Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Nekrologe.

dem Fuggerwappen aus dem Besitze des Fürsten von
Oettingen-Wallenstein repräsentiren auch die Technik
des Ledermosaiks, welche seit kurzer Zeit wieder in
Aufnahme gekommen ist.

Besonders stark hat sich an der Ausstellung das
Dresdener Knnstgewerbemuseum beteiligt. Jhm gehört
der cilteste der vorhandenen Stoffe, ein roter Seiden-
stoff byzantinischen Ursprnngs mit grünen und blauen
Greifen in Kreisen aus deni 12. Äahrhundert an,
serner ein violetter Seidenstoff niit grünem und gelbem
Laubwerk und Greifen und Drachen in Goldbrochirung,
eine sarazenische Arbeit des 14. Äahrhunderts. Die
Sammlung ist zu bekannt, als daß wir auf die einzelnen
Stücke noch näher einzugehen hätten. Nur ein Sessel
mit Lehne und Sitz aus geschnittenem Leder, der wohl
noch dem 16. Äahrhundert angehört, und eine Casula
vvn rotem Sammet anf Goldgrund mit einem Kar-
dinalswappen in Goldstickerei aus der Kirche in
Schwarzenberg seien aus der Fülle der Gegenstände,
welche so ziemlich alle Zweige des Kunsthandwerks
repräsentiren, hervorgehoben.

Unter den Glasmalereicn ist die älteste eine
Schcibe mit der Kreuzigung Christi nach eincm Kupser-
stiche Schongauers und dem Wappen der Pfintzing,
welche noch in der zweiten Hälste dcs 15. Äahr-
hunderts (der Katalog sagt um 1460) angefertigt
worden ist. Sie gehört dem Rechnungsrat Warnecke
in Berlin, welcher sich um die Ausstellung hervor-
ragende Verdienste erworben hat, und ist bis auf einige
Defekte am Rande wohl crhalten. Namentlich ist das
schmerzerfüllte Gesicht der Madonna mit großer Fein-
heit ausgeführt und von hoher Schvnheit. Bei den
übrigen Glasmalereien überwiegt das heraldische Jnter-
esse, ebenso wie bei den zahlreichen Glasgefäßen, unter
denen ein großer Willkommbecher von 1588 mit dem
thronenden Kaiser in vollem Ornat und den sieben
Kursürsten in Emailmalerei am interessantesten ist.
Die Abteilung Ler Majolikcn ist klein, cnthält aber
einige Stücke von auserlesener Schönheit aus dem j
Bcsitze dcs Königs von Württemberg: zwvlf italienische
Teller mit Groteskornamenten aus der guten Zeit des ^
16. Äahrhnnderts, und eine mit Wappen und figürlicher
Darstellung versehene Schale, welche die Änschrift trägt: I
llollann ^snäörllsr roolloninsistsr. 8ps.rts.rn gns.rn
ns.6t.n8 68 lls.no orns. Ob der Nürnberger Schreib-
und Rechenmeister der Besitzer dieses Tellcrs gewesen
ist, oder ob derselbe sich auch mit Majolikamalerei
befaßt hat, mögen Kundigere entscheiden.

An Wappen- und Stammbüchern und sonstigen !
heraldischen Manuscripten vercinigt die Ausstellung ein
ganz enormes Material, welches zum größeren Teil
aus dem Befitze des Rechnungsrates Warnecke her-
rührt. Einige dieser Wappenbücher reichen bis zum >

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Anfang des 15. Äahrhunderts hinauf. Zwei von ihnen,
das Wappenbuch der Sluesselfelder von 1551 und ein
zweites von 1578, tragen den Namen des fruchtbaren
Birgilius Solis als Berfertiger. Sie zeichnen sich
durch eine überaus sorgsame und minutiöse Ausführung
der Malercien aus.

Damit haben wir einen flüchtigen Überblick über
die wertvollsten Stücke der heraldischen Ausstellung ge-
gebcn, soweit sie cin allgemcincrcs Kunstinteresse nud
nicht blos ein spezifisch heraldisches.besitzen. Eine um-
fangreiche Lichtdruckpublikation ist in Vorbereitung,
welche auch die für das Kunstgewerbe interessanten
Objekte enthalten wird. Adolf Rosenberg.

Nekrologe.

Hciirli Lelimaiiu ch. Mit Henry Lehmann, der am
30- März. l. I. zu Paris starb, ist einer der letzten
und einflußreichsten Repräsentanten jener Richtung der
modernen sranzösischen Malerei geschieden, die zu Be-
ginn unseres Äahrhunderts von Ängres begründet, das
Heil der Kunst i n der einseitigen Betonung der Formen-
schönheit suchte und je mehr sie darüber die geistige
uud seelische Belebung der Fvrm vernachlässigte, um
so gewisser in kalte, gehaltlose Manier versank.

Geboren zu Kiel (nach andern zu Ottensen bei
Altona) am 14. April 1814, kam Lehmann, nachdem
er den Unterricht seines Vaters, der selbst Maler war,
genossen hatte, schon mit 17 Äahren nach Paris, trat
iu das Atclier von Ängres ein, und ward bald ciner
seiner bestcn Schüler. Er debütirte im Salon des
Äahres 1835 mit einem „Tobias und der Engel" und
im folgenden Änhre mit der „Tochter Äephta's", dem
„Fischer" (nach Goethe, Mnsenm vvn Carcassonne)
und dem „Cid" uud zeigte schon in diesen Werken
neben Tüchtigkeit der Technik und Reinheit der Zeich-
nung jene gesuchte Naivetät der Komposition, jene leere
Eleganz der Formen, jenes Schwanken zwischen moder-
ner Süßigkeit uuv gemachter Krast der Erscheiuung,
das sich als roter Faden durch sein ganzes Schaffen
zieht. Die Aufmerksamkeit der Kunstkreise jedoch zog
Lehmann, nachdem er inzwischen ein Äahr in Münchcn
und Ätalien zugebracht hatte, erst mit sciner „Heil.
Katharina, von Engeln durch die Lüste getragen"
(1840), einer „Geißelung Christi" (1842, St. Nikolas
zu Boulogne), „Hamlet und Ophelia" (1846), „Die
Sirenen" (1848), einer „Himmelfahrt Mariä" (1850,
St. Louis en l'Äle), und insbesondere durch seine „Okea-
niden, die den Prometheus beklagen" (1851, Luxem-
bourg), in erhöhtem Grade auf sich, denen sodann in
den Salons der Äahre 1852—1866 eine bunte Reihe
anderer Arbeiten folgte, unter denen wir blos die „An-
betung der heil. Könige", eine „Heil. Agnes", die
„Erziehung des Tobias", „Sarahs Besuch bei deu
Eltern des Tobias" (1866), eine „Venus Anadyomene"
und eine „Undine" anführen wollen. Än seinen reli-
giösen Darstellungen suchte Lehmann bald durch äußer-
liche Feierlichkeit der Anordnung, bald durch Herein-
ziehen ethnologischer Kuriositäten, einmal durch gefällige
Jdealität der Formen, dann wieder durch gewaltsame
Bewegungsmotive die mangelnde Beseelung des Stoffes
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