Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Nekrologe.

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von sechs Reliefs am Hütel du Bonrgthvronld in
Rouen, 2) ein Stich von Jean Duvet (Dumesnil II),
3) der 6oäsx piot. Nr. 53 in der königl. Bibliothek
zu Miinchen, 4) Codex Nr. 2581 und 2582 der
Wiener Hofbibliothek, 5) eine unvollständige Suite von
Tapisserien, ehemals (noch 1878) im Besitz von M-
Leclanchü, gegenwärtig (wie mir A. Darcel vor wenigen
Tagen mitteilte) bei Herrn Lowengard in Paris, 6) ein
„Triumph der Fama" (aus einer supponirten ähnlichen
Reihe von Tapisserien) im Berliner Kunstgewerbe-
mnseum. *)

An diese Darstellungen, besonders an Nr. 5 und 6,
schließen sich nun sehr eng die Wiener Trionfi an, von
denen zwei ausgestellt sind, deren vollständige Reihe
aber, wenngleich einstweilen ohne beigegebenen Text,
im Jahrbuche der kaiserl. österreichischen Kunstsamm-
lungen trefflich reproduzirt ist. Die Wiener Trionfi
nnterscheiden sich in vielen Zügen von den unter
Nr. 5 und 6 genannten, so daß ein genaueres Ein-
gehen wohl gerechtfertigt erscheint. Alle diese sechs
Züge bewegen sich nach rechts im Bilde und haben
eine hügelige, im Vordergrunde blumenreiche Landschaft
zum Schauplatze. Was den Triumph Amors anbelangt,
so sehen wir dort ouxiäo mit einer Binde vor den
Augen, mit Bogen und Köcher in den Händen, auf
einem Triumphwagen thronen, der von zwei weißen
Böcken und zwei Sirenen gezogen wird; uruiiiu auf
einer Harfe spielend schreitet voran; voluxts und
o^sivils begleiten den Wagen. Als überwunden und
getötet liegen auf dem Boden: xuris, llslsz-ns,
lisroäiuäs, pirums, lliibss (sio!), salouion, suusou,
Iisroulss, is-sou. Auf zwei Bandrollen am oberen
Rande des Teppichs ist zu lesen:

?ur ouxiäo äamours Is äisu inmouäs
()ui äs sou uro a laiot ptusisur8 stkor8
Lo^öL vaiuou8 1s8 prsux llaräis st kvr8
Ilt 1k8 xku8 Kraus rsprssuutaut 1s mouäs.

Amor ist hier originellerweise mit Krallenfüßen
gebildet. Ein vor ihm aus dem Wagen befindlicher
Kandelaber, der eine Feuerschale trägt, kommt vielfach
bei anälogen italienischen Darstellungen vor. Da-
gegen erscheint mir wieder die Einführung der Sirenen
originell.

Amors Trinmph ist gefolgt von dem der Keusch-
heit; olla^tsts steht als weißgekleidete Nonne auf ihrem
Triumphwagen und hat den linken Arm um eine Säule
geschlungen, während die Rechte einen Palmzweig hält-
Der Wagen wird von zwei Einhörnern und einer
vs8tu11s gezvgen. Letztere trägt in der Rechten einen
Palmzweig, in der Linken eine große brennende Kerze.

Vergl. des Verfassers Aufsatz in der litterarischen Bei-
lage der „Wiener Montagsrevue" vom 18. Dez. 1882.

Begleitet wird der Zug von ull^tiusuos und tsm-
psrauos, von z-polito, 1uors88s, oluuäiu, llixxo,
äsixllils. Der vom vorderen Rade des Triumph-
wagens überfahrene ouxiäo liegt in der Mitte des
Vordergrundes auf dem Boden. Auf den Bandrollen
oben liest man:

vozmut 1s monäs uins^ mz-8 st vuiuou.
ziur 1s moz-sn gui ua poiut ollasts s8ts
pour llntnillsr xrsut armss ollaststs.
gui ouxiäo äowxts soulx sou ssou.

Die Schrift ist gotisch. Aus dieser einerserts,
aus den Kostümen andererseits (breite Schuhe, Ba-
rette) läßt sich schließen, daß diese Hautelissen der
beginnenden Neuzeit angehören. Von technischer Seite
betrachtet muß man den eben beschriebenen Tapisserien
größere Feinheit absprechen. In dieser Beziehung
stehen die drei nachträglich ausgestellten Brüsseler
Tapisserien mit den Scenen aus Vertumnus und Pomona
(nach Ovids Metamorphosen) viel höher. Auch die
! reichliche Berwendung von Goldfäden deutet auf Svrg-
falt bei der Herstellung. Eine ähnliche Suite von
Tapisserien befindet sich in Madrid. Leider fanden wir
auf der Ausstellung nur drei aus dieser Reihe von
neun Teppichen, wie von den sechs Triumphen nur
zwei. Auch von den acht Tapisserien mit Darstellungen
aus der Sage von Romulus und Remus (Nr. XXI
von Birks Jnventar im obgenannten Jahrbuche) waren
in der Ausstellnng nur zwei zu finden. Das ist ent-
schieden zu bedauern, weil durch Entsernung mehrerer
Stücke der ersten Ausstellungs-Serie hinreichend Raum
hättc gewvnnen werden können, um diese Teppich-
Reihen dem Publikum vollständig vorzusühren.

vr. Th. Frimmel.

Nekrologe.

Gustave Dorö, der bedeutendste und fruchtbarste
Jllustrator Frankreichs, dessen Ruf und Beliebtheit sich
weit über die Grenzen seines Vaterlandes erstreckte,
ist zu Paris am 23., Januar, kaum 51 Jahre alt, in
der Vollkraft des Schaffens, nach einer Krankheit von
wenigen Tagen der Halsbräune erlegen. Geboren zu
Straßburg am 6. Januar 1832, kam er kaum drei-
zehnjährig zu seiner Ausbildung in das Lycüe Charle-
magne nach Paris, nachdem sich das Talent des früh-
reifen Knaben schon srüher in einigen Landschaftsskizzen
aus dem Departement de l'Ain offenbart hatte. Vom
Jahre 1848 an finden wir ihn mit Bertall als Zeichner
am „äouriml xonr rirs" beschäftigt, während er gleich-
zeitig in den jährlichen Salons Federzeichnungen, zu-
meist landschaftlichen Gegenstandes, ausstellte. Das
erste größere Werk, womit er als Jllustrator auftrat,
waren Jllustrationen zu Rabelais' Werken (1854), und
die Aufmerksamkeit, die er damit erregt hatte, wuchs
nun in den folgenden Jahren in dem Maße, als die
Produkte seiner unermüdlich schaffenden und scheinbar
unerschöpflichen Phantasie in schneller Folge in die
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