Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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17. Iahrgang.

Beiträge

die Oerlagshandlung in
Leipzig, Gnrtenstr. 6,
zu richten.

6. April

Nr. 25.
Jnserate

ü 25 j)f. für die drei

1882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunft.


Inhalt: Ein vermächtnis von Anselm Feuerbach. — wilhelm Heinrich Ludwig Gruner -f-,- Lugen Napoleon v. Neureuther -f-; L)einr. Lehmann -j-.

— Neuer Aatalog^ der Belvederegalerie.^ —^ Anton Springer. — Oie erste internationale Aunstausstellung in lvien; Öie gräfl. Naczynski-

Lin Dermächtnis von Anselm Feuerbach.

(Wien, C. Gerolds Sohn. 1882. 8.)

I.

Daß Künstler sich litterarisch beschäftigen und
außer Skizzen, Studien und unvollendeten oder unver-
kausten Bildern auch Memoiren und Aphorismen hinter-
lassen, ist in unseren Tagen eine Seltenheit. Hängt
die Thatsache mit der zunehmenden Abwendung vom
Geistigen, mit der herrschenden Richtung auf das Tech-
nische und Praktische zusammen? Jch will es nicht ent-
scheiden. Jedenfalls macht das Buch, welches den obigen
Titel sührt, den Eindruck des Ungewöhnlichen, in mancher
Hinsicht Bedeutenden. Es ist wert, Von vielen gelesen
zu werden, seines Jnhalts wie seiner Form wegen.
Daß uns in Anselm Feuerbach eine Künstlernatur von
hoher Begabung entrissen worden ist, wußten wir alle.
Aber daß in ihm auch ein Schriftsteller von edeln Eigen-
schasten steckte, das ist neu, das lernen wir erst aus
den uns hier gebotenen Aufzeichnungen.

Die Auszeichnungen scheinen den im Vorworte
gegebenen Aufschlüssen zufolge im Jahre 1876 be-
gonnen worden zu sein, kurz nach dem Scheiden des
Künstlcrs von Wien. Die mit der Überschrift: „Aus
meinem Leben" versehene Mappe, welche sich im Nach-
lasse vorfand, enthielt Erinnerungen aus Feuerbachs
Jugend und aus den verschiedenen Perioden seiner
künstlerischen Entwickelung, Berichte über seine Thätig-
keit als Künstler und als Lehrer, endlich kleine Auf-
sätze über künstlerische Fragen und Einrichtungen, nebst
einem „Anhang" mit Aphorismen vermischten Jnhaltes.

Das in diesen Blüttern Begonnene, unvollendet

Gebliebene liegt uns nun in Buchform, von berufener
Hand abgerundet, vor. Die Auszeichnungen wurden,
wie es der Künstler angefangen hatte, durch Auszüge
aus seinen Briefen an die Familie ergänzt, und auf diese
Weise innerlich wie äußerlich Zusammenhang in das
Ganze gebracht. Abgesehen von den nötigen Redak-
tionsänderungen findet sich in dem Buche kein Wort,
welches nicht von dem Künstler herrührt. Das Werk
trägt durchaus den Stempel seines Denkens und
Empfindens.

Von fesselndem Reiz sind gleich die „Erinnerungen
aus der Kindheit". Schon der erste Satz hat den
eigentümlich herben Beigeschmack, welche das Wesen
und die Werke dieser sonst so weich angelegten Natur
kennzeichnet: „Meine Geburt" — so schreibt Feuerbach
—, welche den so und so vielsten in Speyer erfolgte,
ist, wie mir scheinen will, für mich als ein vierfaches
Unglück zu betrachten. Einmal, daß ich überhaupt
geboren wurde und als wahrhaftige Künstlerseele das
Licht der Welt erblickte; dann aber, weil mein Bater
ein deutschcr Professor war, dessen Sinn und Geist
damals ein klassisches Kunstwerk erfüllte. über welches
er seinerseits ein klassisches Buch schrieb; ich meine den
„Vatikanischen Apollo". So wurde mir recht eigent-
lich die Klassizität mit der Muttermilch eingetränkt;
eine Ktassizität, aus menschlich Wahres und Großcs
gerichtet, die denn auch nicht versehlte, mein Leben zu
einem hoffnungslosen Kampse gegen meine Zeit zn
gestalten". Die Mutter, „eine schöne stille Frau",
verlor der Knabe früh; eine „neue Mutter" — die
Herausgeberin des Nachlasses — trat später an ihre
Stelle. „Grenzenloßes Mitleid" sagt der Verfasscr,
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