Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Berliner Kupferstichauktion.

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und erst ausgepackt, um an ihrem gegenwärtigen
Platze im Museum aufgestellt zu werden. Fvlglich haben
Doell und Feuardent sie nie in London gesehen, und
die Anschuldigung, daß ihr ein falscher Kopf aufgesetzt
worden, fällt von selbst zusammen, während die von
Doell beschriebene kopflose Statuette sich noch unverän-
dert unter den übrigen Bruchstücken ini Museum befindet.
Auch der Spiegel in der Hand der Venus ist als echt
befunden worden, und anstatt diesen — wie Herr
Feuardent hehauptete — hineinzumeißeln, hat man
nichts damit vorgenommen als die Entfernung des
steinharten Überzugs von Erde und Kalk, der den
Spiegel bedeckte. Für eine Veränderung lag ja auch
gar kein Motiv vor; befinden sich doch zahlreiche
andere Figuren in der Sammlung, welche über jeden
Zweifel darthun, daß die griechische Aphrodite in
Golgi verehrt wurde. Höchst wahrscheinlich hat Herr
Feuardent in mehreren Fällen die von Doell be-
schriebenen und abgebildeten Statuen mit anderen
verwechselt, welche er hier zum erstenmal gesehen hat;
aber die Heftigkeit, womit er seine Anklagen nach einer
— wie sich jetzt herausstellt — so oberflächlichen Prüfung
vorbrachte, die Bitterkeit, womit er und einige ihm
besonders freundliche Tagesblätter Cesnola und das
Komits angreifen und nicht nur deren Kompetenz, son-
dern auch deren Gewissenhastigkeit zu verdächtigen suchen,
sie ohne Umstände für ein Weißwasch-Komitö er-
klärten, deutet weniger Eifer für die Sache als per-
sönliche Gehässigkeit an. Sicher hat er kein Necht,
sich zu beklagen, daß man ihm nicht volle Gelegenheit
geboten, die Richtigkeit seiner Behauptungen zu be-
weisen. Gleich im Anfang wurde er eingeladen, vor
dem Komitö zu erscheinen, und obgleich er zuerst ab-
lehnte, kam er später dennoch und wurde mit Auf-
merksamkeit angehört. Aufgefordert, Sachkundige zu
empfehlen, die dem Komits bei seiner Untersuchung be-
hilflich sein könnten, erwiderte er, daß er niemand vor-
zuschlagen habe, und riet, erfahrene Arbeiter zu Rat zu
ziehen, was — wie oben erwähnt —- auch geschehen ist.

Von den Kunstfreunden wie beim großen Publi-
kum ist die Entscheidung des Kvmitss mit großer,
fast ungeteilter Befriedigung aufgenommen worden.
Bon Anfang an waren die Spmpathien der Menge
mit Cesnola, und wenn man das endgiltige Urteil
auch den kompetenten Richtern überlassen mußte, so
würde es doch eine schmerzliche Enttäuschung gewesen
sein, wenn dasselbe ungünstig für einen Mann aus-
gefallen wäre, der sich durch seine ganze Laufbahu in
dieser seiner zweiten Heimat von der Zeit an, als er
sich im Rebellionskrieg im Dienst der Union rühmlich
hervorthat, vor allem aber durch seine Thätigkeit
anf Cypern, welcher New Aork die in ihrer Art
einzige Sammlung von Altertümern verdankt, Lauern-

den Ruhm und Anspruch auf ungeteilte Anerken-
nung erworben hat, die ihm auch in reichem Maße
gespendet wird.

0.

Berliner Aupferftichnuktion.

Der von der Firma Amsler >L Ruthardt (Meder)
in Berlin redigirte und soeben herausgegebene Katalog
umfaßt in den 843 Nummern, die er zählt, eine solche
Fülle klassischer Kunst auf dem Gebiete des Kupfer-
stiches, daß die Auktion, welche am 26. April im
Kunstauktionshause von R. Lepke in Berlin stattsinden
soll, zu den berühmtesten Bersteigerungen dieser Art,
die in Europa in den beiden letzten Decennien vor sich
gingen, gezählt werden muß.

Es sind hier eigentlich zwei Sammlungen ver-
eint, die des verstorbenen Fürsten Alex. Lobanow
Rostowskp und die eines deutschen Sammlers. Ersteren
Sammler haben wir persönlich gekannt und wissen aus
eigener Erfahrung, wie er, dem Grundsatze „non mntta
ssci ninktnm" huldigend, mit feinem Kennerblick nur
das Gediegenste und dieses in den besten Abdrücken und in
tadelloser Erhaltung für würdig hielt, in seine Mappen
aufgenommen zu werden. Gleiche Liebe den Künstlern
aller Schulen entgegentragend, verstand er es, seiner
Sammlung das Gepräge der vollendeten Klassicität
aufzudrücken. Der Katalog zeigt in seinen beiden Ab-
teilungen, daß auch der ungenannte deutsche Sammler,
wenn auch dessen Anteil nicht streng geschieden von dem
des Ersteren erscheint, diesem in der Wahl wie im
Kunstsinn verwandt und ebenbürtig war. Der Jnhalt
verdient die eingehendste Berücksichtigung von seiten aller
Kunsifreunde; aber auch Kunstforscher werden bei der
Durchsicht nicht ohne Lohn bleiben, da vieles, wenig-
stens was Abdruckszustände anbelangt, hier zum ersten-
male beschrieben erscheint. Die erste Abteilung enthält
Kupferstiche und Holzschnitte vom 15. bis zum Ende
des 18. Jahrhunderts, die zweite Grabstichelblätter der
Neuzeit. Von alten deutschen Meistern ist besonders
M. Schongauer hervorzuheben, der die herrlichsten
Blätter seines Werkes beisteuert, darunter die vollständige
Passion uud die Hauptblätter: Tod der Maria, Ver-
suchung des h. Antonius, den Bischofstab. Wir sagen ein
für allemal, um uns nicht immer zu wiederholen, alleF
in den frischesten Abdrücken. Dürer ist mit Kupser-
stichen reich vertreten. Mit Ausnahme von „Adam und
Eva" sind alle Hauptblätter vorhandcn. Bei den Holz-
schnitten begegnen wir einigen Blättern aus dem Leben
der Maria vor dem Text und der großen Seltenheit:
Der Pestkranke, mit vollem Text. An den Großmeister
deutscher Kunst schließen sich dann die Arbeiten der
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