Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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den. Dem Urteil Leixners über Künstler und Kunst-
werke können wir nicht überall beipflichten, z. B. nicht
wenn er Schaper mit Perraud in einen Topf wirft;
bei der Aufzählung der Schriftsteller, welche die kunst-
historische Litteratur zu den ersten rechnet, hat sonder- ^
barer Weise weder Schnaase, noch Burckhardt, noch
Springer Erwähnung gesunden. Die Darstellung und
das Satzgefüge sieht in den letzten Lieferungen über-
haupt ein wenig nach dem Inr xrabto aus; — doch
darüber zu urteilen kommt nns hier nicht zu. Der
Verfasser ist übrigens ehrlich genug, die Schwächen
seiner Leistung auf einzelnen Wissensgebieten einzuge-
stehen. Über die Aufgabe, welche er sich zu lösen
vorgesetzt, sagt er in dem Vorwort zum zweiten Bande:
„Jch wollte zeigen, wie mit dem steigenden Fortschritt
sich zugleich ein ethischer Rückschritt vereinigt habe;
wie glänzende Scheingedanken auf allen Gebieten eine
zerstörende Wirkung ausgeübt haben; den Krankheits-
prozeß des sittlichen Bewußtseins unseres Jahrhunderts
wollte ich darstellen und dadurch mithelfen, daß in
weiten Kreisen die Erkenntnis des Ziels sich mehre,
nach welchem wir streben müssen, um wieder eine
bessere, reinere Zeit herbeizufllhren". Wenn diese Mit-
hilfe sich auch für das Kunstschaffen der Gegenwart,
das ja auch der Krankheitssymptome genug aufweist,
wirksam erweisen sollte, würden wir dem Verfasser für
den Spiegel, den er seiner Zeit vorgehalten, doppelt
dankbar sein können.

Für den Schluß dieses Berichts haben lvir uns
noch zwei sreundliche Bücher aufgespart, deren Jnhalt
sich an das Kindesgemllt und Kindesauge wendet und,
wie wir meinen, mit dem besten Erfolge und mit der >
sicheren Aussicht auf den Beifall aller derer, welchen
die Erziehung der Jugend Pflicht und Freude ist.
Beides sind Märchenbücher, die in Bezug auf das, was
sic zu erzählen haben, kaum etwas Neues bieten und
bieten kvnnen, die aber in dem beigegebenen Bilder-
schmuck sich vor vielen Büchern ähnlicher Art vorteil-
haft auszeichnen, da hier wie Lvrt nicht ein schnell-
sertiger Lohnarbeiter sondern ein getreuer Eckart mit
voller und freier Hingabe an sein Liebeswerk die fleißige
Hand gerllhrt hat. Der Wunderborn, nennt sich
die eine dieser Märchensammlungen, welche von Karl
Seifart zusammengestellt und im Verlage von Gebr.
Kröner in Stuttgart erschienen ist. Der Jllustrator
derselbenistderjttngstverstorbene Eugen Neureuther,
der ähnlich wie Ludwig Richter sich den kindlichcn Sinn
und den frischen fröhlichen Humor bis in sein Greisen-
alter bewahrt hatte, ein echtcr Märchenerzählcr nach
deutscher Art, dcr nie mehr sagt, als ein Kind be-
greisen kann, und auch, wo er das Böse und Schreck-
hafte schildert, die Gemütlichkeit aufrecht zu erhalten
weiß. Seine Ersindungen läßt Neureuther entweder in

einem leichten, gefälligen Spiel mit Arabesken sich
neben und unter dem Text ausbreiten, oder er faßt
mehrere Momente der Erzählung in einem größeren,
durch ein leichtes vegetatives oder ornamentales Ge-
rüst gegliederten Bilde zusammen, überall den Nagel
treffend, an dem der Faden der Geschichte seinen festen
Anhalt findet. Von einem verwandten Geiste durch-
drungen sind auch die reizenden Kompositionen, mit
denen ein uns heuer zum erstenmale auf diesem Felde
begegncnden Dresdener Künstler, Paul Mohn, seinen
Märchenstraußfür Kind und Haus (Berlin,Georg
Stilke) ausgeziert hat. Auch hier wechseln große ganz-,
ja doppelseitige Bilder mit leichten Randverzierungen,
in welche einzelne Scenen verwebt sind. Um den leich-
ten Federzeichnungen eine kräftigere Wirkung zu geben,
sind dieselben in Farbe gesetzt, jedoch ohne auf eine
naturwahre Abstufung der Töne auszugehen und mit
der koloristischen Stimmung die Zeichnung mundtod zu
machen. Oft ist nur mit einem leichten Sepiatone
nachgeholfen, um die Lokalfarbe auszudrücken oder das
Licht gegen den Schatten abzusetzen. Die Figurenzeich-
nung ist von einem ganz eignen Reiz, sicher und fest
und von natürlichem Schönheitsgefühl eingegeben, der
Ausdruck der Köpfchen und das Geberdenspiel so
sprechend und so wahr empfunden, daß man immer
und immer wieder von neuem zur Betrachtuug auf-
gefordert wird. Da treten Uberall Kinder auf, wie
Kinder sein sollten, ganz Unschuld und Treuherzigkeit,
keine Zierpuppen und keine Rüpel, wie sie nur zu
häufig in der Kinderlitteratur Eingang finden; da sehen
wir Engel und Kobolde, wie sie wohl eine Kinderphan-
tasie träumen mag, keine Balletteusen und Theater-
zwerge, dergleichen uns leider oft genug über die
Vogesengrenze hinübergeschmuggelt sind, um auch in
Deutschland für den Doröismus Propaganda zu machen.
Fürwahr, es ist ein Trost, wenn man gewahrt, daß
Deutschland des französischen Blendwerks sehr wohl
entrathen kann, wenn es sich um Bücher und Bilder
handelt, die der Kindeßphantasie die ihr notwendige
und heilsame Nahrung zuzuführen bestimmt sind. Auch
die gemachte, über einen Kamm geschorene Kindlichkeit
der viel bewunderten englischen Prodnkte jüngster Jahre
hält auf die Dauer schwerlich die Probe aus gegen
das, was uns Neureuther und Mohn Reizendes und
Liebenswürdiges dargeboten haben. Möge denn die
eine wie die andere der beiden Kindersestgaben unter
recht vielen Christbäumen die ihnen gebührende Stätte
finden! 8n.

itiunstlitteratur.

, . 6. v. 1?. Pon dkm Katalog der Tcrrakottcn dcs Vouvrc
sst soeben von Lson Heuzey, vormals Kustos an der Antiken-
abteilung, jetzt Konservator der orientalischen Altertümer, der
erste Band veröffentlicht worden. Er enthält die Beschreibung
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