Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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(6. Zahrgang.
Boiträge

fianumgassi? 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,

26. Alai

Nr. ZZ.
Jnserate

cl 25 j)f. für die drei
Mal gespaltene ssetit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Runsthandlung
angenommen.

t88s.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Lrscheint von Septcmber bis Iuli jede tvoche am Donnerstag, von Iuli bis September alle ^ Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift für
bildende Runst" gratis; für stch allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen ssostanstalten.

Inhalt: Rorrespondenz: ssaris. — Rarl von Müller -j-.— Gbreens „^.rcstiek vor vaterlanäscbe KunstAescüieöenis"; Lagerkatalog der Runst-
handlung..von tzerm. vogel in Leipzig. — Berlin: Ronkurrenz. — Rom: projekt einer weltausstcllung. — Archäologische Gesellschaft in
Verlin; Uber die neue Rubens-Acquisition der Berliner Galerie; viktor Lnianuel-Denkmal in Genua; Denknial für Baldassare Peruzzi
in Siena; Restaurationsarbeiten am Bigallo in Llorenz; Restaurationsarbeiten an der Aathedrale in Metz. — wiener Gemälde-Ver-
steigerung. — Neuigkeiten des Buch- und Runsthandels. — Zeitschriften. — Inserate.

Aorrospondenz.

Paris, 13. Mai 1881.

Endlich ist das Bild von Munkacsy an die
Öffentlichkeit getreten: man hat es ausgestellt, man
betrachtet es, bewundert es, aber nach wieviel Wechsel-
sällen und Abenteuerlichkeiten! „Christus vor Pilatus"
wurde für den „Salon" nicht zum festgesetzten Termin
fertig. Die Ausstellungsjury blieb unerbittlich und
bewilligte keine weitere Frist. Munkacsy machte darauf
nachfolgenden Vorfchlag: „Stellt mein Bild in einem
besonderen Saal aus, stellt vor die Thür desselben
ein spezielles Tourniguet, und ich garantire euch eine
Einnahme von 50000 Frcs.; was darüber eingeht, ist
euer !" Die Jury verharrte in ihrer Unbestechlichkeit.
Verschwcigen wir es nicht, daß sie zum großen Teil
aus Malcrn besteht, und daß viel Unparteilichkeit, ja
Seelengröße dazu gehört, um einem Kollegen, der ein
so zu fürchtender Rivale ist, zu einem Erfolge zu ver-
helfen. Man ist am Ende doch nicht bloß Jurymit-
glied, sondern auch Mensch — kurz man lehnte ab.
Noch ein zweiter Vorschlag tauchte auf. Jn dem-
selben Jndustriepalast, den der „Salon" nicht völlig
ausfüllt, besteht auch die permanente Ausstellung der
dekorativen KUnste, mit besonderem Tourniguet und
besonderem Eintrittsgeld (l Fr). Warum kann
man dort nicht Munkacsy's Bild nnterbringen? Diese
Kombination glich aber leider zu sehr der ersten, als
daß sie vor den Augen der Jury hätte Gnade finden
können. Was sollte nun geschehen? Man konnte doch
die Pariser nicht für alle Ewigkeit oder bis znm nächsten
Jahr des Anblickes einer solchen Meisterschöpfung be-

rauben? Nein! Hr. Sedelmeyer, ein — wie be-
kannt — sehr wohlsituirter Kunsthändler mit einem
sehr schönen Ausstellungslokal, legte sich ins Mittcl
und nahm den verfolgten Christus in seine Räume
(und in was sür Räume!) auf. Munkacsy hätte einer
solchen mms 6n 806NS nicht bedurft. Nachdem man
einen schönen Garten passirt hat, kommt man zunächst
in cine glasgcdeckte Vorhalle und wird von dvrt dnrch
einen schwarz gekleideten Diener mit höflicher Ver-
beugung in den ersten Salon gewiesen. Er bildet eine
Art Vorbereitung für das Allerheiligste: Studicnköpfe
von Munkacsy, der Meister mit seiner Frau im Atelier
und andere Bilder hängen an den Wänden umher.
Dann kommt man in einen dunkeln Raum; man muß
acht geben, um nicht zu stolpern. Eine Wendung —
es wird Licht, und wir stehen vor dem großcn, be-
wundernswert beleuchteten Gemälde! Stühle laden
zum Sitzen ein, knrz alle Nmständc vercinigcn sich,
um uns das Bild in Muße und Beguemlichkeit genießen
zn lassen. Es ist aber auch der Mühe wcrt!

Die Scene spielt sich ab auf einer Leinwand von
ungefähr fünf Mcter Länge. Auf der rechtcn Seitc
bemerken wir zunächst zwei Orientalcn in langen Ge-
Wändern und über ihnen, auf einer Art von Thron,
Pilatus, nach römischer Art wciß gcklcidet, dann den
lcbhaft gestiknlirenden Ankläger, fcrncr cine Pcrsön-
lichkeit, die an der Mauer aufgcrichtet steht, und cinc
andere, sitzende, welche gleichgiltig zuhört; dann folgt
Christus selbst, ganz in Weiß, in's Profil gerichtet, die
Hände gefesselt, und hinter ihm die ihm feindlich oder
freundlich gesinnte Menge, welche sich ereifert und
herumdrückt im Hintergrunde der in tiefes Dunkel, fast
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