Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Korrespondenz aus Paris.

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Schönen strebte, es aber nur auf dem Wege des Er-
lernten, der gewissenhaften Arbeit zu erreichen hoffte.
Aufgeregt hat ihn das Fleisch, das er malte, nie, nie
hat ein Vorgang, ein Stück Natur, das er wiedergab,
tiefere Bewegung in ihm hervorgerufen. Er war einer
jener geschniegelten Maler, welche die Kuust für eine
anständige Beschästigung halten, so ein Maler, wie die
Civilisation sie hervorbringt, nicht wie die elementare
Natur sie schafft. Obgleich hie und da Funken von
Talent durchblitzen, giebt es doch nicht leicht etwas
Ungenialeres als die Bilder des Herrn Lehmann.

Die Einrichtung der permanenten Ausstellungen,
die jetzt grassirt, hat das Gute, daß man sich von der
Langeweile der einen schnell bei einer anderen erholen
kann. Man geht z. B. in die ruo äo 8^20, in den
Salon Petit, denselben Salon, der vor wenig Jahren
die Aguarellisten mit ihrer feingewählten Ausstellung
beherbergte, und der jetzt verschiedenen Künstlergruppen
zur Verfügung steht. Eine dieser letzteren hat im
Augenblick, unter dem pompösen Namen „Jnternationale
Ausstellung", die Räume gefüllt; was aber die paar
Jtaliener und Amerikaner neben den Franzosen hierher-
gebracht haben, ist entschieden nicht das Beste aus dem
Kunstfütlhorn der beiden Erdteile. Erquicklich ist allen-
falls die Überzeugung, daß die hier zusammengewürfelten
Künstler wenigstens alle lebendig und jung sind —
zuweilen selbst eiu bischen zu jung. Die Öffentlichkeit
wird einigermaßen burschikos behandelt; man trägt kein
Bedenken, sich so zu zeigen wie man ist, die weiße
Krawatte des Herrn Lehmann steht hier nicht auf der
Tagesordnung. Die Herren Ribera und Duez stellen
sogar Bilder aus mit der Bezeichnung: „Nicht fertig".
So etwas dürfen Anfänger sich nicht erlauben. Ein
unfertiges Gemälde von Raffael oder Nubens trägt
alle Berechtigung in sich, vor die Öffentlichkeit zu treten,
einmal weil sein Urheber ein Genie war und dann
weil er nicht mehr da ist, um das Begonnene zu voll-
enden. Zeitgenossen aber sollen nur Fertiges bringen:
das ist wohl die geringste Fordernng, die man an sie
stellen darf. — Zwei Künstler pflücken hier den Lor-
beer, der ihnen schon voriges Jahr in der Ausstellung
der Champs Elysoes geblüht hat: Liebermann und
Edelfeldt. Letzterer bringt eine Menge Bilder zur
Schau, sehr verschieden, was die Süjets, — ganz gleich-
mäßig, was das Talent anbelangt. Neben einem voll-
endet ausgeführten Porträt begegnen wir Landschaften
von eigentümlichem Zauber. Liebermann bleibt seinem
Holland treu und entzückt uns mit seinen Jnterieurs
ini weitesten Sinne. Ein Franzose, Herr Cazin, hat
nicht wohl daran gethan, eine ganze Serie von Bildern
zugleich in die Öffentlichkeit zu bringen. So lange er
vereinzelt auftrat, begeisterte man sich an seinen ver-
meintlichen Stimmungsbildern und hielt den Künstler

für originell und bedeutend; der Massenproduktion
gegenüber kommt man hinter seine Schliche; man merkt,
daß man es nicht mit einem urwüchsigen, sondern mit
einem raffinirten Talente zu thun hat. Herr Sargcvt
hingegen, ein Schüler von Carolus Duran, ist und
bleibt ein geborener Virtuose. Mit seinem Pinsel und
seinen wundervollen Farben veredelt er jeden Gegen-
stand unwillkürlich. — Bastien Lepage denkt: Vor der
Kunst ist alles gleich. Er bringt Bäuerinnen und
Stiefelputzcr in „Lebensgröße", stellt sie in eine minutiös
ausgeführte französische Landschaft hinein — oder er
giebt ein unlösliches Gewirr Von Beinen, Köpfen,
Pferden, Cabs, Omnibussen und tauft es London; von
kaum fertigen Porträts will ich gar nicht reden, nur
noch ein Bild sei erwähnt, das alle seine Sünden
wieder gut macht — nämlich eine sehr hübsche Themse-
ansicht, vielleicht das beste Bild, das die Unterschrist
Bastien Lepage trägt. — Nun müssen wir noch in die
ruo Volssz--, denn auch diese hat ihre Ausstellung.
Hier ist das einzig Bemerkenswerte ein Kinderporträt
von Baudry, das einige der alten Vorzüge dieses
Meisters, aber — leider muß ich es sagen — auch all
seine neuen Untugenden aufweist.

Und jetzt zum Facit unserer raschen Wanderung!
Steht der Barometer auf „Schöu" oder „Veränder-
lich?" Jch glaube auf „Sehr veränderlich" und fürchte,
es muß so bleiben, so lange das Publikum ohne feinere
Unterscheidung allem Neuen zujubelt und zuläuft. Jch
habe wenig Hoffnung auf Befferung unserer Kunst-
zustände, so lange die launenhaften Schöpfungen eiues
Boldini mit denselbeu Blicken betrachtet werden, wie
die wundervollen Büsten unseres Saint Marceaux.
Letzterer ist einer der seltenen Künstler, welche es ernst
nehmen mit der Kunst; nie stellt er ein Skulpturwerk
aus, ehe er nicht bis ins kleinste Detail damit zu-
frieden ist. Und so müßte, wenn nicht durch eigene
Gewiffenhaftigkeit, so durch gerechte Kritik, jeder Künstler
gezwungen werden zu handeln.

Zum Schluß noch ein Wort der Erinnerung an
Gustave Doro, der, wie Sie wiffen, vor kurzem einem
Brustübel erlegen ist. Schon in seinen Kinderjahren
glaubte man ein eminentes Talent in ihm zu entdecken,
seine ersten künstlerischen Leistungen wurden von der
Kritik maßlos verhimmelt, Thoophile Gautier be-
grüßte einen Genius in ihm. Aber all diese Prophe-
zeiungen haben mit der Zeit nicht Stich gehalten -
nur die große Fruchtbarkeit hielt Wort. Sein Name
selbst spricht die gerechteste Kritik über ihn: sein Talent
war nicht echt, es war nur vergoldet.

U.
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