Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus Venedig.

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Aorrespondenz.

Vensdig, Mitte August 1881.

Bekanntlich wurdcn die Nestaurationsarbeiten
an S. Marco wieder aufgenommen, nachdem der die-
selben leitende Architekt einer aus Künstlern und Kunst-
gelehrten gebildeten, ihn nberwachenden Kommission
nntcrstellt worden war. Dem durch frühere Berichte
in diesen Blättern erweckten Jnteresse Rechnung tragend,
kann über den Stand der Arbeit nun Folgendes berichtet
werden. Es hatte die durch ganz Europa gehende
Opposition die günstige Wirkung, zunächst den Plan
einer gänzlichen Abtragung der Markusfassade fallen
zu lassen, und man versucht nun wiederholt, alles durch
Klammern zu sichern, zerbröckelte Marmortafeln aus-
znbessern u. s. w. Man begann damit zur äußersten
Linken. Das älteste Mosaik der Fassade in der Thür-
lünette ward restaurirt, ebenso das der nächst liegen-
den, die Einbringung der Leiche des heil. Markus und
Begrüßung durch den Dogen darstellend, jene wirkungs-
volle farbenreiche Komposition von Sebastian Rizzi
vom Jahre 1728, in welcher der Künstler so glänzen-
des Zeugnis von der unerschvpflichen Triebkraft des
alten Stammes venetianischer Kunst ablegte. Auch
der darunter befindliche, reich mosaicirte Fensterbogen
Ward gründlich restaurirt und funkelt nun wieder in
seiner geheimnisvollen Pracht. Das Gerüst rückte dann
weiter nach den vier Pferden und den eingesetzten
Reliefs hin. Erstere sind gegenwärtig durch Streben
gestützt. Zugleich verschwanden die beiden Portale zur
Rechten unter dem hier üblichen Bretterverschlage.
Auch dort werden die schiefstehenden Sänlen in Ord-
nung gebracht. Es kann mit Genugthuung bezeugt
Werden, daß alles mit viel mehr Sorgfalt und Schonung
vorgenommen wird, als dies früher der Fall war. Der
gotische Aufsatz mit seinen Statuen über dem Rund-
bogen der oberen Reihe zur äußersten Rechten ward
abgetragen, da sein Einsturz drohte. Obgleich nun
sämtliche gotische Aufsätze nach vorn Laldachinartig
überneigen, so wollte doch der Architekt Meduna alles
lotrecht wieder aufrichten und ließ in diesem Sinne
arbeiten. Dem widersetzte sich die Kommission. Es
trat Stillstand in der Arbeit ein. Der Architckt scheint
endlich nachgegeben zu haben, da die Arbeit wieder
aufgenommen und nun nahezu vollendet ist. Schade,
daß es nicht möglich ist, den Spitztürmchen oder
wenigstens den sie umgebenden Zinnenbekrönungen die
alte Vergoldung wiederzugeben, wie dies Gentile
Bellini's große Markusprozession in der Akademie uns
lehrt, w.o die Kirche sich in ihrer ehemaligen Pracht
Zeigt. Jni Jnnern der Kirche ist die Restaurativn der
Taufkapelle weitergeschritteu, ebenso die der Kapelle
Zeno.

Am Dogenpalaste ward dieserTage die nachdem
Molo zu gelegene Seite fast ganz vom Gerüste befreit,
und man sieht nur noch bÄ zum bevorstehenden Feste
das Eckkapitäl unter einem Bretterhäuschen verhüllt, da
dessen Verbessernng, welche seiner Zeit so viel von sich
reden machte, noch immer nicht zum guten Ende ge-
diehen ist.. Außerdem ist die ebenerdige Halle in ihrer
Wölbung noch nicht ganz beendet. Jm Dogenpalastc
selbst werden seit Monaten die im Depot befindlichen
Gemälde, seit 30—40 Jahren gerollt-, auf Keilrahmen
gebracht, um gewisse Säle, welche sonst unzugänglich
sind und für den Geographenkongreß nötig wurden,
zu dekoriren, und diese Bilder dem öffentlichen Ur-
teile zu unterwersen. Desgleichen wird im Akademie-
gebäude eine Ausstellung alles dessen veranstaltet, was
seit Jahrzehnten kein Auge gesehen.

Auf dem Campo S. Stefano gräbt man die
Fundamente für das Monument Tomaseos, wel-
ches Barzaghi in Mailand vollendet hat und welches
ebenfalls bei Gelegenheit des Festes enthüllt werden
wird. Auch spricht man davon, Goldoni's Standbild
von Dal Zotto bei dieser Gelegenheit auf dem Campo
S. Bartolvmeo der Stadt zu übergeben.

Für Errichtung eines Monumentes des Marcv
Polo hat sich einKomitö gebildet, und bei der sehr hier-
für geeigneten Versammlung der Geographen wird dessen
Errichtnng beschlossen werden. Es waren schon der
Stadt vom Kaiser von Österreich 80000 Gulden ge-
schenkt worden, um dem großen Seefahrer ein Denkmal
zu errichten. Man verwendete jedoch diese Summe
beim Wiederausbau des Fondaco dei Turchi. Marco
Polo mußte warten. Man sieht, noch selten herrschte
in Vcnedig solche Rührigkeit, solch guter Wille, den
vielen Fremden, welche, wie man hofft, kommen sollen,
Venedig im besten Lichte zu zeigen, alte Schädcn nus-
zubessern, neues zn unternehmen und zu beschließen.
So ließ auch noch schnell das Municipium seine
beiden Paläste sertig restauriren. Es ivurden zu Aller
Wohlgefallen die beiden abscheulichen, fast ebenerdig
befindlichen Balkons am Palazzo Farsetti entfernt und
die Vorhalle auch an diesem Palaste, wie schon früher
am Palazzo Loredan, in ihrer ursprünglichen Schön-
heit hergestellt. Die Vorhalle des letzteren ward über-
dies von oben bis unten mit Marmvrtafeln belegt,
welche die unzähligen Namen der für Venedigs Be-
freiung im Jahre 1848 Gefallenen tragen.

Die Via Garibaldi bei den Giardini publici
fand man für gut mit Bäumen zu bepflanzen, mit
Asphalt zu belegen und steinerne Ruhebänke anzu-
bringen, wie dies schon vor einiger Zeit mit Rioterra
dei Geonati geschehen, jener freundlichen von der
Akademie zu den Zattere führenden Straße. Wichtiger,
wenn auch nicht zu den künstlerischen Unternehmungen
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