Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Korrespondenz aus Berlin.

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Fabel von einer abstrakten Schönheit zu glauben ver-
möchte. Wir wissen, daß Geschmach Schönheitsgefühl rc.
subjektive Maßstäbe sind, welche von Generation zu
Generation wechseln. Alle Kunst ist ein lebendig sich
Entwickelndes, und alles Kunstverständnis ist nichts als
die Einsicht in diesen Zusammenhang. Die Kunst ist
eine Osfenbarung des menschlichen Geistes so gut wie
Wissenschaft und Litteratur und mnß wie diese als ein
Ganzes begriffen werden. Nur dieser Gesichtspunkt
kann bei der Anlage und Ordnung öffentlicher Samm-
lungen maßgebend sein, so gut wie er es bei der An-
lage von Archiven nnd Lffentlichcn Bibliotheken ist.
Alle persönlichen Verhältnisse Einzelner zu einzelnen
Kunstwerken, alles, was Sache rein individuellen Ge-
nießens nnd Empfindens ist, kann dieser Hauptforde-
rung gegenüber nicht ins Gewicht fallen. Einfach des-
Wegen nicht, Weil diese Eindrücke ewig schwankend bleiben,
keine andere als subjektive Entscheidung zulassen und folg-
lich wohl für den kunstliebenden Privatmann, der sich
cin stilles Heiligtum zum Gcnuß zurichtct, den Aus-
schlag geben können, aber nicht für die öffentliche
Sammlnug, welche feste objektive AnhaltSpunkte braucht,
wenn sie sich nicht einem beständigen Schwanken aus-
gesetzt sehen will. Sie wird es dem Einzelncn über-
lassen werden müssen, wie er sich genießend in ihr zu-
recht sinde; was sie aber, wenn sie ihrer Aufgabe gerecht
wcrdcn will, anstreben niuß, ist dies: dem Einzelnen
die Belehrung zu verschaffen, welche ihn, abgesehen
von allen Geschmacksurteilen, allein zu wirklicheni Ver-
ständnis der Kunst führen kann. Das ist sicherlich nicht
ein schwelgendes Genicßen vor einigen Meisterwerken,
die offiziell als solche bezcichnet und in den Reisehand-
büchern mit zwei Sternen belohnt sind, oder das
Messen des innerlich Ungleichartigsten an einem abstrak-
tcn Schönheitsideal.

Jedes Kunstwerk, anch das höchste und voll-
endetste, trägt die Spuren seiner Zeit und seines Volkes;
der Künstler und sein Werk sind nnr richtig zu ver-
stehen, wenn man ihn sozusagen in der Umgebung
seiner Zeitgenossen erblickt, wenn man erkennt, wie
seine Anschauung vom Leben und seine Jdeale sich ge-
bildet haben, was er seinen Vorgängern verdankt, worin
cr sie übertroffen nnd weitergebildct hat nnd in
welche Richtung sein eigenes Schaffen die Kunst ge-
wiesen. Und so enthüllt sich nach und nach dem suchen-
den Auge cin Doppeltes: die charakteristische Eigen-
art des cinzelnen KUnstlers und die Gemeinsanikeit
der Anschauung und Formgebung, die ihn mit den
Genossen seiner Zeit uud scines Landes verbindet;
so schärft sich der Blick für die individuellen und
nationalen Unterschiede, nnd so erweitert sich zugleich
das Berständnis für das Gemeinsame einer ganzen
Epoche und das über aller Freiheit der Einzelnen

waltende Gesetz. Dies und nur dies ist's, was eine
öffentliche Sammlung bezwecken soll. Wenigen ist cs
natürlich nur vergönnt, jenen vollen Umblick zu ge-
winnen, der die ganze Kette der Entwickelung dem
Auge sichtbar macht; aber auf diese Betrachtungsweise
hinzuführen und zu ihr Anleitung zu geben, muß
jede öffentliche Sammlung anstreben, soweit nur ihre
Kräfte es gestatten. Dieser historische Gesichtspunkt
gewährt nicht nur ein festes Prinzip für die An-
ordnung, sondern auch jedem Beschauer den nötigen
Anhalt für Betrachtung und Studium. Er schließt
den rein ästhetischen Genuß nicht aus, sondern macht
ihn im höheren Sinn erst möglich. Denn ohne das
feste Gerüste historischer Kenntnis und geschulter An-
schauung wird sich auch ein feines Gefühl nicht leicht
über die subjektive Willkür erheben und in der ver-
wirrenden Menge von Kunstwerken einer großen Samm-
lung den leitenden Ariadnefaden zu finden vermögen.

Sind nun diese Hauptzwecke festgehalten, so mag
dann innerhalb der hiermit gezogenen Grenzen auch
noch dem rein ästhetischen Gesichtspunkte des Genießens
Rechnung getragen werden. Es ist schwer, wo nicht
unmöglich, in dieser Beziehung allgemeine Regeln aufzu-
stellen, da Material und Raum in jedem einzelnen
Falle stets kategorisch sich geltend machen werden. Es
versteht sich wohl von selbst, daß das Beste, die ersten
und vornehmsten Kunstwerke jeder einzelnen Gruppe
möglichst ausgezeichnet werden durch Anbringung im
besten Licht, im Mittelpunkt zusammengehöriger Kunst-
schöpfungen durch thunlichste Nahestellung, Zugänglich-
machung rc., ja selbst durch Raumdekoration, wo die
Mittel dazu geboten sind.

Dies in Kürze die Aussührungen Försters, denen
gemäß auch im wesentlichen die neue Anordnung der
Gemälde in der Münchener Pinakothek stattgefunden hat.

4V.

Aorrespondenz.

Berlin, Anfang März 1882.

Die Stadtbahn bildet seit demTage ihrer Er-
öffnung vor etwa drei Wochen bis jetzt noch ininier
das Tagesgespräch; zahlreiche Fahrten werden aus
purer Neugierde unternommen, und es ist in der That
ganz spaßig, über Straßen und Gewässer etwa in der
Höhe des zweiten Stockwerkes der Wohnhäuser bequem
und schnell fortzueilen. Wir haben uns den Einsluß,
den dieses mächtige Unternehmen voraussichtlich anf
die Kunstverhältnisse Berlins ausüben wird, klar
zu machen. Es sind zwei Stellen, an denen der
Stadtbahnbau Fühlung mit der Kunst hat, die Kon-

*) Unter Umständen auch Jsolirung. , Anm. d. Red.
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