Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Kunst der Renaissance auf der italienischen Nationalausstellung in Mailand,

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Sprichwvrt: „Einem geschenkten Gaul sieht man nicht
ins Maul" als Prinzip gewaltet zu haben.

Jmmerhin mögen einzelne wenige Bilder dem
knnstlicbenden Publikum aufs wärmste anempfohlen
sein, umsomehr als die ganze neue Stiftung bis jetzt
noch so wenig besucht und bekannt geworden ist. Und
doch wäre es wegen dieser einzelnen gewählten Bilder
schon der Mühe wert, das „Museo Artistico Muni-
cipale" von Mailand in Augenschein zu nehmen.

Jch nenne vor allen ein höchst anziehendes Jugend-
bild von Correggio, eine Mutter Gottes mit dem
Kinde, welchem sich der kl. Johannes mit dem Kreuze
nähert, ein strahlendes, noch ganz naives und reines
Werk, das mit der großen Madonna des heil. Fran-
ziskus in Dresden ganz im Einklang steht und wie
dieses einen schlagenden Zusammenhang mit Francesco
Francia und Lorenzo Costa offenbart.

Als zweites Juwel der Sammlung ist ein ganz
ergreifendes männliches Porträt von Antonello da
Messina zu nennen, das Brustbild wahrscheinlich cines
Poeten oder eines Humanisten, mit bekränztem Haupte
und mcrkwiirdig nach antiker Wcise entblößter Brust.
Der dem Antonello ganz eigene Zug des außerordentlich
scharfen Schnittes der Augen mit dem erstaunlich
lebcndigen Blicke, der daraus hervorschaut, ist in dem
Bilde für den Meister so bezeichnend wie möglich, die
Modellirnng höchst bestimmt und kräftig.

Anmutiger jedenfalls und auch genialer aufge-
faßt ist das Bildnis eines Jünglings von Lorenzo
Lotto, in welchem die Eigentümlichkeiten der bewegten
Linien und des schimmernden weißlichen Lichtes, die ihn
dem Correggio so merkwürdig verwandt erscheinen
lasseu, sehr deutlich und geistreich wahrzunehmen sind.
Zieht mau weiter noch einige andere gute Bilder aus
dcr venctianischen Schule sowie einige Niederländer
aus dem 17. Jahrhundert, unter denen zwei liegende
fette Schweine von Paul Potter als ganz vorzüglich
zu nennen sind, in Betracht, so blcibt sonst nur wenig
Bedeuteudes übrig.

Gehen wir zu der benachbarten Abteilung über,
so finden wir hier teils an den Wänden teils auf
Gestellen die Bilder zusammengestellt, welche nur
während der nationalen Jndustrieausstellung (also bis
Ende Oktober) den Besuchern zur Schan dargeboten
werden. Die Wahl derselben wurde nicht nach irgend
einem besonderen Prinzipe getroffen und hätte mit
etwas mehr Überlegung und Anstrengung von Seiten
der damit beauftragten Herren viel gediegener und
bedeutsamcr ausfallen können. Nichtsdestowcniger sind
auch hicr cinige Werke vorhanden, die sonst nicht leicht
zugänglich siud nnd die deshalb und weil sie in der
-^.hat einen entschiedenen künstlerischcn Wert haben, von

jedem Lernbegierigen und jedem wahren Kunstfreunde
eingehend studirt zu werden verdienen.

Die Mailändische Schule in ihrer Blütezeit ist
erstens durch ein merkwürdiges Porträt eines strengen
lombardischen Nachfolgers von Lionardo, des in dem
Lermolieffschen Buche neulich geschilderten Ambrosius
de Predis vertreten. Es ist das Brustbild eines
blassen unbärtigen Mannes, der gar eigen aus dem
umrahmenden üppigen blonden Haarwuchs herausschaut.
Nicht zu übersehen ist der Denksprnch auf dem dunkeln
Grunde des Bildes: Vitu, si soins uti, louAu est,
der ja schon im Codex Atlanticus von Lionardo
vorkommt, in dem Gemälde also nicht weniger als die
Ausführung desselben auf einen entschiedenen Zusam-
menhang mit dem großen Meister hindeutet. Das
Porträt ist in der Ausstellung einfach als Louoln lom-
buräs. angegeben, entspricht aber in der Art und Weise
der Behandlung durchaus dem obengenannten Maler.

Bon großartigem, erhabenem Charakter ist sodann
ein anderes Bildnis eines ernsten, vornehm gekleideten
Herrn, der an seiner Mütze eine Medaille mit einer
kleinen Figur der heil. K atharina trägt und wohl ganz
richtig dem tresflichen A ndrea Solari zugewiesen wird.
Wäre das Bild nicht so durch uud durch übel zuge-
richtet, so dürfte es gewiß als eines seiner wertvollsten
Werke betrachtet werden.

Einige Specimina des anmutigen Mailändischcn
Raffael, Bernardino Luini, durften in einer
derartigen Ausstellung nicht fehlen. 3n der That
finden sich ein Paar herrliche Madonnenbilder von ihm
ausgestellt, die seiner zartesten, d. h. der sogenannten
blonden, hellen Manier angehören, wo das Naturell
des Meisters zugleich mit dem durchdringenden, obwohl
fast unbewußten, Einfluß Lionardo's recht wahrzu-
nehmen ist. Jhnen reiht sich eine blühende, nur gar
zu üppige Mutter Gottes mit dem Kinde von Gau-
denzio Ferrari an, welche der reifen Zeit des Mei-
sters angehört und mit großem Fleiße ausgeführt ist.

Von venetianischen Bildern ist ein glänzendes
erotisches Bild von Paris Bordone zu nennen, sowie
ein sehr lebendiges Porträt eines Prälaten von Mo-
roni. Wichtigeres aber ist unter den Gemälden
des Moretto von Brescia vorhanden. Von ihm
sehen wir erstens ein großes Altarbild, aus der
Brüderschast von S. Giov. Evangelista in Brescia
stammend, wclches bekanntlich -sein letztes datirtcs Werk
ist (aus dem Jahre 1554). Es stellt eine Beweinung
Christi dar. Sieht in demselben manches auch schon
etwas plump und trübe aus, so hat die Malerei doch
in der Harmonie der Töne noch eineu erheblichen Wert,
und das Bild verdient immerhin unter den gediegenen
Schöpfungen des Meisters genannt zu werden. Auch
eine Wiederholung eines seiner bekannten Altarstücke
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