Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Brauns Photographien aus der Galerie des Museo del Prado in Madrid.

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Aelehrten Platz genommen. Spannung, Schadensreude
Und Fanatismus ist auf den Gesichtern zu lesen, die
Hch teils dem mit Stricken gebundenen Galiläer, teils
obersten Priester zuwenden, der auf den zum Land-
^cheger hinanführenden Stufen mit heftiger Geberde
uls Ankläger auftritt und in den Römer hineinredet,
er den Frevler, welcher sich für den König der
^uden ausgebe, kreuzigen lasse. Mit dem schlau-frommen
Ausdruck eines Großinguisitors, der selbst kein Be-
^enkeu trägt, jeden Andersdenkenden dem Henker aus-
Zuliefern, sieht ein wohlbeleibter Kvllege in rotem Rock
und gelbem Gürtel, der es sich auf seinem Ehrenplatze
^eguem macht, beifällig zu ihm empor.

Den Mittelpunkt dcs Gemäldes bildet Christus,
nne hohe Gestalt in weißem Gewand, die Spur schweren
Seelenleidens auf dem reinen, durchgeistigten Antlitz.
Er kennt das seiner harrende Schicksal und will es
nicht ändern, ihm nur mit Standhaftigkeit und Er-
gebung iu den Willen seines himmlischen Vaters be-
gegnen. Hoheit und der Glaube an seine Sendung
leuchten auf der blasien Stirn Christi, welcher weit
über die Bedrängnisse des Augenblicks hinaussieht, aber
sich nichtsdestoweniger als Sohn des Menschen sühlt
und seine ganze Kraft zusammenraffen muß, um dem
ihn vvn allen Seiten umtobenden Sturme standzu-
halten. Wie er so dasteht, erhobenen Blicks, angesichts
des Landpflegers, der ihn nicht schützt, weil er es mit
den Juden nicht verderben will, und der Führer seines
Volks, das ihn in blindem Eifer verdammt, scheint
er abermals, wie des Abends zuvor in Gethsemane,
in innerster Seele zu beten: „Jst es möglich, so gehe
dieser Kelch an mir vorüber!"

Neben Christus steht ein römischer Kriegsknecht
mit einer Lanze, deren er sich bedient, um die Menge
abzuhalten, die fich hinter dem Nazarener in den
Gerichtssaal wnlzt: Jünglinge, Männer und Greise,
durch Müßiggängerei, gaffende Neugier, Religionshaß
herbeigeführt. Hier hat sich die Meisterschaft des
Künstlers doppelt bewährt: einerseits in der Darstel-
lung der verschiedenen orientalischen TyPen und Trachten,
einer bunten Musterkarte der Stämme und Völker-
schasten, deren Sammelplatz die Hauptstadt Judäa's
war, und andererseits in der Charakterisirung der
Affekte, denen jeder Einzelne gehorcht. Am auffallendsten
ragt aus der Menge ein junger Mensch hervor, nach
Physiognomie und Kleidung ein hierosolymitanischer
Lazzarone, der sich so nahe, wie die Gegenwart des
Kriegsknechts es gestattet, an deu Gefangenen heran-
drängt, wütend die Arme gen Himmel streckt und mit
weit ausgerisienem Munde aus Leibeskräften schreit.
Der Gegeusatz zwischcn diescm, den Ruf des Tages:
„Kreuzige ihn!" ausstoßenden Vertreter des Pöbels,
bem auf den Stufen des Thronsesiels leidenschaftlich

gestikulirenden Hohenpriester und der erhabenen Ruhe
des zwischen ihnen stehenden Angeklagten liefert einen
der gelungensten Effekte des Bildes.

Wenn dann der Blick, nachdem er sich an den
Hauptfiguren geweidet, weiter in dem Gerichtssaale
herumschweift, bleibt er verwundert uud entzückt an
einer Zuschauerin haften, der einzigen ihres Geschlechtes,
die, eine junge Mutter, ihr nacktes Kind auf dem
Arme trägt. Sie lehnt oberhalb der Ältesten an einer
Säule, ihre Augen sind auf den Gefesielten gerichtet,
und unendliches Erbarmen spiegelt sich auf ihrem
holden Antlitz wieder. Das Gefühl, das alle übrigen
Anwesenden flieht, hat sich ihrer ganz bemächtigt,
sie ist nur Herz, Jene nur klügelnder Verstand oder
grausamer Jnstinkt, und in ihr setzt Munkaczy der edeln,
echten Weiblichkeit ein schöneres Denkmal, als mancher
Künstler, welcher der Mitwelt eine geschätzte Madonna
schenkte. Sein Weib aus dem Volke, das auf den
Beschauer so wirkt, wie er es in der That gewollt
hat: als die Versöhnung bringende Liebe, erscheint
übrigens in Ausdruck, Haltung und Gewandung so
madonnenhaft, daß er die Mutter mit dem Kinde nur
zu isoliren braucht, um sie in eine Gnadenmutter um-
zuwandeln.

Die düstere Farbengebung, für welche der Meister
eine entschiedene Vorliebe hat, gelangt zwar auch auf
diesem Gemälde zur Anwendung, aber fie wird durch
die lebhaften Farben der orientalischen Trachten ge-
mildert und zugleich zu größerer Geltung gebracht.
Von ganz eigentümlicher Wirkung ist ein Stück ties-
blauen Himmels, welches durch das offene Thor in
die Halle hineinschimmert und seinen Widerschein auf
die dunkeln Wände uud die innerhalb derselben ver-
sammelten Menschen wirft."

Brauns Photographien aus der Galerie des
Bluseo del prado in Madrid.*)

Wer sich mit Kunst beschäftigt, dem ist der Name
des Hauses Adolph Braun hinreichend bekannt: sind
doch nie zuvor von einem Geschäfte der gesamten
wisseuschaftlichen Kunstforschung solche wesentliche
Dienste geleistet worden! Es wird heutzutage niemand
inehr einsallen, ohne Benutzung der Tausende trefflicher
Facsimiles von Handzeichnungen vergleichende Kritik
treibeu zu wollen; nach den Braunschen Nummern zu
citiren, ist gäng und gäbe geworden, — das erspart die
Beschrcibung, denn die Blätter sind ja in den Händen

*) 397 Blatt in unveränderlichem Kohledruck, direkt nach
den Originalen aufgenommen^ Die erste Lieferung enthält
ca. 50 Blatt.
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