Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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§8. ^ahrgantz.
Beiträge

y. November

Nr.

Iusercitr

tl 25 für die drei

s882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


2No^ers Ägtdius zu Rleinkomburg 1 Ausgrobungen in Pompeji. — Der Dresdener Kunstgewerbeverein, — Die königl. Museen in
Berlin; Die städtische Gemäldegnlerie in Düfseldorf i 2lus Stuttgart; Aus lvien. — Aus dem Atelier des ftrofessors Siemering in
Berlin; ssokal, dem w. Iainitzer zugeschrieben; Aus Bnnibecg; Lrweiterungsban des Germanischen Museums in Nürnberg; Das

Ausstellung japanischer Nialereien im Berliner
Aunstgewerbemuseum.

I.

Jm Lichth'ose des Berliner Kunstgewerbemuseums,
welcher für die Veranstaltung von wechselnden Sonder-
ausstellungen bestimmt ist, hat man kürzlich eine Aus-
stellung japanischer Malereien aus dem Besitze des
Herrn Professors Gierke in Breslau eröffnet, welcher die-
selbe wahrend eines vierjährigen Aufenthaltes in Tokio
zusammengebracht hat. Dieselbe gestattet uns zum
erstenmale einen umfassenden Einblick in die Entwicke-
lungsgeschichte der japanischen Malerei, die wir bisher
nur aus einzelnen Proben und besonders aus ihrer
Anwendung auf die Kunstindustrie, vornehmlich auf
die Lackarbeiten kannten, aber noch nicht in ihrer
Kontinuität verfolgen konnten. Aus vereinzelten Nach-
richten wußten wir, daß es schon im siebenten Jahr-
hundert in Japan eine Art oberster Kunstbehörde oder
Kunstakademie gab, die man Guivakos-Hi nannte. Die-
selbe erhielt im Äahre 808 den Namen Edokvro und
erfreute sich unter diesem Namen eine Zeitlang der
^eitung des berühmten Malers Tsunetaka, des Hauptes
des Tosaschule. Denn in Japan vererbt sich die Kunst
vom Vater auf den Sohn in ununterbrvchener Tradi-
tion ebenso wie die Kunstkennerschaft, welche das Pri-
bilegium einer vornehmen Kaste ist. Dieselbe übt die
Kunstkritik in einer völlig autoritativen Weise. Gegen
ihr Urteil giebt es keine Appellation, da sie in Äapan
vine Stellung einnimmt, wie etwa bei uns die gericht-
lich vereidigten Sachverständigen. Wenn Streitigkeiten

über ein Kunstwerk entstehen, wird gegen Bezahlung
von den streitenden Parteien ihr Gutachten eingeholt,
Welches jeden Streit endgiiltig schlichtet. Ein Rubens-
streit, wie wir ihn kürzlich in Berlin erlebt haben,
wäre in Japan nicht möglich, oder er würde wenigstens
amtlich sehr bald beigelegt werden. Jene Kunstbehörde
„Edokoro" epistirt übrigens seit längererZeit nicht mehr;
sie ist durch eine andere ersetzt worden, welche sich nur
der Förderung des Gewerbfleißes widmet. Die Kunst-
schule, welche im Jahre 1875 in Tokio gegrllndet
worden ist, hat nur den Zweck, europäische Kunst-
übungen in Äapan einzuführen. Trotzdem aber die
Regierung die einheimische Malerei ihren eigenen Weg
gehen läßt, erfreut dieselbe sich auch jetzt noch einer hohen
Blüte, welche sich besonders in einer äußerst subtilen
Pinsclführung nnd einer überaus forgsamcn Natur-
beobachtung kundgiebt.

Während die Maler nnseres ÄahrhundertS sich
vorzugsweise auf die Darstellung von Pflanzen, Blumen,
Tieren, Landschaften und Kostümfiguren beschränken,
haben die älteren Maler fast alle Gebiete ihrer Knnst
kultivirt, die religiöse Malerei ebensowohl wie die
Schlachten- und Genremalerei. Nur die Porträt-
malerei scheint diesen wie jenen unbekannt gewesen zu
sein, da sich in den Angesichtern der zahllvsen Figuren
kaum von erheblichem Erfolge gekrönte Bersuche der
Jndividualisirung nachweisen lassen. Mit eiuer Klasfi-
fizirung von Gegenständen geben sich die japanischen
Maler überhaupt nicht ab. Sie teilen alle Ge-
mälde in zwei Klassen ein; die eine, Maki mono, umfaßt
die Geniälde, welche zusammengerollt wurden und
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