Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Drs badische Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellmrg in Karlsruhe.

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damit getroffen, wenn man auf die behagliche Prä-
tentionslosigkeit hierzu Lande als die Voraussetzung dieses
Genre hinweist. Man verlangt nicht nach dem Salz
der Karikatur, nach dem gemalten Witz und noch
weniger nach der Travestie. Ebenso wenig wird abcr
auch das Genre von der moralischen Tendenz beherrscht.
Jn Frankreich wäre diese Art Genre kaum lebensfähig,
hier in Eugland läuft sie der historischen Knnst den
Raug ab. Es sind Situationsmalereien, in denen
sich niederländische Traditionen fortznpflauzen scheinen-
Die Erfindungen haben in der That nahe Berllhrungs-
punkte mit den Gesellschaftsbildern eines Metsu, Ter-
borch und Pieter Codde und den Gruppirungen eines
Le Duc, während in den Porträts gern den Arrange-
ments eines Cogues der Vorzug gegeben wird. Jm
Stile Hubert Herkomers und dabei hinter dem Vorbild
— wenigstens wie es in diesem Jahre hier sich repra-
sentirt — keineswegs zurückstehend ist das „Endlich"
vvn A. Stocks: ein heimkehrender Soldat tritt unver-
mutet in das Wohnzimmer seiner Mutter, einer alters-
grauen würdigen Bäuerin. F. Dicksen schildert mit
allegvrischen Beziehungen lustwandelnde Paare, welche
einen Trödler mit Kruzifixen Passiren. G. D. Leslie's
„Henne und Kiichlein" führt uns spielende Mädchen
nicht vhne lebendigen Hnmor und mit viel natürlicher
Grazie vor. Der Besuch eines englischen Bischofs im
zoologischen Garten von Marks hat in der witzigen
Gegenüberstellung desselben mit gravitätischeu Störcheu
nichts Offensives. Es ist unmöglich, aus der Menge
auch nur das Bedeutendste namhast zu machen. Die
Wenigen tendenzivsen Bilder, welche die Absicht zur
Schau tragen, Nervenschwache zu affiziren, übergehen
wir absichtlich. Wenn Künstler, selbst solche, welche
jhren Ruhm bereits festgegründet haben, mit haar-
sträubenden Situationen oder mit furchtbarem Unglück
zn Wasser oder zn Lande uns unterhalten wollen, sv
kehrt man ihnen besser sofort den Rücken. Roman-
und Zeitungsschreiber besorgen das Geschäft besser und
billiger. Die beiden Gemälde von Frith: „Swift nnd
Vanessa" und die moderne figurenreiche Darstellung
einer Abreise von Hochzeitsleuten zeigen die gewohnte
technische Vollendung und dabei mehr Sinn sür Farben-
harmonie als die meisten Werke aus der Glanzzeit des
Künstlers.

Ein gerechtes Urteil über die englische Landschafts-
malerei wird immer gewisse klimatische Eigentümlich-
keiten mit in Ansatz bringen müssen. Das Überwiegen
des Vivlett in den schottischen Wald- und Gebirgs-
landschaften muß niit der Natnr des Landes Unbekannte
befremden, bei den Einheimischen ist es ein wesentlicher
Charakterzug ihres Poetischen Naturgefühls. Die eng-
lische Atmosphäre ist dunstreicher als die des Kvnti-
neuts, die Kvnturen der Laudschast treten nnr matt

hervor, die Luft lagert sich körperhaft zwischen das
Auge und das landschaftliche Objekt schon bei mäßiger
Distanz. Unter den Holländern ist es nur Adriaen van
de Velde, welcher die Natur gleichsam unter dem
Schleier der Atmosphäre sieht und so darstellt. Seit
Jahrzehnten ist das Bestreben der englischen Land-
schaftsmaler darauf gerichtet, das atmvsphärische Leben
zum Ausdruck zu bringen. Jn der gegenwärtigen Aus-
stellung sind die Sumpflandschaft von C. Lawson
und die Februarlandschaft von B. W. Leader wahre
Meisterwerke dieser Richtung. R.

Die badische Aunst- und Aunstgewerbe-Ausstellung
in Aarlsruhe.

Diese am 31. Äuli erösfnete sehenswerte Aus-
stellung zerfällt in drei Abteilungen: I. Moderne Kunst-
Jndustrie; II. Kunstgewerbe der Bergangenheit; III.
Moderne Kunst.

Die moderne Kunstindustrie zeigt einen bedeuten-
den Aufschwung; überall fühlt man den segensreichen
Einfluß heraus, den die Kunstgewerbeschule unter der
Leitnng von Gustav Kachel mit ihrem genialcn Er-
finder C. Hamm er ausübt. Länger bekannt sind die treff-
lichen Entwürfe, die Hermann Götz und andere deni
Kunsthandwerk geliefert haben. — Jn dcr drittcn Ab-
teilung sieht man alle Karlsruher Meister der Malerei
vereinigt, Keller, Kanvldt, Hoff, Tnttine, Volz,
Dittweiler und andere, alle mit guten Arbeiteu
vertreten. Von plastischen Arbeiten sind zwei kolossale
Engelsiguren von Heer und zwei gewaltige Löwen
von Volz vorhanden. — Der Bestand an älteren
Bildern, zwischen den Abteilungen II und III geteilt,
ist nicht groß. Hervorzuheben wären nur einige alt-
deutsche Werke aus Donaueschingen; die Bestände der
Galerien in Karlsruhe und Mannheim durften nicht
angetastet werden.

Das Hauptinteresse konzentrirt sich für uns in der
Abteilung II, in welcher mit Mühe und Aufwand die
hervorragendsten kunstgewerblichen Altertümer aus öffent-
lichem und aus Privatbesitz innerhalb des Großherzog-
tums Baden zusammengetragen worden sind. Die Auf-
stellung, teilweise in Kästen, teilweise aber auch in
vollständig ausgebauten Kapellen und Gemachern, ist
von Professor C. Hammer. Wir wollen flüchtig nnr
einiges besonders wichtige hervorheben, bemerken abcr
ini voraus, daß man Vvn dem Werte des Ganzen, der
sich erst dem Studium erschließt, dadurch keine genügende
Vorstellung gewinnt. Unter den romanischen Arbeiten
steht obenan das Kreuz von St. Trutbert aus der
zweiten Hälfte des 13. Jahrhuuderts. (Beschriebeu
im Freiburger Kirchenblatt.) Ferner ein Aquamanile
aus der Kirche in Achern, Simsvn mit dem Löwen
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