Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunsttitteratur. — Kunsthiswrisches.

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Schreien

Ächzeu

Lod

Valentin frcilich versteht dcn Anödruck „Stuse" ivvrt-
lich und indcm cr sich die Stusen dcö Asfelteö beini
Lavkvvn sv denkt:

^Tod

Schreien anstatt:

Ächzen

kvinnit er zn der vben bestrittenen Ansicht, daß Lessing
dcn Tvd Lavkvvns, nicht sein Gcschrei, als die hvchste
Stnfe des Affcktes betrachte. Das Schreien dcs
Lavkovn ist bekanntlich der Ausgangs- und zugleich der
Kardinalpunkr des ganzen Lessingschen Bnches. Ob
jemand, der diesen Hauptpnnkt verkennt nnd dic Ent-
deckung niacht, Lessing wvlle beweisen, warnm Lavkvvn
nicht tvt dargestellt ivvrden sei, das Rccht hat, über
die Arbeiten deS Unterzcichnetcn vvm hvhcn kritischen
Dreifuß herab abzuurteilen, dariiber iiberlasse ich dic
Entscheidnng ruhig dcn Unparteiischen.

Hugo Btümnci.

Aunstlitteratur.

Musterbücher sür weibliche Handarbeit. HerauS-
gegebcn Vvn der Redaktion der Mvdenwelt. —
Muster altitalienischer Leincnstickerei. I. u. II.
Sammlung. Gesammelt und herausgegeben Vvn
Frieda Lipperheide. Berlin, Franz Lipperheide
1881—1883. Das Heft 6 Mark.

Das Bestreben der Redaktion der „Mvdenwelt",
auf dcm Gebiet der weiblichen Handarbeiten mvglichst
durchgreisend zu reformircn, ist von ganz ungewvhn-
lichem Erfvlg gekrvnt wvrdcn. Es ist der Redaktion —
vder eigentlicher Fran Frieda Lipperheide, der kunst-
sinnigen Herausgeberin der „Modenwelt" — nicht bloß
gelungen die alten stil- und geschmacklosen Muster auf
jencm Gebiet zu verdrängen, indem sie es verstand
gute und praktisch leicht verwendbare aus dem Schatz
vvrhandenen alten Materials ans Licht zu ziehen und
neu zu beleben, sondern sie hat dadurch zugleich im
großen Publikum den Sinn für weibliche Handarbeit
verbreitet vder geradezu neu erweckt. Nicht zuni ge-
ringsten haben dazu die „Musterbücher für weibliche
Handarbeit" bcigetrageu, deren erste drei „Samni-
lungen", „Muster altdeutscherLeinenstickerci" enthaltend,
in kurzer Zeit eine erhebliche Anzahl von Auflagen
erlebt haben. Jenen zum Teil vvn Julius Lessing
gesammelten, heute in mehreren hunderttausend Exem-
plaren verbreiteten Mustern sind nun zwei Samm- ^
lungen „Muster altitalienischer Leinenstickerei" ^
gefolgt, welche in gleich vortrefflicher Ausstattung auf,
60 Tafeln 14 l Muster mit reich illustrirtcin Text eut-
halteu.

Es handelt sich in diescn beiden Samnilungcn
nicht ausschließlich nm Mnster italienischcr Prvveuienz,

svndern es haben auch die auf diesem Gebiet stark Vvn
Jtalien abhängigen Jnseln nnd Küsten des Mittcl-
mecrcs ihre Muster beigcstencrt. Neben mannigfachen
neuen Motiven in der Ornamcntirung bieten die kunst-
vollen Erzeugnisse jener Gegcndcn' auch eine Reihe
neuer Stickweisen, die allerdings nur Abarten des Kreuz-
stiches sind, aber den Mustern ein rcicheres, wirkungs-
volleres Ansehen verleihen. Über die Herstellung dieser
ncuen Sticharten, das Material uud die Technik giebt
der schlicht und klar geschriebene Text, unterstützt durch
cine große Anzahl trefflicher Holzschnitte, eingehende
AuSkunst. Endlich ist es cin bcsonderes Berdienst der
Herausgcbcrin, daß sie immer wieder anf die Um-
bilduugsfähigkeit und praktische Verwendbarkeit der
Muster für nnsere mvdernen Bedürfnisse hinweist und
dadurch vor mechanischem Kvpiren oder einseitiger
Verwendung dcrselbcn warnt.

Nebcn den praktischcn Zwecken, wclche die „Muster-
bücher" Verfvlgcu, habeu sie aucheinen bedeutenden wissen-
schaftlichen Wert, insofern sie durchweg Anfnahmeu alter
Originale, vhne jede Änderung vder Zuthat sind. Die
Zerstreutheit des Materials in wenigen vffentlichen und
Privat-Sanimlungen, wo es uur bcschränkterBenutzung
zugänglich ist, svwie die Vergänglichkeit der Originale
lassen die Arbeit der Herausgcberin um so verdienst-
voller erscheinen. Durch die allmähliche weitere Aus-
dehnung, welche das Ilnternehmen gewinnt, entsteht ein
Thesaurus vvn Stickmustern, von größtem Wert als
Hilfsmaterial für kunstwissenschaflliche Studien, für
welchen der Herausgeberin und dem Berleger auch dic
Männer der Wissenschaft zu Dank verpflichtet sind.

Restauratio» un- Pandalismus. Diesen Titel führt eine
kleine Schrist von Heinrich DeiterS (Düsseldorf, Bagel),
ivelche mit gerechter Entrüstung auf die an dein ehrwiirdigen
Dome zu Miinster begangenen Restaurationssünden hinweist.
Es iväro sehr zu wünschen, daß die warmen Worte, init
denen der Verfasser für die Erhaltung alter Kunstdenkmäler
eintritt, an der Stelle Beherzigung fänden, von welcher auS
am ivirksamsten der übertriebenen Restaurationssucht gesteuert
werden kanu.

Aunsthistorisches.

L. I'. Zcrg Ratgcb, Malcr von Lchwäbisch-Ginüiid.
Durch die gründliche Forschung des Frankfurter Kunstschrift-
stellers Otto Donner von Richter wurde dieser bedeutende,
zu Aufang des 18. Jahrhunderts thütig gewesene Meistcr
wieder entdeckt, nachdem er Jahrhunderte lang gänzlich ver-
schollen ivar und seine Werke unter einem ganz anderen
Künstleriiamen, nämlich unter dem Nainen „Schwed", liefen.
Man denkt dabei unwillkürlich an den Vers:

„Denn in den meisten Fällen
Schleppt sich ein inißverstand'nes Wort
Stets wieder abgeschrieben fort,

— Wir nennen das die QuellenL'

So ging es auch mit dem guten Meister Schwed, der zum
erstenmal auftritt in einem Frankfurter Aianuskript ,,F.unal88
leiMliiioao 1''ram!utiirtsn8i8", verfaßt von dein I84!> ver-
storbenen Frankfurter Patrizier Joh. Maximttian zum Jungen.
Dort heißt es: „Anno lölö ist der Creutzgang zu den Car-
ineliten durch I. R. M., von Schwed genannt, gemnlt wordsn."
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