Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

Seite: 185
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Gottfried Kinkel

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stimmtcn Effclt unverkennbar war, so darf man doch den
Wert solchcr populären Vorlesungen nicht unterschätzen.
Sie sind dazu bestintmt, in Krcise zu dringen, welchen
die Anregung und Belehrung in ästhetischen Dingen
höchlich zu wünschen ist; dcnn wir dürfen nicht vergessen,
daß das dcntsche Volk durch dic Refvrmation sich zwar
die moralische Gesundheit und die Freiheit wissenschaft-
lichcr ErkcnntniS gcrcttet hat; aber diesc kostbarcn Gütcr,
die uns mit Recht unter allem, was die Menschheit zu
erringen vcrmag, ain höchstcn stchen, sind doch mit eincr
unleugbaren Spröde und Starrheit im ästhetischen Gc-
biete erkauft, so daß es jetzt wohl an der Zeit ist, auch
nach dieser Seite auf feinere Geistesknltur und Schmei-
digung des knorrigen Sinnes zu dringcn. Fttr solche
Aufgabe, für die Propaganda im Reiche des Schönen
war Kinkel wie wenige geeignet. Wie tief er das Schasfen
des Künstlers verstand, und wie lebendig er es darzu-
stellen wußte, davon legt sein „Grobschmied von Ant-
Iverpen" glänzcndes Zcugnis ab; beiläufig gcsagt, bis
auf den später hinzugesügten Schluß cine seiner edelstcn
und reifsten poetischen Schöpfungen. Jn der Schilderung
des Künstlerglückcs heißt es dort:

„Kein Denker ahnt, kein Glnube lehri,

Wie sllß im Stoff die Seele waltet,

Die nicht ihm zn entfliehn begehrt,

Die nur ins Leben ihn gestaltet.

Das Lebsn schläft in jedem Stein,

Durch Ton und Farben ist's ergossen,

Doch will's vom Geist entzaubert sein,

Sonst bleibt es streng in sich verschlossen; —

Der Meister naht, — und groß und mild
Springt aus dem Stein dsr Venus Bild."

Während er so aus der Fülle der Kunst Anregnng
in dic wcitcsten Krcise trug, loobei sich dcr bcwcglichc,
phantasierciche Sohn des Rheinlandes nie verleugnete,
war und blieb doch der Schauplatz seines täglichen Wir-
kens die neugewonnene Züricher Heiniat. Nicht blos im
Polytechnikum wußte cr den überwiegend realistischen
Sinn dcr jungcn Schweizer durch scine glänzcnden Bor-
träge sür das Jdeale zu begeistern, auch in den Kreisen
der Antiguarischcn Gcsellschaft und der Künstlergenosscn-
schaft war cr unermüdlich bereit, mit zündenden Wortcn
anzuregen und lebhast sich an den Diskussioncn zu be-
tcitigen. Ein besvndcrcs Verdicnst abcr schnf er sich durch
die Begründung eines Kupferstichkabinets am Polytech-
nikum, wobei ihn die Bercitwilligkcit der oberen Be-
hvrde anfs sörderlichste untcrstützte. Denn es wurde
ihm für diesen Zweck cin von einem Gönncr der An-
stalt gestiftctcs Legat zur Vcrfügung übcrlvicscn; nm
aber die Summe abznrunden, stellte Kinkel sich opfcr-
tvillig an die Spitze ciner Subskription, die dnrch seine
vastlosen Bemühungen solchen Erfolg hatte, daß es ge-
iang, die in Rom befindliche BUhlniannsche Sammlung
als Grundstock eincs Kupfcrstichkabiiiets zu erwerbcn.

Jn der weiteren Pflege und Vcrwaltung dieser Sanim-
lung, bei welcher seiu Sohn l>e. Gottfried Kinkel ihn
eifrig untcrstützte, war er nnermüdlich; namcntlich aber
wußte er in anregender Weise die ihm anvertrauten
Schätze zu crklären und für Stndinm und Geunß zn-
gänglich zu machen.

Bei eincr zweiten wichtigenKnristsammlirng dcs Poly-
techniknnis, der Sammlung der Gipsabgüsse, hatte er sich
in dic Berwaltung mit dem Archäolvgen der Universität zu
teilen. Denn dieses reichhaltige Museum ist im wesent-
lichcn aus den Snmmen beschafft worden, welche die
von den Docenten beider Hochschulen seit vieten Jahren
im Winter veranstalteten öffentlichcn Rathausvorlesungeri
eingetragen hatten. Bei der Entwickelung der Sanini-
lung war es dem Unterzeichueten vergönnt gelvescn,
neben scincm damaligcn wcrten Kollegcn Bursiari mil-
zuwirken. Kinkel gab nicht blos vor deu Abgttssen selbst
Erklärungen der Bildwerke, sondern er veröffentlichte
auch im Jahre 1871 einen räsonnirendcn Katalog, iu
wclchem er das allgemeine Verständnis der antiken Skulp-
turen in gcistvoller Weise einem tveiteren Leserkreise nahe
zu bringen wußte. Die reichhaltige Sammlung, die in
der mittleren, vvn Semper erbauten Säulenhalle des
Polytechnikums cine würdige und schöne Aufstellung ge-
funden hat, wird dadurch auf immer mit dem Namen
Kiukels verknüpft bleiben.

Zn nmfangreichen litterarischcn Arbeiten kani der
vielbeschäftigte Docent nur selten. Zunächst wäre hier
die zweite Sammlung seincr „Gedichte" zn ncuncn, die
indeß an Feingehalt und Frische seinen früheren Poesieen
nicht gleich kommt. Namentlich wirkt die gar zu breit
sich hervordrängende politische Phrase erkältend und läßt
einen vollen und reinen Genuß nur selten aufkommen.
Wertvoller sür uns ist die 1876 unter dcm Titel „Mv-
saik znr Kunstgeschichte" erschienene Sammlung kunst-
wissenschaftlicher Aufsätze. Obwohl nicht alle hier vor-
gctragenen Thesen sich der Zustimmung zu crfrencn hattcn,
am wcnigsten wohl die Abhandlung, in welcher der Nach-
weis versucht wurde, daß der Mcsserschleifer in Flvrenz
eine Arbeit des 16. Äahrhunderts sei, so beweisen diese
fein modellirten und sorglich ciselirten Aufsätze doch, daß
der Verfasser auf verschiedenen Gebieten der Kunstge-
schichte sich als selbständiger Forscher und Darsteller hei-
nüsch gemacht hatte. Besondre Feinheit künstlerischer
Schilderung atmet die Abhandlung über das Mausoleuni
zu Halikarnaß und seine Überreste im British Musciim;
auf genauen Lokalstudien beruht dcr Aufsatz Uber Stone-
henge; rcichhaltiges Jnteresse aber bieten nanientlich die
Abhandlungcn über die aus Kunstwerken entstandenen
Sagcn, übcr die Anfänge weltlichcr Malcrci in Jtalien
auf Möbeln, über bemalte Tischplattcn und übcr Wenzel
Hollar. Was abcr allen diesen Arbcitcn als gemcin-
samcr Vorzng eignct, das ist die Klarhcit und Lebcndig-
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