Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die malerische Ausschmückung der neuen Museen in Wien-

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angelo mit der Figur des Adam von der Decke der
Sixtinischen Kapelle oder Tizian mit einer liegenden
nackten weiblichen Figur), zum Teil in großen Porträt-
medaillons, welche von nackten Gestalten getragen
werden (Velazqnez, Rembrandt). Jn der einen großen
mittleren Liinette sehen wir die allegorische Gestalt des
Ruhmes, eine weit überlebensgroße sitzende weibliche
Figur, welche in den seitlich erhobenen ausgestreckten
Armen vergilbte Palmzweige hält. Eine große Tuba
liegt auf ihrem Schoße. Zu beiden Seiten der großen
Figur je ein Genius mit einer Tafel, worauf links
die Madonnengestalt der Sixtina, rechts die Figur von
Raffaels Galatea erkannt wird.

Das gegenüber von dem beschriebenen Gemälde
aufzustellende Lünettenbild zeigt einen ähnlichen Gegen-
stand.

Auch Canon hat die Arbeit an den ihm zur
Ausführung übertragenen Lünettenbildern des natur-
historischen Museums bereits begonnen. Die Stoffe
der Darstellungen sind: 1) Jnduktive Wissenschaft, 2)
Astronomie, 3) Deduktive Wissenschaft, 4) Botanik,
5) Mathematik und Physik, 6) Zoologie, 7) Minera-
logie, 8) Geologie, 9) Paläontologie, 10) Chemie,
11) Vulkanismus nnd Erdmagnetismus, 12) Tier-
und Pflanzengeographie. Diese Darstellungen werden
sich an den Wänden des Treppenhauses in der Weise
verteilen, daß 1, 2 und 3 sowie 7, 8 und 9 an den
Schmalseiten, die übrigen an den Langseiten des recht-
winkeligen Prachtraumes Platz sinden; 5 und t t bilden
die größeren Lünetten in der Mitte der Langseiten.
Die Skizzen für diese Bilder und für das große Decken-
gemälde sind längst abgeliefert. Vollendet von den
Bildern selbst hat Canon Physik und Mathematik,
induktive und deduktive Wissenschaft. Letztere ist ver-
sinnlicht durch eine mächtige Frauengestalt, welche auf
einer von einem Putto gehaltenen Tafel schreibt. Auf
einer Rolle daneben Jnschristen, welche sich auf moderne
Naturanschauung beziehen (Gesetz von der Erhaltung
der Kraft und Bedeutung der Bewegung in der Natur).
Die induktive Wissenschaft wird ebenfalls durch eine
weibliche Gestalt dargestellt, welcher ein Putto bei-
gegeben ist. Sie betrachtet einen Krystall und ist
von Produkten der verschiedenen Naturreiche umgeben.
Physik und Mathematik endlich sind abermals durch
je eine weibliche Figur zur Darstellung gebracht. Die
üblichen Embleme lassen über ihre Deutung keinen
Zweifel aufkommen.

Es erübrigt noch, von dem großen Deckengemälde
zu sprechen, für dessen Ausführung auch Canon sein
Atelier verlassen muß, um ius Künstlerhaus überzu-
siedeln. Das Kommen und Gehen alles Organischen,
alles Jrdischen soll hier Gestalt gewinnen: der Kreis-
lauf des Lebens. Die Aufgabe ist großartig und be-

greiflich die Neugierde, zu erfahren, wie Canon dieselbe
lösen werde. Was der Maler an Figuren vorsühren
wird, ist etwa folgendes: im Vordergrunde eine sinnende
Figur, der Gedanke, der das Rätsel des Lebens zu
lösen sucht. Über eine hoch aufragende Felsbrücke be-
wegen sich die übrigen Gestalten. Rechts entquillt das
junge Leben und entwickelt sich zur Reife; Kinder,
Jünglinge, Jungfrauen und Gestalten des kräftigsten
Alters steigen nach aufwärts, in ihren Bewegungen
das Streben nach Hab und Gut, nach Ruhm und
Macht zum Ausdrucke bringend. Ganz oben auf der
Brücke zwei Reiter im Kanipfe; links Absturz, Hin-
sinken in den Tod. Jm Schatten des Brückenbogens
lagert die Sphinx.

Jn betreff der Gemälde für das Hochparterre des
uaturhistorischen Museums begnügen wir uns mit einer
einfachen Aufzählung der Gegenstände und der mit
der Ausführung betrauten Maler, weil ein Überblick
über den Entwickelungszustand dieser Bilder heute noch
nicht zu gebeu ist. Das Programm für die Gemälde
wurde erst im Juni vorigen Jahres festgestellt und
genehuiigt. Es sollen also ausgeführt werden von
Jul. v. Blaas: Büffeljagd, Brasilianischer Urwald,
Jndianerlager; von H. Darnaut: Jdealbild der Stein-
zeit (nach I. Selleny's bekanntem Bilde); von L. H.
Fischer und A. Groß: Jdealbild der Pfahlbauten
im Laibacher Moor, Jnscl Philä, Nil-Landschaft mit
ethnographischer Staffage, Ethnographische Gruppe aus
Central-Afrika, Landschaft aus Süd-Afrika; von Carl
Hasch: zwei Hvhlenbilder, Ansicht des keltischen Gräber-
feldes von Hallstadt mit dem Rudolfstürm im Vvrder-
grunde; von Jos. Hoffmann: Jdealbild der Stein-
kohlen-Periode, der Jura-Periode, der Tertiär-Periode,
llons rsliKioss. und indische Volkstypen, Baobabbaum
(West-Afrika); von E. v. Lichtenfels: Dittersbacher
Felskessel, Schlern mit den Erdpyramiden, Großer Fisch-
see in der Tatra, Karst-Dolline, Dänisches Hünengrab,
Bild aus einer Eishöhle in den Karpathen, Basaltfetsen
beiAussig, der Borschen bei Bilin; vonA.Obermüllner:
Plöckelsteinersee im Böhmerwalde, Kaiser Franz-Josefs-
Gletscher, die südlichen Gebirge Neuseelands; von H.
Otto: Mastodon und Dinotherium, Mammut; von
F. Pausinger: drei Bilder aus Ägypten und Palästina
zur Erinnerung an die Reise des österreichischen Kron-
Prinzen; von I. Payer: Kaiser Franz-Josefs-Land,
zwei Bilder mit Scenen von der österreichisch-ungarischen
Nordpol-Expedition; von A. Schäffer: Nordameri-
kanische Landschaft, Kordillerenkette, Riesendamm an
der Küste von Jrland, Ansicht des Rotomahana auf
Neuseetand, zwei Bilder mit thätigen Vulkanen; von
3. E. Schindler: Die Felsentempel von Mahama-
laipur (nach Selleny), Tempelbild aus Border-Jndien,
Tempelbild aus Siam; von Al. Schönn: Markt in
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