Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Dis neueste Erwerbung der Berliner Galerie.

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talen Motiven durchweg reich gravirt und bekrönt mit
halbkreissörmigen, sich nberschneidenden Laubwerkbogen,
mögen hier die vorzüglichsten Repräsentanten der vcr-
tretenen Kulturperioden abgeben. Den Hintergrund
des Zimmers nimmt auf einem dcn Raum beherr-
schenden Postamente, welchem cin Renaissancerelief in
Alabaster mit biblischen Darstellnngen, der fruhere
Fries eines Kamines, als Brüstung dient, die Marmor-
büste des verstorbenen Eigentüniers der Sammlung
ein, eine der vorzüglichsten Arbeiten seines Frenndes,
des Dombildhauers Professor Mohr.

Das in dem gotischen Saale vvrgeführte Antiken-
kabinct, aus römischen nnd gallischenFnnden desMittel- !
und Niederrheines 1230 Nummern aufweisend, nimmt ^
sür sich allein die Bedeutung eincr selbständigen Samm-
lung ersten Ranges in Anspruch, wie sie nach der Be- ^
deutung der Objekte nur in einem von der römischcn
Kulturcntwickelung so lange befruchteten Boden und
in einem so mächtigen Emporium wie die Kolonia s
Agrippina allein aus den Begräbnisstätten vor- !
nehmer Personen gehoben werden kvnnte. Untcr den
zahlreichcn Glasgefäßen mit gravirten, ciselirten oder
aufgeschmolzencn Verzierungen in den seltensten Formcn
und Farben, von all den Thongefäßen griechischen,
ctrurischen und rhcinischen Ursprunges in tsrrn si^ii-
lutu und torru niAru mit Neliefdarstellungen vder Jn-
schriften, von den interessanten Schmucksachen und
Geräten in Gold, Silber und Erz mit inkrustirten
Gemmen und Kameen, von den Werken der Plastik in
Metall, Elfenbein, Gagat und Stein, welche die ein-
zelnen Abteilungen der Sammlung ausmachen, konnen
wir selbstverständlich nur die allerwichtigsten Stücke her-
vorheben. Diese finden wir unter den Glaserzeug-
nissen in einem gehenkelten, von einem aufgeschmolzenen
Netzwerk in der Art der vu8u äiutrotu bis zu ^ der
Höhe überfangenen Becherglase anf edelgegliedertcm
Fuße mit in Gold konturirten Engelfiguren zivischen
Laubwerk aus der leider vben fragmentirten Cnppa,
in einer Flasche in Gestalt eines in der Sella sitzenden,
die siebenröhrige Syrinx zum Mundc führenden Affen,
einer fragmentirten Schale mit zwölf in Gold gravirten,
von blauen und grünen Glastropfen überschmolzenen
Medaillons mit religiösen Darstellungen in der Art
der Katakombengläser, einer kugelförmigen Phiole mit
ciselirter griechischer Umschrift nnd endlich in einem hohen
Glasbecher mit gravirten Kostümfiguren in einer früh-
christlichcn Architektur. Bei den Thongeräten gehören
cinige Lampen mit figürlichen Darstellungen sowie eine
hohe birnförmige Vase in torru siAÜIutu, um deren
Weitung sich cin reliefirter Fries mit einem Stier-
gefechte zwischen Lotosblattornament zieht und die am
Halsrande mit einer weißen Jnschrift versehen ist, wohl
zu den bemerkenswertesten.

Mit einem Gefühle der Wehmnt sür den seinen
Schätzen vorzeitig entrissenen Besitzer sowie für die
um einen künstlerifchen Anziehungspunkt wiederum ge-
schmälerte Vaterstadt sehen wir dic mit so viel Liebe
und Ausdauer zusammengelesenen Kunstschätze in alle
Winde sich verflüchtigen; aber diese Empsindung weicht
der Zuversicht, daß das, was hier der Vergessenheit
entrissen, nicht mehr untergehen, vielmehr seine schöpfe-
rische Lebenskraft in neuen Bildungen und Gestaltungen
fvrtsetzen und dem Namen Disch eine ehrende Erinne-
rnng, den Spuren des frühern Kunstlebens unserer
Rheinstadt aber eine immer größere Verbreitung und
allgemeinere Würdigung sichern wird.

T.

Die neueste Lrwerbung der Berliner Galerie.

(„Neptun und Amphltrite" von Rubens.)

(Schluß.)

Während Rnbens sodann im Anfange der zwanziger
Jahre mit Hilfe zahlreicher Schüler die grvßen Bilder-
cyklen für die Jesuitenkirche in Antwerpen und für die
Galerie des Luxembourg, sowie als Vorlagcn für
GobelmS die Geschichte des Dccius Mus u. A.
schafst, wird seine Pinselführung pastoser, deckender, die
Färbung reicher, mehr auf Harmonie als auf Ton
ausgehend, selbstverständlich bei gleicher Breite und
Meisterschaft der Behandlungsweise. Die „Aufer-
weckung des Lazarus" und (mehr als Skizze) die kleine
neu erworbene „Piets," gehvren in diese Periode. Dcr
letzten Zeit bürgerlichen Familienglückes in seiner zweiten
Ehe, nach Abschluß seiner diplomatischen Laufbahn,
entspricht eine letzte und zugleich die höchste Entwicke-
lung seiner künstlerischen Eigenart: die Färbung ist
so reich und blumig und dabei von einem so goldigen
Ton durchdrungen, daß es uns wie Sonnenschein aus
diesen Bildern entgegenschimmert; das Kolorit ist ganz
leuchtend und verschmolzen; die Umrisie erscheinen nur
unbestimmt, die Schatten hell durch das Licht, welches
alles zu durchdringen scheint; der Farbenanftdag ist
körnig und fast durchweg gedeckt, obgleich der Künstler
offenbar möglichst naß in naß zu malen bestrebt war.
Die 'Behandlung entspricht seiuen künstlerischen Jnten-
tionen: bald ist eine Jdee, ein Effekt in wenigen großen
Zügen nlln xrims. zum Ausdruck gebracht, bald hat
der Künstler sein Bild Jahre lang o on ninors wieder
und wieder übergangen; er schuf nur n och nach seinem
inneren Bedürfnis und zu seiner künstlerischen Be-
friedignng. DieBerlinerGalerie besitzt in denFiguren auf
der„Jagd derDiana", namentlich abcr in der „Heiligen
Cäcilie" schöne, charakteristische Beispiele dieser letzten
Periode des Rubens.

Kehren wir von diesem Uberblick über die künst-
lerische Entwickelung des Meisters zu unserem Bilde
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