Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstsllung von Werken Julius Hübners in Berlin.

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zietten Zweck: nachzuweisen, daß die griechische Kunst
die Leidenschaft zum Behufe der Darstellnngen herab-
gestimmt habe; er fiihrt ihn aber nicht alb Gegen-
stand der Untersuchung weiter; er leugnet zu dem in kei-
ner Weise die Fähigkeit der Kunst, eine Belvegnng
anzudeuten, was sür die Bildkunst „darstellen" heißt-
Er sagt vielmehr ganz ausdrticklich, ivas Blümner
zwar anfiihrt (S. 75), aber nicht zu seiner Erkenntnis
verwertet: „Die Kunst thut nichts, als daß sie unsere
Einbildung in Bewegung setzt" — wvmit der Gegcn-
satz von „wirklich darstellen" und „andeuten" inner-
halb der Knnst hinfällig ist. Es handelt sich vielmehr
um eine nnnnterbrochene, vom Anstvß bis zum Ende
fortdauernde Bewegung im Gegensatz zu der unter-
brochenen, immer neuen Ansang voraussetzenden Be-
wegung. Diese letztere entzieht sich der Bildkunst, weil
diese nur einen Moment zur Verfügung hat; die erstere
entzieht sich ihr nicht, vorausgesetzt, daß der Raum,
in welchem die Bewegung stattfindet, ein zwischen Be-
ginn und Ende deutlich unterscheidbarer ist, weil nur
in diesem Falle die Raumvorstellung in .die Zeitvor-
stellung umgesetzt werden kann. Was sich dem Auge
überhaupt entzieht, ist auch nicht fiir das Auge dar-
stellbar, wie der Fnnke, welcher die Erscheinung der
Blitzlinie verursacht: diese ist längst dargestellt worden,
ehe man wnßte, daß dem Blitz ein elektrischer Funke zu
Grunde liegt (Bgl. S. 65). Nicht er, sondern das, was
man sieht, ist Gegenstand der Darstellung. Bei dem
trabenden oder galoststirenden Pferd werden die Beine
nicht gesetzt, wie das Tier sie thatsächlich setzt, sondern
sv, wie sie Vvn uns gesehen werden und wie sie daher
auch die Bewegung wieder andeuten können (S. 78).
Es kommt aber nicht darauf an, daß der Moment,
welchen der KUnstler wählt, ein solcher sei, welcher
thatsächlich einen Mvment der Ruhe enthalte.

Veit Valcntin.

(Schlnß folgt.)

Ausstellung von lverken Iulius Ihübners
in Berlin.

Um das Gedächtnis seines im November vorigen
Jahres verstorbenen Vaters zu ehren und die Bekannt-
schaft mit den Werken desselben weiteren Kreisen zu
vermitteln, hat der Lehrer an der königl. Akademie der
Künste in Berlin, Eduard HUbner, ini Lokale des
Vereins Berliner Künstler eine Ausstellung veranstaltet,
welche zwar nur vierzig Ölgemalde und etwa zwei-
hundert Zeichnungen, Studien, Aquarelle u. s. w. um-
faßt, gleichwvhl aber geeignet ist, ein zicmlich voll-
ständiges Bild von der künstlerischen Physiognvmie
Hübners und seiner außerordentlichen Vielseitigkeit zu
geben. Nach der Angabe des Katalogs hat Hübner

attein etwa zweihundert Ölgemälde geschaffen, deren
größter Teil sich in öffentlichen Sammlungen und ini
Auslande befindet. Die Ausstellung enthält also nur
den fünften Teil derselben. Doch sehen wir gerade
eine Anzahl von Werken, welche für seinen künstleri-
schen Entwickelungsgang besonders charakteristisch sind:
seine ErstlingSarbeiten: „Boas und Ruth", den „Fischer-
knaben", „Roland in der Höhle der Räuber" nach
Ariosto, welche Hübners Ruf begründeten und ihm eine
gewisse Popularität auch iiber Düsseldorf hinaus ver-
schafften, wo er zu den gefeiertsten Sternen der alten
Plejade gehörte, dann den „Simson, der die Säulen
des Tempels umstürzt", die „Große Babel auf dem
Drachen" und die „Geißelung des Stephanus", jene
umsangreiche Komposition aus deu Jahreu 1867—1870,
anf welcher er den Bersuch machte, seine ideale Formen-
bildung mit einem Kolorit von venezianischem Charak-
ter zn verschmelzen.

Der dcm Meister in Nr. 13 der Kunstchronik ge-
widmete, aussührliche Nekrvlvg läßt dem Berichter-
statter nicht mehr viel zu sagen übrig. Wie uns ein
Vergleich der dem Katalog vorausgeschickten, vffenbar
von der Hand des Sohnes verfaßten Biographie mit
jenem Nekrolvge gezeigt hat, sind die einzelneu Daten
desselben durchaus korrekt und zuverlässig, wie auch
die Bemerkungeu über Hübners künstlerische Richtung
und den Umfang und die Grenzen sciner Begabung
durch nnsere Ausstellung nur bestätigt werden. Hübner
hatte ebensvwenig wie sein Lehrer Wilhelm Schadvw
und seine Mitstrebenden und Genvssen Sohn, Hilde-
brandt, Bendemann, Miicke und Lessing von der Natur
die Mitgift des Genies erhalten. Bei Lessing spricht
sich eigentlich nur in seinen Landschaften ein etwas
kräftigeres und ursprünglicheres Naturell aus; bei
Hübner geht jedoch ein kühler, akademischer Zug durch
seine gesamten Schöpfungen. Er mußte seine mühsam
schaffende Phantasie gewissermaßen erst künstlich be-
fruchten und ließ sich demnach meist durch litterarische
Hilfsmittel inspiriren. Er war ein kenntnisreicher,
geist- und geschmackvoller Mann, welcher zwar niemals
! etwas Verfehltes zu stande gebracht hat, aber auch niemals
durch seine künstlerischen Schöpfungen hinzureißen und
zu erwärmen vermochte. Nach seinen ersten Düssel-
dvrfer Gemälden, Welche damals der allgemeinen roman-
tischen Zeitstimmung begegneten und deshalb lebhafte
Bcivnnderung nnd Anerkennuug fauden, ist er nicht
wieder über den Kreis einer verhältnismäßig kleincn
Gemeinde von feingebildeten Kunstfreunden hinaus
verstanden worden. Diese wußten seine Begeisterung
für die Romantik und sein unverbrüchliches Festhalten
an den Traditionen der älteren Düsseldorfer Schule
um so höher zu schätzen, und deshalb konnte Hübner
fast bis an sein Lebensende seine künstlerische Thätig-
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