Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur,

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gleichen wüßten. — Nicht zn vergessen die mit Recht
im ersten Saal Placirte Terrakottastatue des hoch-
begabtenArthur Strasser! Der Künstler hat sich neuer-
dings auf orientalische Typen geworfen und führt uns
in seiner mit stannenswertem Naturalismus behandelten,
polychrom bemalten Figur einen „Arabischen Wasser-
träger" in der vollen Originalitcit der Hautfarbe und
Tracht vor Augen. Schön ist der ellenlauge Kerl
nicht, aber stupend gemacht! Die verschiedentlichen
Türken nnd Mohren in den moderncn Salonecken
werden das Feld räumen müssen, wenn dieses „Genre
Strasser" bekannter wird. ?. ll'.

Aunstiitteratur.

Die Bauhütte. Entwürfe im Stile des Mittcl-
alters. Angefertigt von Studirenden unter Leitung
von Carl Schäfer, Dozent an der königl. techni-
schen Hochschule zu Berlin. I. Band: Kirchenbau.
Berlin, E. Wasmuth. Fol.

Hofrat Professor C. Graff hat in seiner Pnbli-
kation von Schülerarbeiten der königl. Kunstgewerbe-
schule zu Dresden eine solche Veröffentlichung zu den
„gewagtesten Unternehmungen" gerechnet, und sein
Rezensent in unserer Zeitschrift ist mit Recht weiter-
gegangen und hat gesagt: „sie sind ganz verwerflich,
wenn nicht Gründe exceptioneller Art vorliegen, die
sie rechtfertigen." Es ist ein Unterschied zn machen
zwischen buchhändlerischen Publikationen und Ver-
öffentlichungen, die nur den Mitgliedern eines Vereines,
den Schülern einer Lehranstalt, den Teilnehmern eines
Klubs zugänglich werden. So hat der Architekten-
verein zu Berlin seit Äahren seine Monatskonkurrenzen
und die preisgekrönten Entwürse der Schinkelfestkonkur-
renzen veröffentlicht und unter seine Mitglieder ver-
teilt, so giebt der Jntime Klub Entwürfe heraus, so
die Wiener Bauhütte ihre schönen Aufnahmen sowie
Entwürfe und ausgeführte Bauten der Wiener Meister,
so erscheinen und erschienen an verschiedenen Polytechni-
schen Schulen instruktive Projekte aus den Jngenieur-
fächern. Alles dieses hat Sinn und Berechtigung,
ebenso wie das Herbeiziehen von Schülerarbeiten zur
Jllustration von Festschriften bei Säkularfeiern, wie
deren auch der Rezensent der Graffschen Publikation
gedenkt. Aber die Sucht mancher Professoren, mit
ihren Schülern vor der Öffentlichkeit durch Aus-
stellung von mehr oder weniger hübsch gezeichneten
Schülerentwürfen zu renommiren, ist ein Verderb alles
Architekturunterrichts. Angesichts solcher Publikationen,
wie sie an verschiedenen Lehrinstituten in Mode komnien,
frägt man sich unwillkürlich: wie viel davon kommt denn
auf Rechnung des Schülers, wie viel auf Rechnung des
Lehrers? Wem sind die Mängel in der Ersindung,

die ungeschickten Verarbeitungen von Motiven, Wem
die schlechten Verhältnisse zuzuschrciben, dem Lehrcr
oder dem Schüler? Solche Schiilerentwürfe leiden
stets an zwei Grundfehlern: man sieht es ihnen zumeist
an, daß der Autor kein Künstler ist, der seinen Stoff
zu beherrschen weiß, sondern ein Schüler, der seine
Motive weiß Gott welcher Quelle entnimmt und zu
einem Ganzen von oft höchst zweifelhaftem Wert ge-
waltsam vereinigt. Man sieht es ihnen ferner an, daß
der Schüler phantasievoll zu sein glaubt, wenn er
möglichst viele Motive, die einmal in seinen Gesichts-
kreis sielen und in seinem Gedächtnis haften geblieben
sind, an einem und demselben Objekte anbringt, gleich-
viel, ob sie zusammenpassen oder nicht. Dazu kommt
dann noch die Originalitätssucht, das Haschen nach
pikanten Effekten, die verkünstelte Zeichenmanier, welche
dem Kupferstich oder dem slotten Aguarell nahe kommen
möchte und die noch durch das neuerdings so beliebte
Lichtdruckverfahren unterstützt wird.

Anch an der technischen Hochschule zu Berlin ist
die Herausgabe von Schülerentwürfen in den letzten
Jahren beliebt worden; es liegen Jahrgänge mittcl-
alterlicher und Renaissance-Entwürfe vor, die unter
Leitung der Professoren Otzen und Raschdorff entstanden
sind und mehr oder weniger die gerügten Mängel an
sich tragen, obwohl mancher hübsche Gedanke, manches
vriginelle Motiv, hier und da auch ein künstlerisch ab-
gerundeter Entwurf darunter zu finden ist.

Gewiß zeugen diese Arbeiten von dem guten Willen
der Lehrer wie der Schüler, etwas Tüchtiges zu leisten,
gewiß auch von anerkennenswerter Befähigung einzelner
über dem Durchschnittsmaße der Begabung stehender
Zöglinge. Aber als Bauschule ist gerade die technische
Hochschule zu Berlin vorerst nicht die geeignetste, um das
architektonische Entwersen so zu betreiben, wie es eine
höhere Lehranstalt thun sollte, und zwar darum nicht,
weil der Zudrang zu dem Staatsexamen jedes gründ-
lichere Architektur-Studium unmöglich macht. Man
kann es den Studirenden nicht verdenken, wenn sie
möglichst rasch dcn hochgestellten Anforderungen des
Staatsexamens soweit zu genügen suchen, um wenig-
stens nicht durchzufatten, und daß sie da nicht bei
Dingen lange verweilen, die ihnen nicht direkt im
Examen zu gute kommen, sie mögen noch so wertvoll
sür ihren Beruf und fürs spätere Leben scin. Nur
Akademien, wie diejenigen von Wien, Dresden, Paris rc.,
welche gar nicht vder doch nicht vorherrschend die
Staatsexamina im Auge haben, können den Unterricht
im Entwerfen so einrichten, wie er sein soll, daß er
nämlich in den unteren Kursen dem Durchschnittsmaß
der Begabung der Schüler entspricht und sie weit genug
sördert, um sie zum Bearbeiten bescheidener Entwürfe
aus dem Baubüreau zu befähigen, daß er aber in den
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