Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Laokoonstudien.

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Bild nicht das Pvrträt des letzteren sein, da Zeich-
nung und Bild keine Ähnlichkeit init einander haben.
Svweit Direktor Mcyer bis jetzt erinittelt hat, geht
die ilberlicfernng, daß das Pvrträt das des Jakob
Muffel ist, nicht über das vorige Jahrhundert hinaus.
Es wird die Aufgabe Kundiger sein, die Sache weiter
zu verfvlgen. Wir aber in Berlin srcuen uns, endlich
einen wohlerhaltenen, echten Dürer heimgeführt zu
haben, außer dem Holzschuher den cinzigen, der über-
haupt noch zu haben ist.

Adolf Roscnbciff.

Laokooiistudien.

Lrwiderung.

z sHerr Veit Valcntin hat auch das zweitc Heft
meiner „Laokoonstudien" einer eingehenden Besprechung
in diesen Blättern gewürdigt (Nr. 24 ff.). Hierauf
ebenso eingehend zu antworten, liegt niir um so ferner,
als bei dem diametralen Gegensatze unserer ästhetischen
Prinzipien an eine Einigung auch nicht entfernt zu
denken wäre. Jch würde gern auf cine Erwidernng
verzichtet haben, wenn nicht der eine Vorwurf, welchen
mir Herr Valentin macht, unbedingt eine Zurück-
weisung verlangte; denn unbegründete Behauptungen,
falsche Prinzipien, Mangcl an Logik u. dgl. kann man
sich wohl ruhig vorwcrfen lasscn, zumal in ästhctischen
Fragen, wo strikt-mathematische Beweisführung un-
mvglich ist; nicht aber grobc Fehler nnd Mißver-
ständnisse.

Herr Valentin beschuldigt niich (S. 428), Lessing
rücksichtlich seiner Vorschrift über die Wahl des srncht-
barsten Momentes mißverstanden zu haben. „Blümner
macht das seltsame Mißverständnis, daß er die von
Lessing so deutlich bezeichnete „hvchste Staffel des
Affektes", über welcher es „weiter nichts" giebt, als
gleichbedeutend nininit mit dem „äußersten Moment
einer Handlung", daß er überhaupt den aktiven Be-
griff „Handlung" und den passiven „Affekt" einander
gleichsetzt und dadurch zu der Auffassung kommt, als
habe Lesfing mit seinem Beispiel Vom rasenden Ajas
zeigen wollen, daß auch ein späterer Angenblick in
diesem Sinne fruchtbar sein könne, indem die arbeitende

Phantasie rückwärts geht" u. s. w.„Die ganze

Ausfassung des späteren Momentes ist erst durch das
Mißverständnis von „Höhepunkt der Handlung" und
„höchste Staffel des Affektes" entstanden, und Lessing
hat nichts damit zu thnn. Selbstverständlich bleibt
durch eine derartige Erklärnng Lessings Gesetz durchaus
unberührt. Wenn man Lessing bekämpfen will, muß
man ihn erst verstehen. Von dem Kommentator des
Lessingschen Laokoon wäre das allerdings zu erwarten.
Die Thatsache spricht dagegen."

Dies wäre allerdings traurig, wenn es sich so
verhielte, und ich thätc dann wohl am besten, die nvch
übrigen Epemplare meiner Laokvvn-Ausgabe einstampfen
zu lasscn. Aber glücklicherweise biu nicht ich es, der
Lessing mißvcrstanden hat, sondern Herr Valeutin, wo-
für ich im Fvlgenden den Bewcis liefern ivill.

Herr Valentin wirft mir alsv Vvr, „Handlung"
und „Affekt" vhne weiteres gleichgesetzt zu haben. Daß
Handlung und Affckt nicht dassclbe sind, wciß ich
natürlich so gnt wie Herr Valentin; ich habe anch
keineswegs bcide Begrifse gleich gesetzt, sondern nur
die höchste Staffel der Handlung mit der höchsten
Staffel des Affektes; und das aus dem sehr einfachen
und sehr triftigen Grunde, weil bei jeder mit Affekt
verbundencn Handlung die höchste Staffel der Hand-
lung zugleich auch die höchste Staffel des Affcktcs ist.
Wvhlgcmcrkt: die höchste Staffel der Handlung, nicht
die letzte; Herr Balentin begeht den Jrrtum, dies
beides zu verwechseln oder wenigstens mir diese Ver-
wechselung stillschweigend zu imputiren. Wie aber
beim Drama der höchste Punkt der Handlung, die
Peripetie, noch keineswegs den Endpunkt derselben be-
zeichnet, so auch bei jeder vvn der Kunst dargestellten
Handlung. Unterscheidet man die höchste Staffel einer
Handlung von der letzten, so wird man finden- daß,
Ivie gesagt, die höchste Staffel der Handlung und des
Affektes zusammenfallen. Natürlich kommcn solche
Handlungen, die nicht mit Affekt verbunden sind, dic
ohne Erregung der Seele vollbracht werden, hier nicht
in Betracht; bei diesen kann es sich eben nur um die
höchste Staffel der Handlung allein handcln. Solcher
Art sind aber die Lessingschen Beispiele nicht. Sehen
Ivir uns dicsclben näher an!

Betreffs des Laokoon sagt Herr Valcntin, Lessing
sprcche nicht von Aklivn, sondern vou Affekt; er
bezeichnc als die höchste Staffel des Affektes den Tod
Lavkvons. Falsch; Lessing bezeichnet als die höchste Staffel
des Affektes das Schreicn Laokoons; der Tod ist dic
letzte Stufe der Handlung: ein, wie Lessing sagt,
„leidlicherer, folglich uninteressanterer Zustand"; wie
könnte Lessing einen solchen Zustand als „höchste Staffel
des Affektes" bezeichnet haben? — Ob man aber hier
Aktion oder Affekt sagt, bleibt sich gleich. Denn auch
in der Aktion des Laokoon ist sein Schreien, wenigstens
nach der Auffassung Lessings, welcher unmittelbar
darauf den Tod cintretcn läßt, die höchste Staffel; im
Augenblick des Todes aber ist Laokoon nicht mehr
handelnd; sein Tod ist vielmehr das Ende. — Ferner
die Medea: höchste Staffel der Handlung und des
Affektes ist die Tötung der Kinder; Handlung und
Affekt sind damit noch keineswegs zu Ende, aber beide
sinken von ihrer Höhe herab. llnd es ist keine Jn-
kvnseguenz, wenn man bei der Medea die Tötung
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