Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstlitteratur, — Preisverteiluugen, — Personalnachrichten. — Kunstvereine.

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zu verdecken, währeud ihm seinc mythologischeu Seeucn
vorzugsweise Gelegenheit gaben, dem herrschenden Ge-
schmacke in der Darstellung elcganter Nuditäten von
elfenbeinerner Glätte des Kolorits und moderner Süß-
lichkeit des Ausdruckes entgegenzukommen. Seiner
in der That immer wachsenden Beliebtheit hatte er
den Auftrag zur Ausschmückung der heil, Geist-Kapelle
der Kirche St. Merry mit Fresken (Verknndigung,
Taufe Christi, Ausgießung des heiligen Geistes und
B.eichte) sowie des großen Festsaales im Hotel de Ville
mit Wandgemälden zu verdanken, wo er in 56 Ge-
wölblunetten, die er in der beispiellos kurzen Zeit von
zehn Monaten vollendete, eine nicht blos in der Aus-
führnng, sondern auch im Jdeengange und in der Aus-
wahl der Motive etwas flüchtige und oberflächliche,
aber nicht geistlos behandelte Geschichte der Kultur-
entwickelung der Menschheit gab. Die leichte, andeutend
improvisirende Art der Ausführung mußte hier umso-
mehr überraschen, als er in seinen bisherigen Werken
den Nachdrnck stets auf eine in ihrer Wirkung pein-
liche Glätte und Vollendung der Mache gelegt und aus
seinen Kompositionen jedes Moment des Ursprüng-
lichen, momentan Eingegebenen sorgsam verbannt hatte.
— Jn seinen späteren Wandgemälden, die er an der
Decke eines Saales des Palais de Justice und als
Lunetten im Senatssaale im Luxembourg ausführte,
hat er Len bei mancher Flüchtigkeit doch ansprechenden
Charakter dieser Fresken nicht wieder erreicht; umso-
mehr ist es zu bedauern, daß sie, wie auch jenes-Decken-
gemälde des Justizpalastes, in den Stürmen der Kommune
untergingen.

Eine reiche knnstlerische Thätigkeit entfaltete Leh-
mann als Porträtmaler. Wenn wir uns auch heute
den Enthusiasmus, womit seine Bildnisse bei ihrem
Erscheinen von der Kritik und dem Publikum aufge-
nommen wurden, nicht ganz erklären können, so ge-
stehen wir den besten seiner Leistungen in diesem Zweige,
wie den Porträts der Gräfin d'Ägoult, seiner eigenen
Gemahlin, Fr. Liszts, des Erzbischofs Darboy, des
Abbö Deguerry, des Ministers Baroche u. a. m., gerne
gewählte Anordnung, den Stempel künstlerischer Vor-
nehmheit, die aber oft auch in Kälte umschlägt, und
treffende Charakleristik zu, während wir uns freilich
weniger mit ihrer mitunter allzu glatten Technik be-
freunden können.

Seit dem Jahre 1847 naturalisirt, hatte Lehmann
sich auch geistig völlig in seiner neuen Heimat akkli-
matisirt und etwa nur in der bei seinen Kunstgenossen
seltenen Ausdehnung seiner Bildung und Kenntnisse,
die sich bei ihm auch in der Vielseitigkeit der Kunst-
übung bethätigte, ein Charakteristikon behalten, das
auf sein ursprüngliches Vaterland hinwies. Auch dieser
Vorzug seines Wesens fand in seiner Adoptivheimat
volle Anerkenuung. Seit 1864 Mitglied der ^.ssäö-
rnis äss bsaux-arts, hatte er hier bedeutenden Anteil
an der Redaktion des von ihr herausgegebenen Oio-
tionimirs äos bss.ux-s.rt8 und führte auch sonst bei
feierlichen Anlässen in ihrem Namen das Wort, das
er in nicht gewöhnlichem Grade zu beherrschen wußte.
Seit 1875 hatte er auch eines der offiziellen Ateliers
als Profesior der Malerei an der liools äss bssux-srls
inne, war aber Ende des vorigen Äahres gezwungen,
dieser Thätigkeit wegen der andauernden Kränklichkeit zu
entsagen, welche die letzten Jahre seines Lcbens verdüsterte

und ihn die Wandlung in der französischen Malerei,
die seinen Prinzipien schnurstracks entgegenlief, doppelt
schwcr empfinden ließ. C. v. F.

Aunstiitteratur.

» „Bulletin Rubens" nennt sich sin soeben in Brüssel
ins Leben tretendes Fachorgan, welches ausschließlich der
Rubensforschung dienen soll. Dasselbe erscheint im Ver-
lage von C. Muquardt (Merzbach und Falk) in vierteljähr-
lichen Heften und wird redigirt von der Kommission, welche
bei Gelegenheit der Säkularfeier des Meisters vom Ant-
werpener Stadtrat zum Behufe der Sammlung und Ver-
öffentlichung aller auf Rubens und seine Werke bezüglichen
Dokumente u. s. w. eingesetzt wurde.

j)reisverteilungen.

« Das Professorenkollegium der Wiener Akademie hat
den Reichelschen Preis im Betrage von 1500 Fl. ö. W.
für dieses Jahr einstimmig dem Bildhauer Joseph P e chan
zuerkannt.

j)ersonalnachrichten.

« Prosessor Wilhelm Lübke in Stuttgart beging am
2. Mai sein 25jährigeZ Jubiläum als akadsmischer Lehrer.
Am Abend brachte der Stuttgarter Akademische Liederkranz
dem Jubilar sin Ständchen, bei welchem der Geseierte von
einsm der Studenten in warmen Worten begrüßt wurde.
Lübke dankte in längerer Rede, deren Schluß dem Gedeihen
der Hochschule galt, deren Jünger stets dem Schönen und
Jdealen zugethan bleiben möchten, das er sie gelehrt.

L. Der Maler Karl Wünnenberg aus Düsseldorf, ein
früherer Schüler Les Professors Wilhelm Sohn, hat einen
Rus als Lehrer an die königl. Kunstakademie in Kassel
erhalten und angenommen, wo er der Nachfolger des
Professors Josef Scheurenberg wird. Er lebte seit dem
Jahre >876 in Jtalien, teils in Rom, teils in Castellamare
und hat sich durch seine dort geschaffenen Genrebilder aus
dem aNtiken und dem modernen Leben einen geachteten
Namen erworben. Das neueste derselben, eine Jdylle aus
der altitalienischen Zeit, erregte kürzlich in Ler permanenten
Kunstausstellung von Ed. Schulte in Düsseldorf allgemeines
Jnteresse.

G Der Landschafts- und Tiermalcr Profegor Albert
Brendel ist zum Direktor der großherzoglichen Kunstschule
in Weimar ernannt worden.

Tiunstvereine.

L. Dec Berein für Förderung der Kunst in Stuttgart,
über dessen Entstehen wir in Nr. 7. d. Bl. berichtet haben,
hielt am 2. Mai unter dem Vorsitze des Direktors der
königl. Kunstschule, v. Liezen-Mayer, seine erste ordentliche
Generalversammlung ab, in welcher der Rechenschaftsbericht
über das erste Jahr seines Wirkens zur Vorlage kam. Der-
selbe zeigt in der erfreulichsten Weise, daß die Bestrebungen
des Vereins vom besten Erfolge gekrönt waren und eine ge-
deihliche Fortentwickelung erwarten lassen. Der König von
Württemberg, dsr das Protektoratübernommen, hat mit seiner
Gemahlin dem Verein 10 000 Mk geschenkt, außerdem wurden
ihm von 36 Stiftern 42 000 Mk. und von 28 Darleihern
31 000 Mk. überwiesen, so daß sein Vsrmögen nunmehr aus
83000 Mk. besteht. Von dieser Summe hatte der Ver-
waltungsrat 42 000 Mk. verwendet, um ein Haus mit sechs
Ateliers erbauen zu lassen; dasselbe entsprach so sehr dem
vorhandenen Bedürfnis, daß es sofort vermietet war und dem
Vsrein den vollenZins trägt. Auch konnte bereits einsm sehrbe-
gabten Schüler der königl. Kunstschule, Fugel, ein Stipen-
dium von 600Mk. bewilligt werden. Derdringendwünschens-
werte Bau eines günstigen Ausstellungsgebäudes hat
dagegen leider noch nicht zur Ausführung gelangen können,
da der für dasselbe in Aussicht genommens Platz nicht ge-
nehmigt worden ist. Der Verein macht sich Hofsnung darauf,
daß ihm im Laufe der Zeit weitere Schenkungen, Legate
und andere Zuwendungen zu teil werden, um seine Thätig-
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