Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Gottfried Kinkel f.

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eilten, als daheim der Aufstand gegen die dänische Tyran-
nei ausbrach, nach Hause, um sich unter die Fahnen zu
stellen, und viele von ihnen haben ihre Treue gegen das
angestammte Land mit dem Tode auf blutiger Walstatt
bezahlt.

Wie Kinkels feurige Natur von der Revolution er-
griffen wnrde, wie er vom Wort zur That überging,
sich am badischen Aufstande beteiligte, im Treffen ver-
wundet und gefangen wurde, das alles ist in den Blät-
tern der Geschichte verzeichnet. Wie verschieden man
jetzt über jene Bewegung denken mag, jedenfalls muß
man den offenen Mannesmut, der im Felde sein Leben
für seine Überzeugung einsetzte, imnier mit hoher Achtnng
preisen. Als der gefangene Dichter in Rastatt dem
Spruch des Kriegsgerichtes entgegen sah, schrieb er jenes
edle Gedicht „Mein Vermächtnis", in welchem er Ab-
schied vom Vaterlande ninnnt, indem er noch einmal die
Summe feines Lebens zieht und dann fortfährt:

„Den Feinden nnld, den Freunden gut,

Die Hand noch rein vom Fluche,

Kein Blatt voll Haß, kein Blatt voll Blut
Jn meines Schicksals Buche,

So werf' ich in den Opferbrand
Ein reichbekränztes Leben —

O Glück und Stolz, msin Vatsrland,

Fiir dich es hinzugeben."

Als dann der Dichter, zu lebenslänglicheni Gefäng-
nis „begnadigt", anfänglich im Zuchthaus zu Naugard
und nachher aus der Festung zu Spandau in strenger
Haft gehalten wurde, da wandte sich wvhl jedes redliche
Gemüt selbst unter seinen politischen Gegnern teilnahm-
voll deni „lebendig Begrabenen" zu, und nicht vergebens
sagte Johanna im Vorwort zur Lritten Ausgabe seiner
Gedichte (Oktober 1850) in den mit aufgenommenen
Bruchstücken: „Jedes dieser Fragmente hebt, einem un-
mündigen Kinde gleich, ein paar bittende Hände zu der
bffentlichen Stimme empor und rust: Hilf mir, daß mein
Vater und Erzieher frei werde!" — Und die Hilfe blieb
nicht aus; in einer stürmischen Novembernacht desselben
Jahres gelang es der opfermutigen Treue seines jungen
Freundes Karl Schurz, den Gefangenen zu befreien und
nach England zu retten. Dies ist allgemein bekannt;
weniger scheint es bckannt zn fein, daß zwar Schurz bei
dem kühnen Unternehmen die rechte Hand, Johanna aber
im Anknüpfen, Entwerfen und Vorbereiten desselben die
Seele des Ganzen war.

Auf dcm freicu Boden Englands fanden sich nach
todesbangen Prüfungen die Gatten wieder verbunden,
und beide nahmen mit vereinten Kräften den Kampf
mit dcm Leben, das Ringen um die Existeuz von nenem
auf. Auch jetzt stand Johanna tapfer dem geliebten
Mann zur Seite, durch ihrcn hvchgeschätzten Musikuuter-
richt die Einnahmequellen der kleineu Familie vermehrend.

Über die Erfahrungen dieser englischen Zeit, namentlich
auch über das Treiben in den Flüchtlingskreisen hat sie
in dem geistvollen, nach ihrem Tode von ihrem Gatten
herausgegebenen Roman „Hans Jbeles in London" in
fesselnder Weise berichtet. Als ich im Frllhjahr 1851
London besuchte, hatte ich die Freude, meineu verehrten
Lehrer wiederzuseheu. Es war eines Tages im Glas-
palast zu Spdenham, dessen bedeutende Samnilung der
Gipsabgüsse ich studirte, als ich erfuhr, daß Kinkel zu
einem kunstgeschichtlichen Vortrage erwartet werde. Er
kani und hielt mit seiner anziehenden Elvquenz eine Vor-
lesung über assyrische Kunst, die mir um so interessanter
war, als ich eben im British Museum die Denkmäler
von Nimrud und Kujjundschik eingehend untersucht hatte.
Mit alter Herzlichkeit nahm der Redner nach Beendigung
des Vortrags mich auf, und ich bemerkte mit Freude,
daß die schweren Stürme der letzten Jahre fast fpurlos
an feiner wunderbar elastischen Natur vorübergegangen
tvaren. Unermüdlich hielt er in London und den anderen
großen Städten Euglands Vorträge über Litteratur und
Knnstgefchichte. Dies blieb fortau sein Lieblingsfeld,
obwohl er der politischen Agitation auf einer Rundreise
durch die Vereinigten Staaten und später als Journalist
durch Gründung der Zeitschrift „Hermann" doch nicht
entsagen mochte. Äm 15. November 1858 wurde seine
hochsinnige Gattin ihm durch die bekannte erschütternde
Katastrophe entrissen; zwar fand er in einem zweiten
Bündnis ein neues eheliches Glück, aber der Boden Eng-
lands brannte ihm unter den Füßen, und die Sehnsucht
nach der Heimat wurde immer mächtiger in ihm. Wie
atmete er hochersreut auf, als ihm Ostern 1866 bei
meiner Berufung nach Stuttgart der Lehrstuhl für Archäo-
logie iznd Kunstgeschichte am eidgenössischen Polytechnikum
angeboten wurde. Mit Begeisterung folgte er diesem
Rufe, der den treuen Sohn des Rheinlandes zwar nicht
in die alte Heimat, aber doch in das Flußgebiet seines
geliebten Stromes zurückbrachte.

Nach einem Jntermezzo von fast achtzehn Jahren
war es dem gereiften Manne, der eben die Schwelle der
fünfziger betreten hatte, vergönnt, den abgerissenen Faden
scines früheren Schaffens wieder aufzunehmen und als
Lehrer zu wirken. Die alte Jugendfrische war ihm treu
geblieben, und wer noch im vorigen Jahre dem so Rüstigen
auf seinen Vortragsreisen begegnete, fand wohl die Ge-
stalt voller und schwerer geworden, den Rücken etwas
gebeugt, das dunkle Haar ergraut; aber die alte Macht
des Wortes war ungebrochen, und in der seltenen Form-
vollendung, die ihm eigen war, behandelte er wie ehe-
dem die mannigfachsten Themata der Litteratur- und
Kunstgeschichte. Wohl accentuirte sich dabei manchmal
in ziemlich sübjektiver Weise die Persönlichkeit des Red-
ners, aber das hinderte nicht die zündende Wirkung
seiner Vorträge. Wenn das Hinarbeiten auf eineu be-
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