Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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s8. Iahrgang.
Beiträge

sind an j?rof. Dr. L. von
kützow (Wien, There-
sianumgaffc 25) oder an

October

Nr. 1.
Inserate

ü 25 j)f. für die drei
Mal gespaltene j)etit-
zeile werden von jeder

s882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


schweiger Museums. — A^ v. werner. — Münchener Aunstverein; Vie amerikanische Ausstellung in Madrid; Makarts „Vphelia"; Aus
Düffeldorf. — Aus Aachen; Die Rekonstruktion des Hermes von praxiteles; L. L)erter. — Zeitschriften. — ^nserate.

Dic Milberg-Ausstelluiig in der Berliner
Nationalgalerie.

Mit Christian Wilberg, welcher am 3. Juni d. I.
w Paris von einem plötzliche Tode ereilt wurde, ist
^we der glänzendsten Erscheinungen aus dem Kreise
^er Berliner Maler geschieden, ein Kllnstler, dessen
bielseitige Begabung, dessen grllndliches Wissen, dessen
^estechendes, immer siegreiches Können erst jetzt in ein
dolles Licht tritt, da uns die Direktion der königlichen
Nationalgalerie die Gelegenheit geboten hat, fast sein
gesamtes Werk gleichsam mit einem Blick zu umfassen.
Bei tzen meisten der Künstler, dcren Gedächtnis die
Direktion der Nationalgalerie durch Sonderausstellun-
gen geehrt hat, konnten wir das Werden und Ver-
gehen, das allmähliche Wachstum, die Blüte und den
^ngsamen Niedergang, das gemeinsame Menschenlos
^erfolgen. Jn der Wilbergausstellung sind diese Ent-
^ickelungsstadien nicht so schars ausgeprägt oder sie
^hlen ganz. Auf den ersten, aus dem Jahre 1872
staminenden Gemälden, welche das bunte Leben auf
Hambnrger Fleet und seine architektonische Um-
gkbung schildern, tritt uns der fertige, seines Zieles
^Wußte Kllnstler mit vollendeter Technik, mit scharfem
für das Charakteristische der Architekturformen
^ud unt feinem Sinn für die Reize der Beleuchtung
entgegen, und er bleibt es, stetig an seinen Aufgaben
llwchsend, seine Technik immer glänzender, immer be-
stechender entwickelnd, eine lange Reihe von Gemälden,
^lstudien, Skizzen und Zeichnungen hindurch — der
Katalog führt beinahe 700 Nummern auf —, bis der

Faden plötzlich abreißt, ohne daß ein Erlahmen der
künstlerischen Kraft, eine Erschöpfung der Phantasie zu
Lemerken wäre. Die heroischen Hellenen haben einen
solchen Tod aus dem Höhepunkte Ler Kraft als ein
Bencidenswertes, als ein von den Göttern zu erbit-
tendes Geschenk hingestellt. Jm Gedächtnis der Men-
schen bliebe dann eine vollkommene Gestalt zurück,
welche Alter und erlöschende Geisteskraft uicht entstellt
hätten. Wir modernen Menschen vermögen uns aber
nicht zu einer solchen Höhe der Lebensanschauung em-
porzuschwingen. Auf unserem Geiste lastet die Trauer
um den jähen Verlust, welche durch den Anblick so
vieler Meisterwerke nicht gemildert wird, weil der Ge-
danke an unserem Bewußtsein nagt, daß der Genius
eine Himmelsgabe ist, die heutzutage seltener und
seltener verschenkt wird. Voll Wehmut stehen wir vor
den letzten Entwürfen des Künstlers, den erst flüchtig
angelegten Skizzen für die Wandmalereien im neuen
Polytechnikum zu Charlottenburg, in welchen er die
Hauptbaustile durch die hervorragendsten Baulverke
der verschiedenen Kunstepochen charakterisiren wollte.
Wenn wir uns das durch den Brand der Hygieine-
ausstellung zerstörte Panorama, den Blick auf das
kaiserliche Rom und die Campagna, ins Gedächtnis
zurückrufen — zu welch hohen Erwartungen waren
wir berechtigt! Jetzt sind diese Hoffnungen vernichtet,
und, wohin wir auch blicken, nirgends winkt uns ein
Ersatz, erwächst eine ebenbürtige Kraft, welche geeignet
wäre, die schmerzlich empfundene LUcke auszufüllen.

Jene Entwürfe, 20 an der Zahl, in Tusche
Wasserfarben und Bleistist ausgeführt, sind ungemein
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