Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Künstler und Kunstgelehrte.

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Sache nichts. Fiir Wien ist diese auf alle Falle nichts
weniger als unangenehm. Wie stehen wir da! Hundert
Äahre lang haben wir die Welt glauben gemacht, die
Amphitrite oder Thetis sei don Rubens, einzig damit
die superklugen Berliner sie uns Anno 1880 für ein
Hcidengeld abnehmen svllten!

Leider ist dem Anschcin nach die Begeisterung für
Peter Paul und für die Reinheit der Berliner Galerie
eS nicht allein, was die Herren in Harnisch gebracht
hat und sie bestimmt, so grimmig um sich zu hauen.
Der Direktor der Berliner Akademie, Herr Anton v.
Werner, und ein die nämliche Melodie nur in etwas
gedämpfterem Tone blasender Korrespondeiit der „Augs-
burger Allgemeinen Zeitung" verraten, daß die Lanzen,
welche gegen die Leinwand geschleudert werden, eigent-
lich Personen treffen sollten, welche man hinter jener
vermutet. Bis jetzt haben sie freilich nicht einmal einen
Polonins erlegt, geschweige die Größeren, auf die es
abgesehen ist.

A. v. Werners Herzenserguß ist in der „Gegen-
wart" erschienen, und die Redaktion bemerkt dazu, als
der Streit um die Echtheit jenes Gemäldes entbrannt
sei, habe sie sofort Herrn v. Werner ersucht, „sein
wichtiges Votum in dieser Frage abzugeben". Würde
Herr Dr. Lindau, wenn es sich darum handelte, ob
ein aufgesundenes Manuskript von Cervantes herrühre
oder nicht, etwa einen lprischen Dichter oder einen
Schreiblehrer um sein wichtiges Votum angehen? Oder
nicht doch vielleicht lieber einen Litterarhistoriker, der
möglicherweise nie „Dichten" gelernt und von seinem ein-
stigen Schreibunterrichte das Beste längst vergessen hat?
Professor v. Werner nnd sein gelehrter Vorredner in
der „Allgemeinen Zeitung" sind allerdings der Ansicht,
daß nur der Jemand, der selbst malt, über ein Ge-
mälde ein Urteil haben könne. Herr v. Werner „glaubt
als Maler sich auf Stil und Technik u. dergl. min-
destens ebenso gut zu verstehen, wie Herr Bode". Ja,
was glaubt einer nicht manchmal! Jst es nicht denkbar,
daß ein Weinbauer von Grüneberg glaubt, sich in dieser
Eigenschaft auf Neroberger und Chatean d'Nguem besser
verstehen zu müssen, als jemand, der den Wein bloß
trinkt, nicht pflanzt und keltert. vr. Bode hält das
Bild für echt, Professor v. Werner setzt dasselbe an
das Ende des 17. oder den Anfang des 18. Jahr-
hunderts; vr. Bode sindet die Komposition großartig,
die Färbung voller Pracht u. dergl. m., Professor v.
Werner findet von allem das Gegenteit, verlangt von
dem Gegner Beweise, erkennt die von jenem beige-
brachten nicht an, und „erlaubt sich demgemäß, vor-
läufig bei seiner Meinung zu bleiben." Nun Pflegt
nian nllerdings gewöhnlich von demjenigen, welcher
eme bisher allgemein anerkannte Thatsache leugnet, die
Beweise zu sordern, nicht umgekehrt; aber aller Wahr-

scheinlichkeit nach ist es vr. Bode's Ehrgeiz gar nicht,
Herrn v. Werner seiner Meinung zu berauben, und
man würde gar nicht verstehen, weshalb dcr letzterc
sich so sehr echauffirt, stäche nicht beinahc ans jedem
Satze die persönliche Animosität hervor nnd würde
uns dadurch nicht in Erinnerung gebracht, daß seit
Jahren Berliner Maler in dortigen Zeitschriften einen
erbitterten Krieg gegen die Museen-Dircktion sühren,
derenMitglied bekanntlich 1>r. Bode ist. Diese Mnseums-
verwaltung, an deren Spitze Geheimrat Schöne steht,
und welcher Männer wie Jnl. Mever, Conze, Curtius,
Lippmann, Friedländer, Lepsius, Bastian rc. angehören,
hat allerdings die glänzendsten Ersolge anfzuweisen;
sie hat durch eine Reihe großartiger Erwerbungen, um
welche Berlin von allen anderen Großstädten beneidet
wird, das Museum erst auf die Stufe einer Kunst-
sammlung ersten Ranges gebracht und gleichzeitig eine
wissenschaftliche Thätigkeit im größten Stil entwickelt.
Aber die genannten Männer haben einen unverzeih-
lichen Fehler, sie sind weder Maler noch Bildhauer!
Deshalb sucht man, ohne in den Mitteln nur im ge-
ringsten wählerisch zu sein, sie anzuschwärzen und zu dis-
kreditiren, wobei z. B. immer sorgfältig ignorirt wird,
daß jedem Abteilungsdirektor eine Snchverständigen-
Kommission zur Seite steht, unter deren Mitgliedern
wir sim neuesten statistischen Handbuch für Kunst und
Kunstgewerbe) z. B. Oskar und Reinhold Begas,
Spangenberg, Gustav Richter, Albert Wolff, Siemering,
Sußmann-Hellborn finden. Wenn dabei noch von
Zurücksetzung des künstlerischen Elements gesprochen
wird, so macht das einen sonderbaren Eindruck. „Aber",
bemerkte neulich jemand, der Jahrzehnte in Amerika
gelebt hat, mit Beziehung anf diese nnd verwandte
Erscheinungen, „der Deutsche kann es noch immer nicht
vertragen, daß einzelne sich über die Menge erheben;
andere Nationen sind stolz auf ihre großen Männer
und prahlen mit dcnselben, die Deutschen möchten sie
herunterziehen — das halten sie für demokratisch. Jch
wünschte allen einen Ausenthalt in der Union, damit
sie von den Republikanern Achtung vor der bedeuten-
den Jndividualität und Disciplin lernten."

Doch lassen wir dies dahingestellt. Der Kern des
ganzen Streites ist: die Verwaltung der Kunst-
sammlungen soll Künstlern, und zwar diesen ausschließ-
lich in die Hände gegeben werden, dic Kunstwissen-
schaft soll nicht darein reden dürfen. llnd deshalb hat
der Streit eine mehr als lokale Bedeutung, ist die
Angelegenheit keine spezifisch preußische mehr. Dieselbe
Tendenz taucht überall auf. Früher bcklagteu sich die
Künstler nur darüber, daß Nichtkünstler ein llrteil
über Arbeiten der ersteren sich erlaubten, obgleich
sie nicht imstande waren, „es besser zu machen", —
der Standpunkt des Schusters, welcher sagt: „Sie be-
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