Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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OoinsniLs. vom 28. März), deren ungencinnter Ber-
fcisser unseren Nürnberger Meister seinen Landsleuten
allen Ernstes als hvlländischen Maler und Reformator
der „souola tmrnininKs." vorführt.

P. Schönfeld.

Aunstlitteratur.

vo kliristsliglrs Lunst (L'art Llirstisn) in HoIIanü
sn VIas.näsrsn van äs Osbrosäsrs van U^olr
tot aan Otlio Vsnins en Uourbus, voorZsstslt in
äsrtiA stg.s.1p1g,t6n sn dssolrrsvsn äoor 0. Ilä.
lanrsl. ^instsränin. I?r. Lutks, L 2onsn. I. u.
II. Band.

Es ist nichts weniger als eine Geschichte der
christlichcn Kunst in den Niederlanden, was der Heraus-
geber mit diesem Werke zn publiziren beabsichtigte; es
ist nur eine Reihe von Aufsätzen, wetche Biographien
der hervorragenderen niederländischen Maler des 15.
nnd 16. Jahrhunderts zum Gegenstande haben. Wir
orientiren den Leser viclleicht am besten über den Jn-
halt deS Buches, wenn wir ihm zunächst die Titel
der einzelnen Aufsätze und die Namen der betreffenden
Verfasser derselben mitteilen. Nach cincr einlcitenden
Abhandlung über die Anfänge der christlichen Kunst
in. den Niederlanden von C. Ed. Taurel folgen.
Hubcrt und Jan van Ehck, von Ad. Siret und
T a u r e l. Ein Artikel über ein im Muscum zn Amster-
dam befindliches Bild, eines angeblich unbekannten
Meisters, „Das Sühnopfer des nenen Testaments" ge-
uannt, von I. A. Alberdingk Thijm; ferner:
Petrns Cristus von W. H. James Weale; Rogcr
van der Weydcn von Taurel; Gcrard David von
Weale; ein Aufsatz über niederländifche Miniaturen
von W. Moll; Dirck Bouts von Taurel; Hans
Memlinc von Weale; Jan Gvssaert von Sleeckx;
Jan Prevost von Weale; Quentijn Metsijs von
Jonas van Langendahl; Cornelis Engelbrechtsen
von Taurel; Joachim de Patenir von P. Gänard»
Lancclot Blondecl von Weale; Lucas Huigens van
Leyden von Taurel; Jan Joosten van Calcar von
demselben; Barend van Orley von P. Gvnard; Jan
van Scorel von Taurel; Jan Mostaert von Sleeckx;
Maarten van Heemskerk von Taurel; Michiel van
Coocxijcn von P. Gsnard; Anthonie van Montfoort
von Taurel, Hendrik Goltzius und scine Schule vvn
demselben, die Glasmalerei in den Niederlanden von
W. Moll; Dirck Barentsen von A. D. de Vries.
Otho Venius und die drei Pourbus wieder von Ta urel.

Wie schon die Namen der Autoren verraten, ist
der Wert der einzelnen Arbeiten ein sehr verschiedener;
als die besten müssen unstreitig die aus der Feder
James Weale's herrührenden bezeichnet werden. Die

meisten crheben sich wenig über das Niveau gelungener
Journalartikel, in welchen das allgemein bekannte, vor-
handene Material mit größerem oder geringerem Ge-
schick verarbeitet wird. Die beiden Aufsätze über die
niederländischen Miniaturen und über die Glasmalerei
von W. Moll enthalten einige neue Thatsachen, und
bekunden einen in kirchengeschichtlichen und dogmatischen
Angelegenheiten unterrichteten Autor. Als ein wesent-
liches Verdienst des Herausgebers ist aber die Repro-
duktion mchrerer Gemälde durch den Stahlstich zn
bezeichnen, welche bisher in keinem historischen Werke
Aufnahme gefunden haben. Der Herausgeber hätte
hier allerdings mit noch größerer Sorgfalt vorgehen
und die Nachbildung einiger ziemlich wertlosen Pro-
dnkte der italicnisircnden Manier des 16. Jahrhunderts
ganz vermeiden können, abcr es war ihm eben darum
zn thun, jedcn der erwähnten Meister zu illustriren,
und in Anbetracht dessen sind ihm die Stiche nach Ge-
mälden von Covcxijen, Moutsoort, Otho Venius, Patenir
und anderen zu gute zu halten. Ganz verwerflich ist
die Wahl zweier unbedingt falscher Bilder von Lucas
van Leyden. Auch der Aufsatz über diescn Künstler
enthält einige eigentllmliche Wendungen. So findct
Taurel beispielsweisedas Hauptbild des Meisters, „Das
jüngste Gericht" im Museum zu Leyden, „leer nnd des
Meisters nickt würdig", und die beiden, von ihm
rcproduzirten Kompositionen demselben weit vorzu-
ziehen. Wir können uns darüber in keine Kvntroverse
einlassen, aber jedenfalls ist das „Jüngste Gericht"
das größte und bedeutendste Werk, welches Lucas gemalt
hat, und es muß mit seiner silberhellen Lokalsarbe an Ort
nnd Stelle einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht
haben; dagegen sind die beiden von Taurel reprodu-
zirten Bilder, ein „Letztes Abendmahl" und ein „Ber-
rat des Judas", spätere Fälschungen, die nach den
Kupferstichen deS Lucas van Leyden gepinselt wurden.
„Jch habe die Stiche", sagt Taurel selbst, „durchgc-
paust und diese Pansen auf die Bilder gelegt, welche
damit bis in die kleinsten Details übercinstimniten!"
Darüber freut sich Taurel, und übersieht, daß der
Maler der beiden Falsifikate es ganz genau ebenso
gemacht und die Umrisse seiner Bilder nach den Stichen
durchgepaust hat. Warum sollteu demnach diese Mach-
wcrkc nicht mit den Kupserstichen stinimen? Taurel
hätte sich in der That ein größeres Verdienst erworben,
wenn er statt dieser Falsifikate das „Jüngste Gericht",
welches nur einmal vor langer Zeit von Delphos in
Umrissen gestochen wurde, reproduzirt hätte. Die Auf-
sätze Taurels leiden Uberhaupt an bcdenklicher Un-
kenntnis. Jm Artikel Uber Cornelis Engelbrechtsen
wird beispielsweise der Flügelaltar der Belvederegalerie,
den einmal vor hundert Jahren van Mechel, in Ver-
legenheit um einen besseren Namen, diesem Meister
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