Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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18. Iahrgang.
Beiträge

sind an j)rof. Dr. L. von
Lützom (Wien, There-
fianunlgasse 25) oder ail
die verlagshandlung in

26. April

Nr. 28.

Inscrate

a 25 j->f. für die drei
Mal gespaltene j)etir-

1883.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Noue Lrwerbungen der Berliner Gemäldegalerie.

Fast zu gleicher Zeit »>it dem Dürerpvrträt der
Sammlung Narischkine l>at das Berliner Musenm
zwei ausgezeichnete Werke von Rembrandt erworben,
welche zwar in der Litteratur (durch Smiths Oata-
loZuo rnwouno) bekannt waren, von deren Berbleib
man aber nichts wnßte, bis sie vor kurzem auf eng-
lischen Aussteltungen von Gemälden alter Meister ans
dem Privatbesitz austanchten. Vvn deutschen Gelehrten
hat sie wohl nur vr. W. Bode gekannt, welcher sie
in den soeben erschienenen „Studien zur Geschichte der
holländischen Malerei", deren Kern eine meisterhafte
Darstellung von Rembrandts künstlerischem Ent-
wickelungsgang bildet, auf S. 482 und 485 näher
charakterisirt hat. Das eine derselben stellt „Susanna
im Bade von den Alten belanscht" dar nnd ist mit
lkonrbranät b. 1647 bezeichnet, das andere die„Vision
des Daniel". Dieses Bild ist nicht bezeichnet. Jn-
dessen sprechen innere und äußere Gründe dafür, daß
es um 1650 entstanden ist. Beide Gemälde befanden
sich im vorigen Jahrhundert im Besitze des englischen
Nialers Sir Joshna Reynolds (h 1792). Jm Jahre
1769 wurde das erstere von Earlom in Schwarz-
knnstmanier gestochen. Nach Reynolds' Tvde wurden
die Bilder bei der Versteigerung seines Nachlasses im
Jahre 1795 von einem Baronet Lechmere erworben,
in dessen Familie sie bis zuletzt geblieben sind. Der
jüngste Besitzer war Sir Edmund Lechmere in The
Rydd.

1) Vosmaer nennt in seiner Rembrandtbiographie S. 214
sälschlich die Jahreszahl 1641.

Ein günstiger Stern hat über diesen Bildern ge-
Ivaltet. Sie sind ebensvsehr von jeder Beschädigung
wie von jeder fremden Hand verschont gebliebcn. Nur
die „Vision des Daniel" ist in der Farbe etwas stumpf,
in den Schatten etwas trüb gewvrden vder „ver-
sunken". Dagegen erglänzt das andere Bild in seiner
ursprünglichen Farbenpracht, was um so höher zu
schätzen, um so freudiger zu begrnßen ist, als dasselbe
zu den farbigsten und doch stimmungs- und harmonie-
vollsten Bildern gehvrt, Ivclche Rembrandt jemals ge-
nialt hat. Daß der damals vierzigjährige Meister
diese Snsanna mit großer Liebe ausgeführt hat, be-
weisen zwei nvch vorhandene Borstudien. Die eine
ist das Brustbild eines nackten Mädchens, welches der
Maler Bonnat in Paris 1880 auf der Bersteigerung
der Sammlung His de la Salle erworben hat, die
andere eine in das Bad steigende Susanna mit land-
schaftlicher Umgebung, welche mit der Galerie La
Caze in das Louvre gekommen ist. (Spezialkatalog
Nr. 97). Die beiden Alten sind auf diesem Bilde
nicht sichtbar, welches für seinen Zweck auch skizzen-
haft in einem bräunlichen Gesamttone gehalten ist,
während unser Bild eine vollkommene Harmonie
zwischen der individuellen Wirknng der Lokaltöne und
der symphonischen Krast des Helldunkels repräsentirt.

Susanna ist eben aus einer Felsgrvtte heraus-
getreten, welche nach vorn von einer Marmorbank
abgegrenzt wird, und hat einen Fuß in das Wasser
gesetzt, das sich vou rechts nach links bis in den Mittel-
grund ausdehnt, wo aus dem nmbuschten Ufer ein
phantastischer Palast austancht, in dessen Architektur
maurische und Renaissanceelemente vermischt sind. Über
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