Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Der schweizerische Salon von 1881.

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notwendigerweise schielen. So gerät sie in eine Lage,
die gewaltsam und für das Modell jedenfalls im höch-
sten Grade unbequem ist. Schade, daß sv viel Kunst
auf so viel Unnatur verwandt wurde! Auch hier zeigt
Barzaghi seine Virtuosität im Malen der Stosfe; die
Spitzen und der Federhut könnten nicht besser ausge-
führt sein. Von Frl. Bindschedler seien zwei Frauen,
Genreköpfe, sowie ein von vorn gesehenes Kind mit
roten Haaren und blaucm Halsband erwähnt; das lctz-
tere ist talentvoll behandelt, aber mehr ein Studien-
kopf als ein ausgeführtes Bild.

Auch dieses Jahr ficl dem Genre und der Land-
schaft der Löwenanteil zu. Fassen wir zuerst das
Genre ins Auge. Die Palme reiche ich vhne Bedenken
Frank Buchser aus Solothurn, aber nicht etwa
seiner italienischen Familie, welche zwar ein anmutiges
Bildchen ist, sondern dem kraftvollen Sänger von
Sudan. Buchser war den vergangenen Winter in
Afrika und hat, wie aus dem hervorgeht, was er dort
gcarbeitet, seine Zeit gut ausgcnutzt. Ein Sock-Bar-
rah, ein maurischer Markt, mit dem er noch nicht vor
die Öffentlichkeit getreten, wird ihn, ich zweifle nicht
daran, mit einem Schlage in die erste Reihe derjenigen
KUnstlcr stellen, welche es sich zur Lebensaufgabe machen,
uns den Orient zu vermitteln. Sein Sänger von
Sudan ist ein arabischer Troubadour. Von vorn
gesehen, eine dreisaitige Guitarre in der Hand, trägt
er in cinem Kaffeehause den dort versammelten Gästen
maurische Lieder vor. Die Zuhörer hat man sich, wie
aus dem Blick des Sängers erhellt, links zu denken,
ihm zunächst lagern drei, was genugsam die drei Paar
Pantoffeln im Vordergrunde andeuten. Der Sänger
tritt mit einer bewunderungswürdigen Sicherhcit auf,
ist virtuos gezeichnet und von packender koloristischer
Wirkung. Eiue wilde Poesie leuchtet aus seinen Augen,
und das hübsche Stillleben zu seinen Füßen spricht für
die Andacht seines Publikums. Buchser hat mit diesem
Bilde von neuem einen Beweis abgelegt für die Schärse
seiner Beobachtungsgabe. Was Charles Clöment über
seine Mary Blaine gesagt hat, die im Pariser Salon
von 1875 figurirte,*) gilt auch von dem Sänger vvn
Sudan. Es ist wahr, Buchser erklärt allem Konven-
tionellen den Krieg, er läßt die Schulerinnerungen bei-
seite und trachtet, nur das darzustellen, was er mit
eigcnen Augen geschaut. Treue Wiedergabe des Ge-
sehenen ist sein ganzes Streben, und diesem Streben
entspringen zwei Haupteigenschaften seiner Bilder, die
unmittelbare Wahrheit und die Lebendigkeit derselben.
Wir wenden uns nnn von Buchser ab zu Tobler und
zu Grob. — Toblcrs Bild, ciu Kaspcrlthcater auf

*) Vergl. das Feuilleton im llouriml üss vübuts v.
1. Juni 1875.

offener Straße, vor dem Jung und Alt versammelt
ist, muß verfehlt genannt werden. Die Kinder be-
trachten, statt den Polichinelle anzusehen, zum großen
Teil die Billetverkäuferin. Die Komposition ist trivial
und Prosaisch; dic saubere Ausführuug des Bildcs, und
einige wcnige Gestalten, die photographisch treu dem
Leben nachgeschrieben sind, Lieten für den fehlenden
Geist keinen Ersatz. Auch Grob steht diesmal nicht
auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit. Seiu Bild
sührt uns ein Hochzeitspaar vor Augen, welches
auf dem Wege aus der Kirche von Kindern aufge-
haltcn wird. Buben und Mädchcn bildcu einen Kreis
um dasselbe und bitten um eine Gabe. Das eine der
Mädchen hält dem Hochzeiter seine Hand hin, der, zur
Rcchten die junge Frau, mit der Linkcn in die Westcn-
tasche greift, um die Kleinc zu befriedigen. Die Kin-
der, sowie das Paar, dem der Hochzeitszug auf dem
Fuße folgt, bcfindcn sich in der Mitte des Bildes;
rechts und links Hvlzhäuser, wie sie im Berner Obcr-
lande vorkommen, und die neugierigen Dorfbewohuer,
alte Leute, Jünglinge und Jungfrauen. Das Bild
hat gewiß manches Gute; so ist die Frische dcs Kolorits
zu lvbeu und die Ursprünglichkcit der Motive; was
wir aber vermissen, ist poetische Stimmung und vor
allem Korrektheit der Zeichnung, die in der That
vicl zu wünschen übrig läßt und stellenwcise geradczu
stumpf ist. — Uugeteiltcs Lob dagegen gebührt Ritz aus
Sitten. Als Vvrwurf hat derselbe das Fest Maria
zum Schnee gcwählt, wie es oberhalb Zermatt im
Wallis gcfeiert wird. Jn der Komposition gehört
dieses Bild entschieden zu dem Besten, was uns die dies-
jährige AuSstellung geboten hat. Vor der festlich be-
kränzten Kapelle steht ein Kapuziner, das Wort Gottes
predigend; er erscheint im Profil. Rings um ihn herum,
im Freien, die Gemeinde, im Angesichte der gewaltigen
Gletschernatur. Die Andacht, welche sich auf den Ge-
sichtern kundthut, ist eine allgemeine und eine wahr-
haft rührende, es spiegelt sich in derselben eine reiche
Skala des Gemütslebens wieder. Keine dissonirende Notc
stört dcn Gcsamteindruck. Die Charaktcristik der Köpfe,
selbst derjenigen im Hintergrunde, ist sehr lebendig und
durchaus deutlich, trotzdem es wie ein Schleier über
der Scene liegt. Verschwommen, wie wohl gesagt
wurde, ist das Bild durchaus nicht, abcr allerdingS
etwas matt in der Farbe. Wcnn ein Tadel ausge-
sprochen werden soll, sv ist es dcr, daß die Ritz'scheu
Bilder alle im ersten Augenblick mehr oder wcniger
an den Öldruck erinnern. — Diethelm Meyer ist
uns schon lange als ernststrebender Künstler bekannt;
seine„Haslebergerin" steht anf der Höhe scincr bisherigeu
Leistungen. Sie geht stolz und selbstbewußt über die
Wiese, auf der Schulter die Sense, mit welcher sie
das üppige Grün schneiden wird. Jhr Gesichtsaus-
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