Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Werko des Matthias Grünewald von Aschaffenburg.

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Nahe verwandt mit den Kolmarer Bildern ist
auch eine Verkündigung in der Sakristei der Pfarr-
kirche zu Schwabach. Die Ubereinstimmung läßt
sich sotvohl in der warmen, an Lichteffektcn reichen
Behandlung, als auch in Zeichnung und Komposition
erkennen. Der Kopf der Madonna ist ganz ähnlich dcm
auf der Madonnenglorifikation des Jsenheimer Altars.

Jn der an Kunstschätzen reichen Annenkapelle
derselben Kirche ist ein Altarwerk, das, geschlossen,
auf den beiden vorderen Flügeln die Verkündigung mit
der Jahrzahl 1520, auf dem anstoßenden linken Flügel
den heil. Nikolaus, auf dem rechten den heil. Erasmus
darstellt. Jnnen benierkt man in der Mitte eine Ma-
donnenstatue mit dem Jesuskinde; hinter ihr, aus der
Nückseite dcr Altarslügel, gehen in Relief gearbeitetc
Goldstrahlen anf blauem Grnnde nach allen Richtungen
auseinander. Jn den Ecken der zwei äußeren Flügel
sind vier musizirende Engel.

Entschieden gehvrt zu diesem Altar auch der
Sockel mit dem Veronikaschweißtuche, der zwar jetzt
davon getrennt ist und als Dürersche Arbeit gilt, in
der Chronik Schwabachs vvn Petzold 1856 aber nvch
als mit dem Altar verbunden gcschildert wird. Unter
dem heil. Erasmus steht geschrieben:

„Dicsen Altar Hatt der Erber Hanns Odden des
Eldern Rats wider verneuern und Renovireu lassen
un. 1602."

Die älteste Chronik Schwabachs „Oiironiiron
Kvubuosnso" von Freiherrn von Falkenstein (1740)
berichtet über den Altar, wie folgt: „Der Altar nächst
der Schülers Thür, mit der schönen Maria, wie ein
N 8t redet, ist an. 1520 ani Sonntag nach Jakobi
eingeweyhet, un. 1602 von Hannß Otten des älteren
Raths renovirt, un. 1715 aber bey vorgenommener
Kirchenrenovirung abgebrochen, und in die Rosen-
bergerkapelle gebracht worden. Dieses ist vermutlich
derjenige Altar, welcher in dem RsAistro Oollutionuin
Hturs L. N. V. ^nnnnoiutas genannt wird."

Jm 2. Teile der „^.ntignitatss UoräAuvius"
des Bistums Eichstädt von Freiherrn von Falkenstein
sindet sich im „NsAistruin Oollationnin st xrusssn-
tationnin" die Stelle:

,,Ds xrusssntations Lsnioris sx OisnsuloZ'ia,
liinolc

Lolirvabaoll, Onpsllania L. U. V. L.nnnnoiatas."

Am Fuße der Berkündigung sieht man zwei
Wappen, wovon das eine der Familie Waldstromer
von Reichelsdorf, das andere der Familie Gartner von
Regensburg eigen war. Die auf Grundlage der ge-
botenen Anhaltspunkte angestellten archivalischen For-
schungcn blieben bis jetzt ohne Erfolg. Leider ist die
mehrfach gemeldete Übermalung eine sehr wcitgehende;

was unversehrt geblieben ist, genügt jedoch, um den
großen Meister zu erkennen. Die Köpfe dcr Engel und
der Madonna sind von bewunderungswürdiger Anmut;
der Faltenwurf ist breit und ungezwungen, die Farbe
frisch, harmonisch und mit flottem Pinsel hingesetzt.
Jn dem äußerst edeln, schmerzerfüllten Christuskopf
brach sich der Hang des Meisters zum Realismus
Bahn; deutlich sind die blutigen Spuren der Dornen-
krvnung hinter der frei verschlungenen Dornenkrone
sichtbar. Außer diesem Kennzeichen ist der Anklang
an Werke Grünewalds bemerkbar in der frappanten
Ahnlichkeit der Engelsköpfchen mit den Köpfen auf
den Flügelbildern in Frankfurt, der Wiederkehr der
Faltenmotive und den realistischen Ornamenten am
Sockel. Hierdurch ist auch wieder die Beziehung zu
den Kolmarer Bildern hergestellt.

Übereinstimmend mit dem eben besprochenen Altar
in technischer Behandlnng, im Kolorit und in edler
Anmut des Gesichtsausdrucktzs ist eine heil. Ursula in
derselben Kapelle. Wichtig und auffallend ist ins-
besondere die Helldunkelbehandlung, die das Bild mit
den Frankfurter und Jsenheimer Gemälden gemein hat.
Auf diesem Meisterwerke nun fand ich als Monogramm
ein verschlungenes U und (4 in lateinischer Kurrent-
schrift mit der Jahrzahl 1523. Es ist mit schwarzer
Farbe auf den dunkelgrauen Hintergrund gemalt und
nur bei Befeuchtung sichtbar. Daraus geht hervor,
daß derselbe Meister, der dem Monogramm U(4 in
Frankfurt noch ein F beisetzte, auch ohne dasselbe
monogrammirte, und dieser Meister ist Mathias Griine-
wald von Aschaffenburg. Für die Erklärung des N
habe ich vorläufig noch zu wenig Anhaltepunkte, um
sie zu veröffentlichen.

Die Seitenflügel des Altars der heil. Ursula und
der 11 000 Jungfrauen im Kloster Heilsbronn,
die schon Waagen Grünewald zuschrieb (Kunst und
Künstler in Deutschland, Band I, Seite 307), gehören
ihm sicher an. Archivalisch steht nur fest, daß Abt
Sebaldus im Jahre 1513 für die vier Bilder, die
H. Margaretha, Luci§, Katharina und Barbara,
45 Fl. bezahlt hat.

Desgleichen halte ich ein von Schuchardt in seinem
„Lukas Kranach", Band II, Seite 134 erwähntes
Madonnenbild, jetzt im Museum zu Weimar, für
ein Werk Grünewalds, wenngleich schlechte Aufstellung
und Beleuchtung mich an genauerer Einsichtnahme
hinderten. Das Bild trägt die Jahreszahl 1520, und
alle Merkmale sprechen für obigen Meister.

Schließlich sei noch die Echtheit der Kreidezeich-
nung in der Albertina zu Wien konstatirt, welche
Woltmann nicht erwähnt. Sie ist mit schwarzer und
weißer Kreide auf gelbbraunem Papier ausgeführt und
stinimt in eklatanter Weise mit den schmalen Flügeln
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