Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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133 Kunstlitteratur. — Kunsthistorisches. — Personalnachrichten. — Sammlungen rc. — Vermischte Nachrichten. 134

ob der schlechte Sommer wie cmf die Qualität des
„Heurigen" so auch auf die Laune des KUnstlers einigen
Einfluß geübt habe, oder aber der Gott des Zufalls
ist ihm nicht hold gewesen und hat ihn nicht die rechte
Gesellschaft finden lassen, die zur Heiterkeit und zu
fröhlichem Scherz einladet. Von den 22 Jndividuen,
mit denen er uns durch seine getuschten Federzeich-
nungen bekannt macht, erwecken die wenigsten ein rein
menschliches Jnteresse, das uns veranlassen könnte, ihre
Bekanntschast zu sucheu. Jmmcrhin giebt nns dcr
Künstler wieder Gelegenheit sein handfertiges Geschick
in der Wiedergabe hervorstechender Charakterzüge bei
Jung und Alt zu bewundern.

Wir schließen für heute mit einem Hinweis aus
eine andere, freilich auch anders geartete Sammlung
von Genrefiguren, von denen wohl jede einzelne ge-
eignet sein dürfte, wo sie sich einstellt, die Festsreude
zu erhöhen. Wir meinen die von Fritz Gurlitt
in Berlin in gelungenen Nachbildungen hergestellten
Statuetten von Tanagra, deren schon srüher in diesen
Blättern mit Lob gedacht worden ist. Das dieser
Nummer beigefügte Verzeichnis bietet des Guten so viel,
daß die Wahl schwer hält. 8n.

Aunstlitteratur.

x. — Das zwcitc Tupplcmcnt dcr „kunsthistonschen Bildcr-
bogen" (Verlag von E. A. Seemann) lisgt jetzt vollständig
vor. Zu den bisher erschienenen Blättern (Nr. 319 bis 378)
sind noch fünf polychrome Tafeln (Nr. 379—383) gekommen,
welche dazu dienen sollen, von der farbigen Wirkung der
griechischen Tempelbauten, von der Dekoration der inneren
Wände römischer Profanbauten und von der Bemalung griechi-
scher Thongefaße eine klare Vorstellung zu geben. Sämtliche
Tafeln sind mit technischer Vollendung hergestellt; namentlich
geben die nach Aquarellen von Emil Hesse in der lithographi-
schen Anstalt von I. G. Fritzsche in Leipzig ausgeführten
Darstellungen des dorischen und dss ionischen Gebälks ein treff-
liches, durch den harmonischen Einklang der Farben ausge-
zeichnetes Bild von dem Anblick griechischer Tempel, wie er
sich mutmaßlich dem Auge der Alten dargestellt hat. Wir
möchten diesen schönen Blättern Eingang in alle höheren Lehr-
anstalten wünschen, da sie vorzugsweise geeignet sind, bei der
Jugend den Sinn fllr edle Formen und fllr feine Farben-
stimmung zu wecken, ganz abgesehsn von dem idealen Ge-
winne, der durch diesen wirkungsvollen Hinweis auf die Kultur
des klassischen Altertums erzielt werden dürste. Zur Er-
läuterung der Tafeln dient ein von vr. Theodor Schreiber,
Docent der Archäologie in Leipzig, verfaßter Text, welcher in
Kürze alles zusammenfaßt, was in bezug auf den fraglichen
Gegenstand nach den jüngsten Ergebnissen der Forschung als
feststehend oder als wahrscheinlich angesehen werden kann.

-n. Zn Florcnz hat sich eine Gesellschaft unter dem Nainen
„LooistL äi 8an KiorAio" gebilvet, welche eine fllr die
Geschichte und das Studium der Renaissance - Architektur
Jtaliens bedeutungsvolle Publikation vorbereitet. Es handelt
sich darum, sämtliche Bauwerke Toskana's aus dem 15. und
16. Jahrhundert, soweit sie für die Kunstgeschichte von be-
sonderem Jnteresse sind, in sorgfältigen Aufnahmen zur Dar-
stellung zu bringen. Das berühmte Werk von Letarouilly
über die Bauwerke Roms soll dabei als Muster dienen.
Außerdem beabsichtigt die Gesellschaft Modelle von den be-
deutendsten Palastfassaden in einer oder mehreren Axenbreiten,
und zwar in dem Maßstabe von 1:25, anfertigen zu lassen
und Abgüsse daoon den technischen Unterrichtsanstalten aller !
Länder als Lehrmittel anzubieten. Zu gleichem Zwecke will

! sie auch von den schönsten architektonischen Details und orna-
mentalen Arbeiten Abformungen nehmen und in Gipsab-
güssen zum Verkauf stellen. Das Unternehmen, an welchem
der durch seins einschlägigen Arbeiten verdiente Architekt
Fr. Otto Schulze in hervorragsnder Weise beteiligt ist, er-
freut sich der lebhaftssten Unterstützung von seiten der ita-
lienischen und deutschen Behörden, und man hofft mit Hilfe
derselben im Laufe von drei Jahren das vorgesteckte Ziel zu
erreichen.

Aunsthistorisches.

Vor dcm Parthcnon auf der Nkropolis ist, wie der
Pol. Korr. aus Athen mitgeteilt wird, am 6. November bei
der Hinwegschaffung des Schuttes eine Statue der Hera oder
der Aphrodite gefunden worden. Gleichzeitig verlautet aus
Epidauros, daß endlich der vermutete Tempel des Asklepios
aufgedeckt worden sei, welcher reichliche Reliefbilder mitMotiven
! der Kentaurenschlacht aufweist.

j)ersonalnachrichten.

Wcimar. An Stelle von Alexand er Struys, welcher
nach den Haag übersiedeln wird, ist Albert Thedy zum
Professor der Historienmalerei an der großherzoglichen Kunst-
schule ernannt.

Lammlungen und Ausstellungen.

-V. 11. Vierzig dcr schönsten Manuskripte der Hamilton-
sammlung und zwanzig Blätter aus dem Dante des Botti-
celli sind im Berliner Kupferstichkabinet zur Besichtigung für
das Publikum ausgestellt worden. Bei dem Montiren der
Botticellischen Zeichnungen hat man auch die schon in London
entdeckte Jnschrift wiedsr aufgefunden, welche, wenn es noch
eines äußersn Beweises bedürfte, die Autorschaft Botticelli's
über alle Zweifel erheben würde. ^ Auf der Zeichnung zum
28. Gesange des Paradiso, wo Dante die neun Ordnungen
der Engel sieht und Beatrice ihn über das Gesehens aufklärt,
hält einer der Engel ein Blatt mit der Jnschrift: 8s,n<iro <ii
Nuriuno. Sandro di Mariano Filipepi ist bekanntlich der rich -
tige Name des Künstlers, während Botticelli nur ein Bei- oder
Spitzname ist. — Eine andere interessante Entdeckung ist in
einem aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammenden Manu-
skripte gemacht worden,welches manfür dasOriginalmanuskript
des bekannten Reisenden Cyriacus von Ancona hält, der
bekanntlich eine Anzahl antiker Denkmäler gesehen und bs-
schrieben hat, die heute nicht mehr existiren Man findet in
dem Bande u. a. Zeichnungen vom Westgiebel des Parthsnon,
des Cellafrieses, des Turms der Winde u. s. w.

Vermischte Nachrichten.

Ein Palast Hcinrichs dcs Löwcn. Das endgiltige
Schicksal der herrlichen, bei dem Abbruch des alten Schlosses
Dankwarderode in Braunschweig vor etwa drei Jahren wieder
aufgefundenen und damals von uns besprochenen Baureste eines
Palastes Heinrichs dss Löwen scheint, einer Mitteilung des
Centralblattes der Bauverwaltung zufolge, noch immer sehr
zweifelhaft. Über den hohen künstlerischen und geschichtlichen
Wert derselben sind alle Kunstkenner einig; unter anderem ver-
wendet sich der Konservator der Kunstdenkmäler in Preußen,
v. Dehn-Rotfelser, in einem interessanten Schreiben sehr warm
für die Erhaltung derReste und stellt dieselben in Vergleich mit
den hochinteressanten Prachtfassaden der berühmtenBarbarossa-
burg und des vor kurzem wieder aufgefundenen Rathauses in
Gelnhausen aus romanischer Zeit, neben welchen sie für dieEr-
kenntnis des alten deutschen Profanbaues von höchster Bedeu-
tung seien. Er hält es demnach für eine Ehrenpflicht Braun-
schweigs, die Fassade auf das pietätvollste zu schützen und der
dcutschen Kunstgeschichte zu erhalten, und spricht sich sehr zu-
stimmend zu einem Plane der Braunschweigischen Regierung
aus, welcher die Wiederherstellung der gnnzen Burg Dank-
warderods, einschließlich der malerischen Teile aus der Re-
naissancezeit, sowie ihre Verwendung als ein Museum für
Landesaltertümer oder dergleichen bezweckt. Leider steht in-
des dem Restaurationsplane eine rührige Schar moderner
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