Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Aus dem Verein Berliner Künstler.

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Unsicherheiten der letzten Jahre zeigt sich der hochbe-
gabte Maler in diesem anspruchslosen Werkchen wieder
völlig auf seiner Höhe. Wir verzichten auf den doch
nicht durchführbaren Versuch, den Reiz des Kinder-
gesichtes mit Worten zu schildern, — das Werk allein
verdient den Gang nach der Kommandantenstraße!

Daß die Landfchast guantitativ am reichlichsten
aus unseren Ausstellungen vertreten ist, sind wir seit
langer Zeit gewöhnt: auch hier ist mindestens die Hälfte
alles Vorhandenen Landschaft, meist ohne bemerkens-
werte Staffage — „reine" Landschaft, wie Gervinus
mit Schrecken bemerken würde. Hier haben wir
mancherlei Ersreuliches zu registriren, zuvörderst aber
doch an einen der bekanntesten deutschen Landschafter,
Lutteroth, die Frage zu richten, warum er neuer-
dings in den Spuren Oswald Achenbachs wandelt,
da er doch er selbst sein könnte? Das eine seiner
beiden Bilder „Der Brunnen bei Sorrento" ist eine
entschiedene Achenbachiade und zwar schon eine Nach-
ahmung der Manier des fast geschäftsmäßig arbeiten-
den Düsieldorfer Meisters. Wohlthuender ist das andere
stimmungsvolle Bild aus den Lagunen bei Venedig,
aber auf der vollen Höhe früherer Leistungen steht es
auch nicht. Eine Reihe sehr tüchtiger, wahr und groß
aufgefaßter See- und Küstenlandschaften aller Zonen
verdient unsere vollste Anerkennung. Wir nennen vor
allem die melancholische Seeküste eines nördlichcn Landes
von Wrage, groß in den Masien, dunkles tiefes Meer,
dann ihren strikten Gegensatz: „Der Hafen von Val-
paraiso" von Salzmann. Der hierorts wenig be-
kannte Maler aus Wien E. von Lichtenfels giebt
in seiner „Küstenlandschaft von Jstrien" eine sehr kühne
und gelungene Komposition, deren Durchführung wir
gern detaillirter gesehen hätten. Sehr frisch empfuuden
und keck gemalt sind die beiden Hafenbilder von
Peterssen: Vlissingen und Flensburg. H. Rasch bietet
uns eine Ostseelaudschaft mit launiger Staffage: „Zwei
Jnstitutsfräulein", in elegaut modernem Kostüm, welche
sich auf den Dünen niedergelassen haben und ihre Be-
trachtungen über die Natur auszutauschen scheinen.
Die deutsche Gebirgs- und Waldlandschaft hat in dem
kleineu Bilde von Buchholz „Der aufgehende Mond",
in dem stimmungsvollen Gemälde von Schönleber:
„Frühlingsstimmung", in der „Harzlandschaft" vvn
Flickel,dem „Waldesrand" von Weichberger berufene
Vertreter gefunden. Sehr fleißig und stimmungsvoll
ist ferner die „Landschaft mit Kühen" von Schleich.
Hieran reiht sich ein außerordentlich durchgeführtes uud
detaillirtes Bild des bekaunten Schweriner Malers
Malchin, eine Dampfdreschmaschine, welche mitten auf
einer breiten, völlig ebenen Ackerflur in Thätigkeit ist.
Dies Bild bietet vielleicht des Guten etwas zuviel und
ermüdet durch seine gleichmäßig verteilten Farben. Die

Alpenlandschaft ist durch Ludwigs „Etschthal" und
Kamecke's „Gletscherbach" vertreten; letzterer zeigt sich
durchaus nicht von seiner Glanzseite: ein schweres,
unklares, unwahrscheinliches Landschaftsbild ohne Tiefe
mit zwei Figuren im Vvrdergrunde von einer nicht
recht erklärlichen Kleinheit. Der bekannte polnische
Maler Strhvwski giebt uns ein Rätsel auf: im
Vordergrunde einer trefflich behandelten Landschaft an
der Weichsel, in deren Hintergrunde wir die Türme
Danzigs erkennen, sehen wir eine Gruppe von zwei
polnischen Mädchen und einen Mann mit einer Violine.
Was sie dort wollen oder sollen, sagt uns Stryowski
nicht, wenu er nicht etwa ein Kapitel einer uns unbe-
kannten Novelle hat illustriren wollen. Die Krone
der Landschaften nennen wir zuletzt, den „Buchenhain"
von Douzette. Neben einer nach dem bekannten
Rezepte dieses Malers ausgeführten Mondscheinland-
schaft erblicken wir eine Waldlandschast in voller Tages-
beleuchtung; der Blick dringt über eine weidende Kuh-
herde hinweg durch die Lichtung der Bäume weit in
die Ferne. Die Wirkung des Bildes ist eine erstaun-
liche und würde noch größer sein, wenn der Maler
etwa zwei Handbreit vom rechten Rande einfach weg-
gelassen hätte!

Die historische Malerei ist gar nicht vertreten; zu
dem historischen Genre dürfen wir etwa E. von Geb-
hardts vortreffliches Bild zählen, welches den Titel
führt: „urs longu, vitu brsvis". Der Maler zeigt
uns zwei in einer Bücherei befiudliche Schüler des
16. Jahrhunderts, deren einer dem andern aus einem
Folianten vorliest; die Miene und Haltung des Lesen-
den ist von unübertresflicher Wahrheit und Schlichtheit.

Das moderne Sittenbild, welches in Bokelmann
seit Jahren einen so berufenen Darsteller hat, ist durch
Schlabitz in recht unerguicklicher Weise vertreten.
Der talentvolle und fleißige Maler führt uns in einen
ganz modernen Schwurgerichtssaal, in welchem eine
Frau, wie es scheint eine Kindesmörderin, eben in
einem lebhaften Disput mit dem Vorfitzenden des Ge-
richtshofes begriffen ist. Jede einzelne Figur ist vem
Leben abgeschrieben, das Ganze trotzdem höchst unbe-
haglich und unwahr. Der erste Anblick des Bildes
überrascht uns durch die Drastik, beim zweiten schon
wenden wir uns mißmutig ab; das ist nicht die Ver-
klärung, welche der Künstler gerade über unerquickliche
Vorgänge ausgießen soll, um uns poetisch mit ihnen
zu versöhnen. — Mit mehr Humor und Liebens-
würdigkeit versucht Breitbach in seinem Bilde „Karten-
legerin" den fragwürdigen Gegenstand darzustellen. —
Schließlich noch zwei Jnterieurs und zugleich zwei
Meisterstücke: Ad. Böhm in Weimar hat die von
der Sonne beleuchtete Apollo - Galerie im Louvre ge-
malt, und E. Blume führt uns in das Atelier einer
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