtvolle Gruppe
eines silbervergoldeten Hirsches mit der Figur der
Diana (6. 92), so auch der Nautilus (ö. 73), cine
Nürnberger Arbeit mit herzlich schlecht geformten Fi-
giirchen. Bisweilen hindert die Berwendung eines be-
sonderen Materiales die rhythmische Schönheit der
Gefäßbildung, wie an dem prachtvollen Pokal von
Heliotrop (v. 15), dessen Fuß dnrch eine weibliche
Onpxbüste gebildet wird, wobei denn freilich auf Schön-
hcit des Aufbaues verzichtet werden mußte.

Und doch bleibt des Mustergiltigen noch eine
reiche Auswahl. Zunächst sind ein paar Prachtstllcke
inittclalterlicher Goldschmiedekunst herauszuheben: die
Krone der Kaiserin Kunigunde, ein glänzendes Werk
der romanischen Epoche, teils der Frühzeit, teils der
Spätzeit angehörig, und das fränkische Herzogsschwert
aus spätgothischer Periode. Auch an diesen Werken zeigt
sich die Verschiedenheit, ja der Gegensatz, der in den
beiden Hauptepochen des Mittelalters die Goldschmiede-
arbciten charakterisirt. Die romanische Zeit liebt den
Schmuck von Edclsteinen und Perlen, von farbigem
Schmelzwerk und Filigran, so daß ihre Arbeiten ein
durchaus polychromes, malerisches Gepräge haben. Die
Gothik dagegen bringt ein architektonisch-plastisches
Prinzip zur Geltung, das in rhythmisch belebtem Auf-
bau, schärfer accentuirter Gliederung und getriebener
oder gravirter Ornamentik sich bemerklich macht. Erst
dic Renaissance bringt die Goldschmiedekunst zn ihrer
höchsten Vollendung, indem sie das architektonisch-pla-
stische Prinzip zum feinsten Ausdruck gelangen läßt und
damit, wo es ihr gut dünkt, den glänzendsten maleri-
schen Schmuck verbindet. Jn dem vorliegenden Werk
haben wir eine Anzahl von trefflichen Beispielen dieser
verschiedenen Gattungen. Dahin gehören zunächst
einige Gefäße von vergoldetem Silber mit getriebenen
Reliefs, wie jene Kanne mit Darstellungen aus dem
Leben des Pompejus (L. 6. X), ferner die runde
Schale mit Reliefs aus der Geschichte Cäsars (L. 6st
der große Pokal mit den Arbeiten des Herkules (L. 2)
und das Prachtvolle, mit Edelsteinen reich besetzte Schmuck-
kästchen (0. 91), welches schon in einem Jnventar von
1565 aufgeführt wird. Zum Schönsten gehören serner
die herrlichen Gefäße von Bergkrystall, nicht bloß durch
die Kunst des Schleifers anmutig belebt mit Figuren

und Ornamenten, sondern meistens auch durch kostbare
Goldfassnngen mit Schmelzwerk und edeln Steinen,
wahre Triumphe geschmackvoller Juwelierarbeit. Jm
Aufbau sind diese Werke an die oft schwierigen Be-
dingungen des Materials gebunden, doch sinden wir
auch hier Werke von untadeligem Umriß, wie die große
Gießkanne (N. 1. u), deren Henkel und Schnabel aus
Gold gebildet sind, oder jene andere (X. 26. b.) ganz
aus Bergkrystall geformte. Auch dic große Schüffel
(A. 1) mit prächtiger goldemaillirter Fassung, die Kanne
(X. 19), derPokal(X 38) mit der Geschichte Josephs
und die kostbar eingefaßte Schale (^. 12) mit silber-
vergoldetem, edelsteingeschmücktem Fuß, sind Werke von
großer Schönheit.

Wie man damals alle erdenklichen Materialien
für die kunstreiche Arbeit des Goldschmiedes verwertet
hat, beweisen u. a. der Kredenzteller samt Schale aus
Rhinozeroshorn (L. 39, 40), die Schüssel von Lapis-
lazuli (14. 1), der Pokal aus Chalcedvn (v. 10) und
ein anderer aus Onyx (O. 9), die herrliche große
Kredenzschale aus Achat (ll. 3) mit eleganter silber-
vergoldeter Fassung und die ovale Achatschale (I>. 18),
die indes durch ihre minder schöne Form und die
Schwäche in der Behandlnng des Figürlichen auf spätere
Zeit zu deuten scheint. Zum Vollkommensten dagegen
gehört die goldene Schale mit elegant emaillirten
Blumen und prächtigen, aus Karyatiden gebildeten
Henkeln (N. 5).

Was die große silbervergoldete Schüssel mit der
geistreich getriebenen Darstellung der Gigantenschlacht
betrifft (L. 7), welche schon 1598 in den Jnventaren
vorkommt, so ist sie von einer Freiheit und einem
Schwung in Komposition und Formbildnng, daß ich
geneigt bin, sie einem Jtaliener zuzuschreiben. Ent-
schieden italienisch und zwar aus der besten Zeit der
Renaissance ist die runde Schüffel von vergoldetem
Silber (X. 25), mit fein gezeichneten Ranken in Email,
außerdem mit zehn Krystallplatten, Saphiren und
Rubinen geschmückt. Das in der Mitte befindliche
Wappen samt dem Namen Leo's X. deutet genugsam
ihre Herkunft an. Sodann sind zwei vortreffliche
Schüsseln mit Limousiner Email zu nennen, die eine
(3. 6) von Jean Courteys mit Neptun und Amphi-
trite, die andere (L. 14) mit einer Darstellnng der
Mannalese, eines der besten Werke von Leonard Li-
mousin. Ein Kuriosum endlich ist das Elfenbcinkästchen
(ö. 6), zum Teil mit echt iudischen Schnitzwerken be-
bedeckt, welche man im 16. Jahrhundert verwendet
hat, indem man andere Relieftafeln hinzufügte, die den
indischen Stil imitiren.

Diese kurzen Bemerkungen werden genügen, um
abermals auf die Bedeutung des hier Gebotenen, auf
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