Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Das Raffael-Jubiläum in Urbino.

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daß es wohl nur wenige lebende Staatsmänner geben
dürfte, gleich geeignet wie der berühmte Parteiführer
des italienischen Abgeordnetenhauses, einen Stoff rein
kunstgeschichtlicher Art mit solcher meisterhaften Be-
herrschung aller Details zu behandeln. Minghetti führte
den ,Entwickelungsgang Raffaels, durch alle Stadien
hindurch, unter Berücksichtigung der dabei in Bctracht
kommenden kritischen Fragen, von der Kindheit bis
zum Lebensende des Meisters in einem zusammen-
fassenden Charakterbilde vor und zeigte namentlich, wie
sich das gesamte geistige Wesen der Renaissance, Welt
und Kultur, nationales und allgemeines Leben der da-
maligen Zeit, in Raffaels universell angelegter Natur
wiederspiegeln, in ihm ihre künstlerische Verklärung
gefunden haben. Die an der Hand kurzer Notizen
srei und feurig vorgetragene Rede fand minutenlangen,
stürmischen Beifall.

Hieran reihten sich die Begrüßungen durch die
zur Feier versammelten Repräsentanzen. Zunächst nahm
der Senator Tullio Massarani das Wort, um an
einige Worte der Beglückwünschung im Namen der
ersten Kammer den Vortrag eines kurzen Festgedichts
auf Raffael zn knüpfen. Unter den Vertretern der
fremden Akademien, Vereine und Behvrden, welche teils
Ansprachen hielten, teils Adressen überreichten, seien
Herr Jüles Comte, Jnspektor der Zeichenschulen
Frankreichs, die Professoren Canon, v. Lützow, als
Vertreter der Künstlergenossenschaft und der k. k. Aka-
deniic in Wien, und Graf V. Wimpffen aus Wien
genannt, welcher letztere den Jacoby'schen Stich nach
Raffaels „Schule von Athen" mit dem reich illustrir-
ten Textbande von Prof. Springer als Festgabe der
„Gesellschaft für vervielfältigende Kunst" überreichte.
Beglückwünschungstelegramme waren von zahlreichen
italienischen Städten und Akademien und auch von
mehreren ausländischen, z. B. aus Darmstadt, Kopen-
hagen und St. Petersburg eingelaufen. Alle diese
Gaben und Grüße, welche den redenden Beweis dafür
lieferten, daß in der That das ganze gebildete Europa
sich mit den Bürgern Urbino's im Geiste vereinigt hatte
zu der seltenen Feier, wurden von der Versammlung
mit jubelnden Zurufen begrüßt. Der Vortrag einer
Kantate von Lauro Rossi (Text von Vincenzo
Romani) mit Orchesterbegleitung bildete den würdi-
gen Beschluß der Feierlichkeit.

Den Beginn des zweiten Festtages machte der
gemeinsame Besuch des Raffael-Hauses, den man am
28. des unfreundlichen Wetters wegeu hatte verschieben
müssen. Diesmal erstrahlte der Himmel im ungetrübten
Blau, und der Zug der Festgenossen bewegte sich vom
Schloß herab durch die bunt geschmückten, mit einer
dichtgedrängten Volksmenge besetzten Gaffen. Das
Geburtshaus des göttlichen Urbinaten kann sich zwar

nicht meffen mit dem stattlichen Familienhause der
Buonarroti in Florenz, aber es ist viel ansehnlicher
als das Häuschen in dem reizvoll gelegenen Pieve di
Cadore, in welchem Tizian das Licht der Welt erblickt
haben soll. Man sieht ihm den ererbten Wohlstand
der Familie Santi an. Aus dem kleinen Bestibül
führt die Stiege rückwärts nach links empor zu dem
ersten Stock, in welchem nach der Straße zu drei
Zimmer sich befinden. Dem mittleren kaun man schou
die Bezeichnung „Salon" geben: es ist ein geräumiges,
zweifenstriges Gemach, mit neu bemalter offener Holz-
decke. Jn dem rechts gelegenen einfenstrigen Zimmer
soll Raffaels Wiege gestanden haben. An der Waud
hängt jetzt das bekannte, von der Mauerfläche ab-
genommene Frescobild mit dem lieblichen Profilporträt
von Raffaels Mutter, Magia Ciarla, mit dem Kind-
chen im Schoß, der Tradition gemäß ein Werk des
Vaters, Giovanni Santi, und wie die meisten Gemälde
desselben zwar kein bedeutendes, aber ein von feincr
Grazie angehauchtes Bild, welches uns wie eine Vor-
ahnung der Madonnen Raffaels berührt. — Nachdem
das Gemach mit Kränzen geschmückt war, schieden die
Festgenoffen von der geweihten Stätte, um die zur
Preisbewerbung für das Raffaeldenkmal in Urbiuo
eingelausenen Projekte, welche mehrere Sale desSchlosscs
füllten, in Augenschein zu nehmen. Es soll hier dem
zu gewärtigenden Richterspruche der Jury nicht vor-
gegriffen werden. Soviel aber schien uns aus der
freilich nur oberflächlichen Betrachtung der Entwürfe
hervorzugehen, daß keinem derselben ein hoher künstleri-
scher Wert beigemeffen werden kann. Die meisten sind
recht unbedeutend; auch an wahren Monstrositäten, dcn
Gebilden wunderlicher provinzialer Künstlerphantasie,
fehlt es nicht.

Die beiden Festdiners, welche am 28. und 29. im
„Saal des Ariost" stattfanden, erhielten ihr würdi-
ges Gepräge durch eine Reihe von Toasten der ein-
heimischen und fremden Teilnehmer. Bei dem ersten
Nlahle nahm Minghetti den Ehrenplatz ein; cr
toastete, in sinnreicher Erinnerung an die edlen
Fürstinnen, welche einst die Räume des alten Schloffcs
bewohnten, auf die Damen von Urbino; als Ber-
treter des italienischen Unterrichtsministeriums nahm
der Generalsekretär Settimio Costantini das Wort,
um der Stadt die Unterstützung des Staates bei dcr
Errichtung ihres Rafsaeldenkmals zuzusichern; Herr
Jules Comte hielt eine Ansprache in französischer,
Prof. v. Lützow und Graf Wimpffen toastirten in
italienischer Sprache im Namen der von ihnen ver-
tretenen Anstalten und Korporationen. — Am Abeud
des 29. fand sodann, wiederum im großen Saale dcs
Schloffes, eine niusikalisch-deklamatorische Akademie statt,
zu der auch die Damen der Stadt, — wir nennen
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